Gesundheit : Der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme zieht eine schwarze Bilanz des zwanzigsten Jahrhunderts

Torsten Krüger

An Jahrhunderte klebt man gern Etiketten: Das achtzehnte Jahrhundert war das der Aufklärung, das Neunzehnte das der Industrialisierung. Und das Zwanzigste? Das Jahrhundert der Demokratisierung vielleicht, oder das der Globalisierung? Viele Etiketten sind denkbar, viele wurden in den letzten Wochen geprägt. Hartmut Böhme, Professor für Kulturtheorie und Mentalitätsgeschichte an der Humboldt-Universität, fügt ihnen eine "Definition Noir" hinzu: "Das Jahrhundert der Völkermorde". In den vergangenen hundert Jahren, so Böhme bei einem Vortrag über den Genozid im zwanzigsten Jahrhundert, habe es mehr Tote durch Völkermorde gegeben, als in den 2500 Jahren davor. Das zwanzigste Jahrhundert sei das mit der größten Gewaltrate in der Geschichte. Nach vorsichtigen Schätzungen seien an jedem einzelnen Tag 465 Menschen durch Massenmorde zu Tode gekommen. Massakriert aus ethnischen, religiösen, sozialen oder politischen Gründen. Umgebracht in Gefängnissen, Lagern und Gettos, durch Zwangsarbeit, gezielte Unterernährung oder Krankheit.

Böhme stützt sich auf die Zahlen des Politologen Rudolph J. Rummel. Dessen 1995 veröffentlichte Untersuchungen machen deutlich, dass die Zahl der Opfer von Massenmorden die der im Krieg getöteten Soldaten bei weitem übersteigt. Damit allerdings macht das zwanzigste Jahrhundert keine Ausnahme. Schon bei den Feldzügen der Assyrer und der Eroberung Amerikas durch die Spanier waren mehr Menschen als Folge der imperialen Landnahme dahingemetzelt worden als bei den unmittelbaren Kampfhandlungen.

Charakteristisch für das zwanzigste Jahrhundert sei, so Böhme, der Typus des "Domestic Genocides". Der moderne Massenmord sei staatlich organisiert und richte sich vor allem gegen die eigene Bevölkerung. So wurden in Mexiko in den ersten 20 Jahren dieses Jahrhunderts 1,4 Millionen Menschen durch staatliche Terror umgebracht; in der Türkei etwa 5,5 Millionen - vor allem Armenier. Zwischen 1970 und 1980 ermordeten die Roten Khmer in Kambodscha 3,3 Millionen Männer. In der UdSSR wurden zwischen 1917 und 1987 durch staatlichen Terror 54,7 Millionen Menschen ermordet, die allesamt zum eigenen Staatsgebiet gehörten. Die Terrortoten der Nazis seien insofern eine Ausnahme, da die weitaus meisten der insgesamt 20,9 Millionen Opfer nicht zur deutschen Bevölkerung gehörten.

Natürlich dürfe die Alltäglichkeit des Völkermords im zwanzigsten Jahrhundert die Massenmorde der Nazis nicht im mindesten relativieren, so Böhme. Zweifellos sei der Holocaust der zentrale Bezugspunkt der deutschen Geschichte in dieser Zeit. Das entbinde aber nicht davon, "dass die Ratifizierung der Genozidkonvention durch den deutschen Bundestag 1954 auch für das deutsche Nachdenken des Genozids Konsequenzen haben muss", mahnt Böhme und kritisiert gleichzeitig Rummels optimistische Darstellung demokratischer Staaten. Der Politologe hatte einen direkten Zusammenhang zwischen der Regierungsform eines Staates und der Höhe der staatlichen Massenmorde festgestellt. Demnach werden Massenmorde auf eigenem Territorium fast ausschließlich von nicht-demokratischen Staaten verübt, vor allem von totalitären Regimen. Dieser Ansatz, so Böhme, ignoriere vollkommen die möglichen Verstrickungen demokratischer Staaten in das politische Geschehen totalitaristischer Länder. Auch das Wohlstandsgefälle zwischen reichen Demokratien und armen Ländern, das eine der Ursachen für Totalitarismus und Genozid sein könne, bliebe unbeachtet.

Mit Blick auf das kommende Jahrhundert stellt der Kulturwissenschaftler die Frage, ob der Begriff des Genozids, der auf der Definition von Mord basiert, also eine nachweisbare Absicht erfordert, heute noch eine ausreichende Grundlage für eine völkerrechtliche Diskussion sei. Täglich 33 000 Kinder, die vor ihrem 5. Lebensjahr sterben, erforderten eine veränderte Wahrnehmung, so Böhme. Der Tod im zwanzigsten Jahrhundert sei organisiert, das gelte auch für das weltweite Massensterben durch Hunger. Organisiert sei hierbei nicht der Mord, nicht das Handeln, sondern das Nichthandeln. Dabei bestünde kein Zweifel, dass aus verschiedenen UN-Konventionen ein Nahrungsanspruch als Menschenrecht abzuleiten sei. So etwa aus Artikel 25 der UNO-Menschenrechtsdeklaration von 1948.

"Die reichen Demokratien haben den Genozid externalisiert, isoliert und sich mit einer großen Fülle staatlicher und ökonomischer Maßnahmen dagegen abgeschirmt", diagnostiziert Böhme. Sein Ausblick auf das folgende Jahrhundert gerät denn auch ähnlich dunkel wie sein Rückblick: "Kein moderner Staat wird mehr so etwas plumpes wie die Nazis machen. Es wird neue, elegantere, raffiniertere Methoden geben."

0 Kommentare

Neuester Kommentar