Gesundheit : Der Kampf um Betten und Stellen

Am Montag schlägt die Stunde der Wahrheit – an den Universitätskliniken wächst die Nervosität

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Von Bärbel Schubert

Es ist derzeit eines der am besten gehüteten Geheimnisse in der deutschen Wissenschaftslandschaft. Eisern schweigen die Wisenden. Dennoch überschlagen sich kurz vor der Veröffentlichung die Gerüchte und so gut wie sicheren Annahmen über die Ergebnisse. Die Rede ist von dem Gutachten zur künftigen Gestalt der Hochschulmedizin in Berlin, das eine Expertenkommission im Auftrag des Berliner Senats seit März diesen Jahres erarbeitet. Es geht um tausende hoch qualifizierte Arbeitsplätze in der Stadt. Am kommenden Montag wird das Gutachten offiziell dem Bürgermeister übergeben.

Niemand geht heute mehr davon aus, dass das Universitätsklinikum Benjamin Franklin (UKBF) tatsächlich als wissenschaftliche Einrichtung gänzlich geschlossen wird – allerdings äußern sich diejenigen, die zwar Berlins Hochschulmedizin gut kennen, nicht aber das Gutachten. Die Schließung hatte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) im vergangenen Jahr gefordert, um 98 Millionen Euro bei der Hochschulmedizin einzusparen.

Doch bei der Einsparvorgabe von 98 Millionen Euro ist es für die Expertenkommission geblieben. Diese Summe müsste dann auf alle drei Standorte verteilt werden – neben dem UKBF die Charité mit ihren Standorten in Mitte und dem Klinikum Virchow in Wedding. Dazu müssten Forschung und Lehre an allen drei Orten eine grundlegend neue Struktur bekommen – mit deutlichen Einschnitten in allen Bereichen. Doppel- und Mehrfachangebote sollen zusammengeführt werden. Schließungen zumindest von Teilbereichen sind also zu erwarten.

Gerechnet wird auch mit Veränderungen bei den Klinikverwaltungen. Eine Zusammenlegung ist im Gespräch. Geklärt werden muss eben auch, ob sowohl die Freie Universität als auch die Charité ihre medizinischen Fakultäten behalten und wie die Forschungsschwerpunkte verteilt werden. Trotz der Kürzungen sollen bei der Neuordnung die Forschungsstärken in der Stadt erhalten und aufgewertet werden. Voraussetzung: schwache Bereiche werden tatsächlich eingestellt.

Tausende Forschungsstellen

Der Vorsitzende der Expertenkommission, Winfried Benz, will sich vor der offiziellen Präsentation des Gutachtens zu diesen Themen nicht äußern. „Wir versuchen aber ein Optimum für die Medizin in Berlin herauszuholen“, versicherte Benz am Mittwoch dem Tagesspiegel.

Immerhin kann Berlins Hochschulmedizin für sich ins Feld führen, dass sie bundesweit bei der Einwerbung von Forschungsmitteln zur Spitze gehört. Aus den Milliardenbeträgen, die die drei Einrichtungen zusätzlich für ihre Projekte vom Bund und anderen Geldgebern durch ihr Engagement in die Hauptstadt holen, werden inzwischen tausende von hoch qualifizierten Arbeitsplätzen finanziert. Über 2000 sind es allein an der Charité. Jeden eingesparten Euro wird sich Berlins Senat also hinterher in verlorenen Arbeitsplätzen und Forschungsmitteln vorrechnen lassen müssen.

Dennoch, der Kampf um Klinikbetten geht in Berlin schon über mehrere Runden: 1991 waren es 43 000 Krankenhausbetten, in diesem Jahr noch 23 000. Und erneut haben die Kassen gefordert, 5000 Betten einzusparen. Wieviele das umgerechnet für die Forschung wären, ist offen. Bisher werden rund 16 Prozent der Klinikbetten Forschung und Lehre zugerechnet. Auch muss der Vorwurf geklärt werden, ob Berlin noch mehr Klinikbetten pro Einwohner hat als andere Großstädte.

Damit hängt zusammen, wie viele junge Leute künftig in Berlin Medizin studieren können. Nach den Klagen der letzten Jahre über eine angebliche Ärzteschwemme zeichnet sich heute wieder eine Mangelsituation ab. Eine Ursache dafür ist, dass in allen Bundesländern die Finanzminister auf Abbau der teuren Medizinplätze drängen. Nun rächt sich unter Umständen, dass in Berlin die Diskussion über die neue Rolle als Hauptstadt nicht geführt wurde. Soll die deutsche Hauptstadt – ähnlich wie Paris oder London – auch in der Wissenschaft eine herausgehobene Rolle spielen und mehr Studenten ausbilden als andere deutsche Großstädte? Und: wie soll das finanziert werden? Alles hängt auch in der Wissenschaft davon ab, ob Berlin eine Entschuldungslösung gelingt.

Drei Modelle

Alles in allem standen in Berlins Expertenkommission drei Modelle zur Debatte. Das erste: die Medizin wird aus den beiden Universitäten ausgegliedert und zu einer eigenständigen Medizinischen Hochschule zusammengeführt. Ein Beispiel dafür ist die Medizinische Hochschule in Hannover, die seit Jahrzehnten erfolgreich arbeitet. Das zweite: Das Klinikum Benjamin Franklin wird in ein städtisches Krankenhaus umgewandelt und seine Wissenschaftler und ihr Personal von der Humboldt-Universität aufgenommen.

Das Votum der Expertenkommission hat umso mehr Gewicht, weil die Hochschulmedizin bundesweit vor einer Neuordnung steht. Die klinische Forschung in Deutschland steht seit Jahren unter Kritik. Die Krankenversorgung hat so stark Vorrang, dass besonders junge Wissenschaftler die Forschung wie einen Nebenjob betreiben müssen. Sie wandern daher bevorzugt in die USA ab, wo sie ebenfalls gesucht werden. Der Wissenschaftsrat hat angekündigt, dass er sich im nächsten Jahr mit den nötigen Veränderungen befassen wird. Die Empfehlung für Berlin erfüllt folglich eine Vorreiterrolle – trotz des Einspardrucks, unter dem sie gefasst wird.

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