Gesundheit : Der Leuchtturm flackert

Die Charité steht gut da. Aber Sparzwänge und politische Einflussnahme bedrohen ihre herausragende Stellung

Uwe Schlicht

Keine der vier Universitäten in Berlin wirbt so viele Drittmittel in der Forschung ein wie die Charité. Manche Universität in Deutschland wäre froh, wenn sie auch nur annähernd so viele Großvorhaben der Forschung in Gestalt der Sonderforschungsbereiche betreuen könnte. Die Berliner Hochschulmedizin ist ein Leuchtturm. Gleichzeitig ist sie aber ein Sorgenkind. Bis 2010 müssen dort im schlimmsten Fall 266 Millionen Euro gespart werden. Diese Summe entspricht dem Jahresetat einer großen Universität. Auch den Krankenkassen ist die Charité zu teuer. Aber für die Wirtschaft ist sie ein unentbehrlicher Partner. Die Industrie- und Handelskammer nennt die Charité „Kopf und Herz der Gesundheitsregion“ und „Leitbild für den Wissenschaftsstandort Berlin“.

Bei so unterschiedlichen Einschätzungen stellt sich die Frage: Wo steht die Charité heute? Wir haben darüber mit dem Vorstandsvorsitzenden der Charité, Detlev Ganten, dem Forschungsdekan Robert Nitsch, dem ehemaligen Ärztlichen Direktor Manfred Dietel, dem Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, Karl-Max Einhäupl und Wissenschaftssenator Thomas Flierl gesprochen.

GUTE DRITTMITTELBILANZ. Dass die Charité in Deutschland einen Spitzenplatz unter den 34 Universitätsklinika in Deutschland einnimmt, ist unumstritten. Das letzte repräsentative Ranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) auf der Datenlage bis zum Jahr 2001 setzt die Charité auf den vierten Platz hinter den medizinischen Fakultäten der Universitäten München, Würzburg und Heidelberg. Damals war jedoch die Charité der Humboldt-Universität (HU) noch nicht mit dem Klinikum Benjamin Franklin der Freien Universität fusioniert. Die Höhe der eingeworbenen Drittmittel, die Zahl der Sonderforschungsbereiche und der klinischen Forschergruppen der DFG wurden getrennt gezählt. Damals kam die Charité der HU auf nahezu 50 Millionen Euro und vier Sonderforschungsbereiche. Heute zählt die fusionierte Charité 110 Millionen Euro an eingeworbenen Drittmitteln, acht Sonderforschungsbereiche und vier klinische Forschergruppen der DFG.

Detlev Ganten geht vor dem Hintergrund einer so rasanten Steigerung davon aus, dass die Charité bei der Höhe der eingeworbenen Drittmittel heute wahrscheinlich bundesweit auf dem ersten Platz steht. Fusionieren jedoch in absehbarer Zeit die beiden Münchener Universitätsklinika, dann dürfte München die Charité erneut überholen. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Karl Max Einhäupl, sieht es so: „Die Charité rangiert unter den ersten drei Medizinstandorten in Deutschland.“

EXZELLENTE FORSCHUNG. Die Erfolgsstory der Charité ist damit noch nicht abgeschlossen. Der Zuschlag für einen Supersonderforschungsbereich als DFG-Zentrum in der regenerativen Medizin ist zwar an die Universität Dresden gegangen, aber das Konkurrenzkonzept der Charité war so gut, dass es beim Bundeswissenschaftsministerium Aufsehen erregte. Jetzt hat die Charité für den Exzellenzwettbewerb von der Humboldt-Universität einen Forschungscluster unter dem Namen „Casus“ anmelden lassen. Dabei geht es um die Erforschung der Evolution von Immunsystem und Nervensystem unter Einbeziehung von starken Elementen der Theoretischen Biologie. Außerdem bereitet sich die Charité auf vier weitere Sonderforschungsbereiche vor.

Um die nötige Dynamik zu erhalten, vergibt die Charité einen immer größeren Anteil der Forschungsgelder nach dem Leistungsprinzip und nicht mehr an die Erbhöfe von veralteten Berufungszusagen. Heute sind es 30 Prozent, im Jahr 2010 sollen es 100 Prozent werden, kündigt Detlev Ganten an – und findet Unterstützung beim Wissenschaftsrat. Der Vorsitzende Einhäupl bringt es auf die Formel: „Wer nicht forscht, braucht auch keine Forschungsgelder und keine Labors.“

Forschungsdekan Robert Nitsch nennt sechs Schwerpunkte der Forschung an der Charité: die Immunologie, die Onkologie (Krebsforschung), die Neurowissenschaften, die Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die regenerative Therapie unter Einbeziehung der Transplantationsmedizin sowie das Pädiatrische Zentrum (Kinderheilkunde) am Standort Rudolf Virchow.

