Gesundheit : Der Kampf ums Überleben wird täglich entschieden

Charité-Kliniken wehren sich gegen das Medizin-Gutachten

Konrad Falke,Wolfgang Kox

Von Konrad Falke

und Wolfgang Kox

Das Gutachten zur Neuordnung der Hochschulmedizin in Berlin, das eine Expertenkommission im September dieses Jahres vorgelegt hat, wird vielfach kritisiert. Mit Konrad Falke und Wolfgang Kox melden sich jetzt die Direktoren der beiden Kliniken für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin der Charité zu Wort.

Die Expertenkommission empfiehlt den Wegfall der beiden Lehrstühle an der Charité. Nur am Klinikum Benjamin Franklin (UKBF) soll das Ordinariat erhalten bleiben, weil es das „eher forschungsaktivere“ sei. Diese Einordnung entbehrt der sachlichen Grundlagen. Die Reduktion auf nur einen Lehrstuhl für Anästhesiologie würde den Verlust anästhesiologischer und intensivmedizinischer wissenschaftlicher Qualität in der operativen Medizin der Charité mit 40 000 überwiegend komplizierten chirurgischen Eingriffen bedeuten.

Das Votum der Gutachter für die Anästhesie ist ein gravierender Widerspruch zu fundamentalen Regeln universitärer operativer Medizin. Die vorgesehene Personalstruktur ist völlig verfehlt.

Ein hohes akademisches Niveau dieses Faches ist für die Realisierung interdisziplinärer Forschungsvorhaben im Rahmen der auch vom Gutachten anerkannten Schwerpunkte der Fakultät (Transplantationsmedizin, Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, HNO, Kinder- und Frauenheilkunde, Neuro- und Kieferchirurgie, Urologie sowie Herzchirurgie) unverzichtbar. Anders sind auch die bisher großen Erfolge bei der Versorgung schwerstkranker Patienten der chirurgischen Medizin überhaupt nicht beizubehalten.

Die Entwicklung der Anästhesiologie an der Charité während der letzten Jahre ist hierfür ein eindrucksvolles Beispiel. So entstand am Standort Virchow-Klinikum seit 1988 ein international anerkanntes intensivmedizinisches Behandlungszentrum für das schwere akute Lungenversagen. Die Sterblichkeit der betroffenen Patienten konnte um 65 Prozent gesenkt werden. Hier wurde der extrakorporale Gasaustausch mit Heparin-beschichteten Systemen („künstliche Lunge“) in Deutschland eingeführt.

Erstmals wurde auch ein völlig neues Behandlungskonzept des Lungenhochdrucks (durch Inhalation von Stickstoffmonoxid) klinisch angewandt und zur Therapie akuten Sauerstoffmangels beim schweren akuten Lungenversagen etabliert.

Aktuell ist die Therapie der Sepsis und des septischen Schocks, der häufigsten Todesursache auf Intensivstationen, verbessert worden. Die hohe Qualität der Versorgung schwerstkranker Patienten mit Multiorganversagen wird auch deutlich aus der Tatsache, dass die Sterblichkeit solcher Patienten auf 42 Prozent geschätzt wird, tatsächlich aber auf der anästhesiologischen Intensivstation nur fünf Prozent beträgt.

Ebenfalls zu einem Zentrum der klinischen Forschung hat sich die Anästhesiologie am Standort Mitte seit 1992 entwickelt. International anerkannte Schwerpunkte liegen auf neurowissenschaftlicher Ebene sowie bei Sepsis und Organversagen. Bedeutsam sind auch Schwerpunkte in der Evaluation und Verbesserung standardisierten Vorgehens in der operativen Medizin, wodurch die Verweildauer und Sterblichkeit von multimorbiden, schwerstkranken Patienten signifikant gegenüber vergleichbaren Kliniken gesenkt wurde. Solch standardisiertes Vorgehen ist ein wichtiges Instrument der Qualitätssicherung.

Durch ihre Forschungsleistungen tragen die beiden Einrichtungen in hohem Maße zum wissenschaftlichen Profil der Charité als einem Zentrum operativer Exzellenz bei. Dies wird unterstrichen durch die kontinuierliche Einwerbung von Drittmitteln allein während der letzten fünf Jahre in Höhe von 4,62 Millionen Euro. Außerdem nehmen die Kliniken für Anästhesiologie der Charité dank hoher Zahl wissenschaftlicher Originalarbeiten in renommierten Zeitschriften Platz zwei im Ranking der Anästhesiekliniken an deutschen Universitäten ein.

Darüber hinaus sind in der Charité Patente entwickelt worden, die zur Gründung von zwei Firmen mit hoch qualifizierten Arbeitsplätzen geführt haben. Entgegen der Darstellung im Gutachten findet sich damit für die klinische Anästhesiologie und operative Intensivmedizin bisher die deutlich größere wissenschaftliche Aktivität an der Charité: Ihre Kernkompetenz liegt in der klinisch-orientierten, anästhesiologisch-intensivmedizinischen Forschung, die komplementär zu den Forschungsvorhaben der Anästhesiologie am UKBF in der Schmerzforschung ist.

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