Gesundheit : Der Kunsthochschüler Martin Spangenberg entwarf eine extravagante Form der Therapie für Hautkrankheiten

Tom Heithoff

Möglicherweise ist die Kunst der Zahnbehandlung gar nicht so weit entfernt von der Kunst der Gestaltung. Martin Spangenberg, der als Meisterschüler an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studiert, kommt über einen nicht ganz gewöhnlichen Weg zu seinem Studienfach, dem Produkt-Design: Erst nach eineinhalb Jahren des Studiums der Zahnmedizin merkte er, dass ihm die kreative Gestaltung von Produkten besser liegt. Für den Außenstehenden ist das ein Sprung in eine ganz andere Welt. Spangenberg (Jahrgang 1970) selbst sieht aber auch die Gemeinsamkeit: das Handwerkliche. "Das das Ertüfteln und Bauen ist von Kindheit an ein Steckenpferd von mir gewesen", sagt er. Irgendwie hat er recht. Denn ein Gebiss soll wie ein Rasierapparat einerseits funktionieren, andererseits aber auch einigermaßen aussehen.

Das Studium zur Design-Kunst schließt Spangenberg nach fünf Jahren mit dem Diplom ab. Und als hätte ihm die Medizin während dieser Zeit mahnend ein "Vergiss mich nicht!" zugerufen, spielt sie in seinem Abschlussprojekt wieder eine wichtige Rolle. Allerdings guckt Spangenberg hierbei nicht auf die Zähne, sondern auf die Haut. Für sein Diplom entwickelte er - unterstützt von der medizintechnischen Firma OptoMed in Adlershof - ein flexibles Lichtleitungssystem. Wer so etwas braucht? Patienten, die unter Hautkrankheiten wie Neurodermitis leiden, zum Beispiel. Neben der medikamentösen Behandlung können diese Patienten seit einigen Jahren schon die Phototherapie nutzen. Die dafür verwendeten Geräte - starre Röhren oder Kabinen, in die man sich legen oder stellen muss - haben jedoch gravierende Nachteile. "Bei Bestrahlungszeiten von bis zu einer halben Stunde ist dies eine sehr unangenehme und auch nicht ganz ungefährliche Prozedur", so Spangenberg. "Wer das Gleichgewicht verliert, kann sich an den Röhren verbrennen oder am Glas verletzen."

Ein weiteres Manko sei, dass diese Geräte fast nur in Krankenhäusern stehen und nicht in den Praxen. Umständliche Überweisungen sind also nötig. Auch aus diesem Grunde seien die Behandlungskosten so hoch, dass die Kassen sie nicht übernehmen. Für Menschen mit eingeschränkter Bewegungsfähigkeit, und das ist ein weiterer Aspekt, kommt die Bestrahlung in den starren Röhren oft gar nicht in Frage. "Behinderte, die im Rollstuhl sitzen, sind von der bisherigen stationären Lichttherapie so gut wie ausgeschlossen".

Leicht, flexibel einsetzbar und vergleichsweise billig ist die Spangenbergsche Lösung, zu der ihn ein bereits bestehendes System aus den USA inspiriert hat. Dort werden schon seit einigen Jahren Babys, die unter Neugeborenen-Gelbsucht leiden, mit Blaulicht bestrahlt, das in eine Liege-Matte geleitet wird. Das müsse doch auch mit UV-Licht funktionieren, dachte sich Spangenberg, und begann zu tüfteln.

Nicht den Patienten zur Licht-Röhre, sondern das Licht zum Patienten bringen - das ist Spangenbergs Idee. Über optische Fasern wird künstliches Licht in eine flexible Kunststoff-Schicht geleitet, die das Licht nur in eine Richtung - zur Haut hin - abgibt. Unangenehme Wärme ensteht dabei nicht. Auch für Kleinkinder bringt es Vorteile, wenn bei der Behandlung die Lichtmanschetten wie ein Kleidungsstück ("Alle Formen sind möglich, von der Manschette bis zur Windel") um die erkrankte Hautpartie gelegt werden können. Der Erfinder weiß jedenfalls um den Sinn. "Mein Anliegen war, den Patientenkreis zu erweitern", sagt er. Über die gezieltere Anwendung hinaus machen die Lichtmanschetten - ganz anders als die Lichtkabinen - den Patienten auch keine Angst.

Spangenberg versteht sein Konzept als "gestalterische Anregung für eine zukünftige Lösung". Das heißt, die Patienten werden auf die flexible Strahlerfläche noch warten müssen, da weitere "Entwicklungsarbeit auf technischem und werkstofftechnischem Gebiet nötig" ist. Die Verbesserung der Gerätemedizin ist für Spangenberg eine "lohnende Aufgabe". Doch ob er damit einmal sein Geld verdienen wird, steht noch in den Sternen. Zu vielfältig sind seine Interessen. Das zeigen seine im Studium entwickelten Projekte. Die reichen vom Sonnenkollektor bis zum Rasierer mit Schwungradantrieb. Neben der Medizintechnik reizen ihn besonders das Produktdesign im Energiesektor und für Verpackungen. Aber vielleicht erfüllt er sich ja auch einen alten Traum und Spangenberg entwickelt eines Tages ein neues Musikinstrument. Keine Gitarre mit neuer Optik, sondern etwas, das bislang nicht gehörte Töne erzeugt. Dass das Ding auch gut aussehen wird, dürfte sich von selbst verstehen.Aus der Tagesspiegel-Serie "Unikate"

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