Gesundheit : Der Kulturkämpfer

Die Kunstgeschichte ins Gespräch gebracht: Horst Bredekamp erhält den Max-Planck-Preis

Michael Zajonz

Horst Bredekamp spricht von seinem „libidinösen Verhältnis“ zum Beruf. Und sogleich liefert der Kunsthistoriker den Beweis. Als der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme, sein Kollege vom Sonderforschungsbereich „Transformationen der Antike“ an der Humboldt-Universität zu Berlin, kurz bei ihm vorbeischaut, um ein druckfrisches Buch vorzuzeigen, ist Bredekamp beinahe so stolz und übermütig wie der Erzeuger. Zärtlich blättert er durch die Kapitel, steckt seine Nase zwischen die Seiten, um den Duft der frischen Druckware einzusaugen.

Bredekamp beginnt sich zu entspannen. Beinahe vergessen das einstündige Gespräch, in dem er Hegels Ästhetik oder die Forschungen seines großen Vorbilds Aby Warburg Revue passieren ließ: in langen, einschüchternd komplexen Sätzen. Entlassen wird er den Gast mit ein paar Andeutungen über Fußball, über dessen Verbreitung im Florenz der Medici er nicht nur ein wunderbares kleines Buch geschrieben hat, sondern den er selbst regelmäßig spielt. Gleich in der Nachbarschaft des Kunsthistorischen Instituts, zur Entspannung an der frischen Luft.

Als Wissenschaftler lebt Bredekamp, Jahrgang 1947 und seit 1993 Professor an der HU, unter Hochdruck – äußerst produktiv und immer engagiert. Vorläufiger Höhepunkt seiner Karriere: Mitte Juli erhält Bredekamp, gemeinsam mit der amerikanischen Kunsthistorikerin Alina A. Payne, in Frankfurt den mit 1,5 Millionen Euro dotierten Max-Planck-Forschungspreis.

Die Kunstgeschichte, die lange als Orchideenfach galt, hat Bredekamp wieder ins Gespräch gebracht: mit Büchern, die scheinbar entlegene Themen wie das bildliche Denken des englischen Staatstheoretikers Thomas Hobbes ebenso unterhaltsam wie gelehrt zuspitzen. Mit allgegenwärtiger Gremien- und Lobbyarbeit, zuletzt im Wissenschaftsrat zur „Zukunft der Geisteswissenschaften“. Mit Wortmeldungen, etwa zum Rechtsstreit zwischen Architekt von Gerkan und Bahnchef Mehdorn über die Gestaltung des Lehrter Bahnhofs – natürlich parteiergreifend für den Baukünstler. Bredekamp nimmt kein Blatt vor den Mund. Damit macht er sich nicht nur Freunde. Vor ein paar Jahren rief er den „Aufstand der Kunstgeschichte“ aus, der darauf zielte, sich mit dem historisch-kritischen Instrumentarium des Fachs Themen wie Werbung, Design, Film und neuen Medien zuzuwenden. Bredekamp wird nicht müde zu betonen, dass Kunsthistoriker wie Alois Riegl und Aby Warburg mit dieser methodischen Aufweitung schon vor hundert Jahren begonnen hätten. Für seine Generation sei es einfach eine Notwendigkeit, Kunstgeschichte als Wissenschaft „in dem Reichtum und Anspruch zu rekonstruieren, den sie vor 1933 schon einmal besessen hat“.

Geschmerzt hat ihn, dass die Geisteswissenschaften der Humboldt-Uni im Elitewettbewerb gescheitert sind. Beworben hatte man sich mit einem Forschungs-Cluster zum Prinzip der „produktiven Zerstörung“. Ein aus der Ökonomie entlehnter Begriff, den Bredekamp selbst schon an der Baugeschichte von St. Peter in Rom überprüft hat und den er nun auf Berlin bezogen sehen wollte. Neben den Philologen und Philosophen der HU sollten auch Biologen beteiligt werden. Nach der Ablehnung in der ersten Runde sei diese Idee jedoch „verbrannt“.

Vorerst treiben Bredekamp zwei große Forschungsthemen um: die nordspanische Skulptur des 11. Jahrhunderts im Umkreis von Santiago de Compostela – die Liebe zur Skulptur begleitet ihn seit dem Volontariat am Frankfurter Liebighaus 1974 – und eine Theorie des Bildakts, die er jetzt erstmals in einer Vorlesung umkreisen will. Vorher wird seine Abhandlung über Galileo Galilei erscheinen, genauer: über Galileo, den ausgebildeten Zeichner, der sich zeichnend über die Konsistenz der Sonnenflecken klar wird. Bredekamps Augen blitzen. Für neue Projekte kann er nun mit dem üppigen Max-Planck-Preisgeld rechnen, das Wissenschaftler bekommen, „von denen weitere Spitzenleistungen zu erwarten sind“.

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