Gesundheit : Der Lockruf des Grashüpfers

Bruchteile von Sekunden entscheiden über die Partnerwahl

Sven Schade

Jeder kennt den zirpenden Gesang der heimischen Heuschrecken. Von Ende Juni bis in den Spätsommer hört man auf Wiesen und Feldern die männlichen Grashüpfer. Sie streichen mit ihren Hinterbeinen über das Flügelpaar und erzeugen somit den typischen Lockruf für das weibliche Geschlecht. Und die Weibchen hören genau hin, wie Berliner Forscher herausgefunden haben.

Ganz im Sinne der sexuellen Selektion versuchen die Männchen, sich mit möglichst vielen Weibchen zu paaren. Die Weibchen hingegen müssen eine Auswahl zwischen ihren Partnern treffen. Und die Kommunikation über den Lockruf spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern am Sonderforschungsbereich Theoretische Biologie an der Berliner Humboldt-Universität hat den Lockruf des Nachtigallgrashüpfers („Chorthippus biguttulus“) genau analysiert. „Ein solcher Gesang besteht aus mehreren schnarrenden, aufeinander folgenden Silben“, sagt Andreas Herz. Er hat die Zeitverhältnisse und Frequenzbereiche der flirtenden Lockrufe mittels Computer studiert.

„Wir haben mit dem Computer die natürlichen Gesänge akustisch modifiziert." In Tonhöhe und Silbenlänge waren sich alle künstlich erzeugten Gesangsvarianten gleich. Sie unterschieden sich lediglich in ihrer feinen Zeitstruktur innerhalb einer Silbe.

Um nun herauszufinden, wie präzise diese Zeitstruktur wahrgenommen wird, haben die Verhaltensbiologen elektrophysiologische Messungen gemacht, sagt Bernhard Ronacher. „Wir haben die neuronalen Reaktionen an den Rezeptoren des Hörorgans bei den Weibchen aufgezeichnet.“ Eine aus diesem Experiment gewonnene Erkenntnis lautet schlicht, dass die Grashüpferdamen extrem gut zuhören können. Sie achten auf ein perfektes Timing des Gesangs. Die Weibchen können noch Unterschiede und Unregelmäßigkeiten im Gesang von nur zwei bis zehn Millisekunden Dauer wahrnehmen.

Die Schönheit des Gesangs entscheidet über Erfolg und Misserfolg des männlichen Werbens. Das Phänomen der „Schmuckbildung bei Tieren“ ist schon seit Darwin bekannt: Im Allgemeinen sind die Weibchen einer Art seltener paarungsbereit. Damit die Männchen das andere Geschlecht dennoch herumkriegen, bilden sie einen raffinierten Schmuck aus, so der Grashüpfer den Gesang.

Gelegentlich kommt es bei Grashüpfern zu Häutungsproblemen, die auf einen genetischen Defekt zurückzuführen sind. Die entsprechenden Männchen mit beschädigten Beinen oder verkrüppelten Flügeln können kein gleichmäßiges, symmetrisches Schlagmuster erzeugen. Das Weibchen erkennt diesen Lockruf als asymmetrisch und meidet daraufhin den Werber.

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