Seitdem die Charité der Humboldt-Universität mit dem Klinikum Benjamin Franklin der Freien Universität fusioniert ist, ist eine riesige Neuorganisation in Gang gesetzt worden. Aus 120 Kliniken und Instituten sind 17 Zentren geworden.

HOHE FINANZIELLE BELASTUNG. Das Jahr 2010 ist die Zielmarke für eine Sparpolitik, die in der Wissenschaft ohnegleichen ist. Bis zu 266 Millionen Euro müssen allein in der Hochschulmedizin gespart werden. Darin sind 98 Millionen Euro enthalten, die vom Land Berlin als Staatszuschuss für Forschung und Lehre der Charité abgezogen werden. Bei einem solchen Einsparvolumen kann die derzeitige Zahl von 220 Professoren nicht gehalten werden. Für die fernere Zukunft rechnet die Charité nur noch mit 155 Professuren.

Die Charité will diesen Aderlass außerdem mit der Einsparung von 2000 Personalstellen erreichen. Um diesen Abbau zu dosieren, möchte Ganten pro Jahr nicht mehr als 400 Stellen opfern. Voraussetzung dazu ist jedoch eine Einigung mit den Gewerkschaften noch in diesem Jahr – und die ist nicht in Sicht. Wissenschaftssenator Flierl machte bei seinem jüngsten Charitébesuch deutlich, dass es entweder zu einer Tarifvereinbarung mit Sozialplänen für den Personalabbau komme oder das Land Berlin dem Charitévorstand zu betriebsbedingten Kündigungen raten werde. Flierl betonte, dass bereits über die Laufzeit eines solchen Tarifvertrages gestritten werde. Die Gewerkschaften peilen eine Laufzeit bis zum Jahr 2017 an, der Charitévorstand biete eine Dauer bis 2012 an, dem Land Berlin wäre als Endpunkt das Jahr 2010 lieber.

NEUE KRANKEN-

HAUSFINANZIERUNG. Die Berechnung nach Bettenzahl und Liegezeit wird durch die Fallpauschalen abgelöst. Die für alle Krankenhäuser gleichen Entgelte pro Fall werden jedoch den Kliniken mit einer Maximalversorgung nicht gerecht und bedürfen weiterhin jährlicher Korrekturen, wenn die Universitätsmedizin nicht schweren Schaden nehmen soll. Das ist herrschende Meinung nicht nur in der Charité. Aber es kommt eine besondere Berliner Note hinzu, die der Wissenschaftsrat wiederholt moniert hat. „Berlin muss sich des Juwels Charité bewusst sein“, sagt Einhäupl. Die Charité sei für Berlin auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und müsse Schrittmacher bleiben. Die Politiker sollten der Hochschulmedizin gegenüber anderen Krankenhäusern in der Stadt Priorität einräumen – im Interesse des Wissenschaftsstandortes. In Forschung und Lehre sei mit einer Einsparung von 98 Millionen Euro die Grenze erreicht. Auf keinen Fall dürften künftige Defizite aus der Krankenversorgung mit den Geldern für Forschung und Lehre querfinanziert werden.

BEDROHLICHES HOCHSCHULMEDIZINGESETZ. Wissenschaftssenator Flierl will die Übergangsbestimmungen aus der Fusionszeit bis zum Januar 2006 durch ein Universitätsmedizingesetz ablösen. Der Entwurf macht weder die Wirtschaft noch die Leiter der Charité glücklich. Die Industrie- und Handelskammer hat in einem Brief an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit bemängelt, dass der Charité als Leitbild für den Wissenschaftsstandort Berlin mehr Autonomie eingeräumt werden müsse, als es das Gesetz vorsieht. Dem Ziel, mehr Effizienz zu erreichen, diene es nicht, wenn durch zu viel Mitbestimmung in 23 Organen mehr Bürokratie und wechselseitige Blockaden erzeugt werden. Detlev Ganten hat in einem Brief an Wowereit eine ähnliche Kritik geäußert.

Unter den führenden Medizinern der Charité wächst die Ungeduld. Im Aufsichtsrat würden ungeklärte Kontroversen der Politik durch Senatoren und Interessenvertreter ausgetragen, heißt es. Außerdem stünden sich die Präsidenten der Freien Universität und der Humboldt-Universität zu häufig in Kontroversen gegenüber. Hier schimmere noch das alte Standortdenken durch. Der Prodekan für die Forschung, Robert Nitsch, bringt es auf den Punkt: „Bisher haben wir keine Entlassung in die Autonomie erreicht. Im Aufsichtsrat gibt es zu viel Berliner Politik. Wenn es unter den politischen Rahmenbedingungen so weiterläuft wie bisher, werden wir zum nachgeordneten Bäderbetrieb des Landes Berlin.“

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