Gesundheit : Der Krimi um den „Krötenküsser“

Er soll Experimente gefälscht haben und beging Selbstmord: Der Fall Paul Kammerer ist bis heute ungeklärt

Matthias Glaubrecht

Am frühen Nachmittag des 23. September 1926 fand man am Schneeberg bei Wien die Leiche eines gut gekleideten Mannes. Die rechte Hand umklammerte eine Pistole, mit der er sich in den Kopf geschossen hatte. Im Abschiedsbrief bittet der Mann um die „Verwertung im Seziersaal eines akademischen Universitätsinstituts, weil ich“, so hofft er, „der Wissenschaft wenigstens auf solche Weise einen kleinen Dienst erweise“.

So endete vor rund 80 Jahren im Alter von 45 Jahren Paul Kammerer, einer der umstrittensten Biologen seiner Zeit. Mit ihm endete auch der größte Wissenschaftsskandal der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wenige Wochen zuvor hatte man den österreichischen Forscher im renommierten britischen Fachjournal „Nature“ beschuldigt, experimentelle Ergebnisse gefälscht zu haben. Umstritten ist bis heute, ob Kammerer Opfer einer Fälschung – vielleicht sogar seiner eigenen – wurde, oder ob er Opfer seiner bizarren Biographie und seiner Behauptung wurde, die Vererbung erworbener Eigenschaften an Kröten und Lurchen nachgewiesen zu haben.

Paul Kammerer war exzentrisch. Das brachte ihm den Namen „Krötenküsser“ ein: Während eines Besuchs auf einem mährischen Schloss hob er als Jugendlicher verzückt eine Kröte auf und küsste sie auf den Kopf. Musisch-künstlerisch begabt und der Damenwelt zugetan, war Kammerer durch seine populären Darstellungen zur Biologie und seine Affären eine schillernde Figur in jener Wiener „Welt von Gestern“, wie sie etwa der Schriftsteller Stefan Zweig beschreibt.

Kammerers Züchtungsexperimente an Feuersalamandern und Geburtshelferkröten sorgten für Aufsehen. Damals waren die Vererbungsgesetze Mendels gerade erst wiederentdeckt worden, die meisten Details der Genetik aber noch unbekannt. Kammerer war geschickt in der Aufzucht von Amphibien. Durch Veränderung der Umweltbedingungen während der Haltung glaubte er, Änderungen im Verhalten und damit verknüpft bestimmte körperliche Merkmale hervorbringen zu können, die sich bereits nach wenigen Generationen im Erbgut der Tiere manifestierten.

So behauptete Kammerer, dass beim gelb-schwarz gefärbten Feuersalamander (Salamandra salamandra) die gelben Flecken größer wurden, wenn er sie auf gelbem Untergrund hielt. Umgekehrt sollte bei schwarzem Grund die Schwarzfärbung zunehmen: Diese erworbenen Veränderungen sollten sich angeblich auf die Nachkommen vererben.

Ähnliches versuchte Kammerer auch bei der Geburtshelferkröte (Alytes obstetricans) nachzuweisen. Diese Tiere paaren sich – ungewöhnlich für Kröten – normalerweise an Land, anschließend wickeln sich die Männchen die befruchteten Eier in einem Klumpen an die Hinterbeine und wachen so über den Nachwuchs. Nachdem Kammerer Kröten durch erhöhte Temperatur dazu zwang, sich wie alle übrigen Amphibien im Wasser zu paaren, übertrug sich dieses Verhalten auch auf die wenigen überlebenden Jungen.

Den Männchen der Geburtshelferkröte wuchsen wieder die für Frösche typischen Begattungsschwielen. Das sind dunkle, raue Flecken an den Vorderbeinen, mit denen sich die Männchen bei der Paarung im Wasser an den glibschigen Weibchen festklammern. Neben dem Verhalten, sich wieder ins Wasser zu begeben, waren auch die körperlichen Merkmale innerhalb weniger Generationen erblich geworden. Das behauptete zumindest Kammerer wiederholt in wissenschaftlichen Arbeiten, Büchern und Vorträgen, die ihn Anfang der 1920er Jahre auch im Ausland berühmt machten. Für Kammerer war die Umwelt alles; sie konnte angeblich jedes Lebewesen modifizieren. Die erblichen Folgen von Erziehung und künstlerischen Leistungen, so hoffte er – und sicherlich viele andere – könnten mithin zu dauerhaftem Fortschritt der Menschheit führen.

Früh regten sich ernsthafte Zweifel an Kammerers Experimenten. Seine Angaben über die Dauer der Züchtungen und Anzahl der Generationen waren widersprüchlich. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten begnügte er sich mit schematischen Zeichnungen oder retuschierten Aufnahmen anstatt Originalfotos zu zeigen. Andere Biologen versuchten seine Zuchtexperimente nachzuvollziehen, stets ohne Erfolg.

Schließlich besiegelten die Geburtshelferkröten sein Schicksal. Der amerikanische Zoologe Gladwyn K. Noble fand bei Nachuntersuchungen in Kammerers Wiener Institut, dass die dunklen Flecken an den Vorderbeinen keine Paarungsschwielen waren, sondern durch Tinte erzeugt wurden.

Zudem stammten die in Kammerers Arbeit abgebildeten histologischen Präparate von einer anderen Krötenart der Gattung Bombinator. Am 7. August 1926 erschien Nobles vernichtender „Nature“-Bericht in London – kurz darauf beging Kammerer Selbstmord. Dies wurde als Schuldeingeständnis aufgefasst.

In dem 1971 erschienenen Buch „Der Krötenküsser“ rollt der Schriftsteller Arthur Koestler die Vorgänge noch einmal auf. Ende der 1920er Jahre dichtete der russische Kommissar für Volksbildungswesen Lunatscharski mit dem Film „Salamandra“ den Fall tendenziös um: So bekam der missionarische Eifer von Kammerer, der kurz vor seinem Tod auf eine Professur in Moskau berufen worden war, auch eine politische Dimension.

Am Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität, Invalidenstraße 43, startet am heutigen Donnerstag, 16. November, um 19 Uhr mit dem Fall Kammerer die Reihe „Filmwelten der Wissenschaft“. Der Schauspieler Hanns Zischler liest aus dem Buch „Der Krötenküsser“. Im Anschluss ist der Stummfilm „Salamandra“ mit Klavierbegleitung zu sehen. Eintritt: 5 Euro.

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