Gesundheit : Der Mensch – eine Laune des Kosmos

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Von Bas Kast

Als Freud sich dem Ende seiner Tage näherte, stellte er sich die Frage, was die großen Entdeckungen der Menschheit auszeichnete. Dann schoss es ihm in den Kopf: Es war die Demütigung des Menschen. Kopernikus war der Erste: Die Sonne, sagte der Astronom, dreht sich nicht um die Erde, sondern umgekehrt, wir drehen uns um die Sonne. Darwin war der Zweite: Nicht von Gott, sagte der britische Biologe, sondern von den Affen stammen wir ab. Und Freud selbst lieferte uns die dritte große Demütigung: In unserem Kopf, sagte er, regiert nicht die Ratio, sondern das Unbewusste.

Wenn Freud Recht hatte, dann war Stephen Jay Gould ein ganz Großer. Kaum ein Wissenschaftler der heutigen Zeit hat sich so darauf verstanden, den Menschen herabzustufen. „Menschen sind nicht das Endresultat einer vorhersehbaren Evolution“, lautete einer seiner Leitgedanken, „sondern ein zufälliger Einfall des Kosmos, ein winziger Ast an dem blühenden Busch des Lebens. Würde man dieses Gebüsch noch einmal pflanzen, der Ast würde ziemlich sicher nicht wieder wachsen.“ Wir sollten bloß nicht so überheblich sein, sagte Gould. Schon die Bakterien seien viel erfolgreicher als wir.

Am Montag starb der Biologe. Im Alter von 60 erlag Gould einem Lungenkrebsleiden in seiner Loft in Manhatten.

Die Legende Gould beginnt im Alter von fünf Jahren. Damals, als der Vater den Sohn mit in das New Yorker Naturkindemuseum nimmt, wo ein Skelett des blutrünstigen Dinosauriers Tyrannosaurus Rex steht. „Seit diesem Tag träumte ich davon, Paläontologe zu werden.“

Aus dem Traum wird bald Wirklichkeit: Zwanzig Jahre später, im Alter von 26 Jahren, ist Gould bereits Harvard-Professor. Und schon bald landet er seinen ersten großen Coup: Zusammen mit seinem Kollegen Niles Eldredge entwickelt er die Theorie des „punktuellen Gleichgewichts“ (punctuated equilibrium).

Schon immer war es ein Dorn in den Augen der Darwinisten, dass die Fossilien, die man vorfand, sich nicht ganz mit der Theorie deckten. Darwins Theorie behauptete: Die Entwicklung der Arten geht kontinuierlich vonstatten, in kleinen Schritten. Die Fossilien aber schienen eine andere Sprache zu sprechen: Jahrmillionen verstrichen, in denen nahezu nichts geschah. Die Fossilien blieben praktisch identisch. Und dann plötzlich, innerhalb von ein paar zehntausend Jahren, sahen die fossilierten Funde auf einmal anders aus.

Ein gefundenes Fressen für die Erzfeinde des Darwinismus, die Kreationisten! Arten, sagen sie, haben sich nicht Schritt für Schritt entwickelt, nein, Gott hat sie auf die Erde gepflanzt, und zwar im fertigen Zustand. Genau das würden die Fossilienfunde belegen.

Tatsächlich blieb den Anhängern Darwins nichts anderes übrig als ein unbefriedigendes Hilfsargument: Doch, sagten sie, die Entwicklung geht Schritt für Schritt, der einzige Grund, weshalb die Fossilienfunde das nicht zeigen, liege darin, dass sie unvollständig sind.

Und dann kamen Gould und Eldredge und sagten: Darwin hatte recht, es gibt eine Entwicklung. Sie ist nur nicht so kontinuierlich, wie er glaubte. Es gibt Sprünge. Es gibt Zeiten, da tut sich nichts, Zeiten des Gleichgewichts. Und dann, plötzlich, wird das Gleichgewicht punktuell unterbrochen, die Arten ändern sich – ausgelöst etwa durch eine Umweltkatastrophe.

Bis heute streiten sich die Geister darüber, wie stetig die Evolution von statten ging. „Es ist nach wie vor noch ein Kampf“, sagt Eldredge heute.

Schon bald folgte die zweite Kampfansage. Jetzt ging Gould den „Adaptionisten“ an den Kragen. Die Adaptionisten glauben, dass so gut wie jedes Merkmal einer Art eine bestimmte biologische Funktion erfüllt – eine Sache, die für viele selbstverständlich klingt.

Gould aber zweifelte am Adaptionismus. Vieles, was uns ausmacht, sagte er, entstand unter dem Zwang des schon Vorhandenen. Es hat keine Überlebensfunktion. Warum haben Landtiere vier Beine? Nicht, weil es die schnellste Methode ist, sich fortzubewegen, sondern weil wir nun mal von Fischen mit vier Flossen stammen.

Ein schönes Beispiel ist das menschliche Gehirn. „Das meiste, was unser Hirn tut“, sagte Gould, „ist nicht das Resultat natürlicher Auslese.“ Das Schlimmste, sagte er, was die Entwicklung eines großen Gehirns seinem Besitzer gestattet einzusehen, ist der eigene Tod. Es gibt nichts, was uns so geprägt hat. „Denken Sie daran, wie stark unsere Architektur, unsere Religion, unsere ganze Kultur von dieser schrecklichen Tatsache bestimmt wurde“, sagte Gould. „Und doch können Sie nicht sagen, dass unser Hirn so groß wurde, damit wir unsere eigene Sterblichkeit einsehen.“

Der Adaptionismus – in Goulds Augen hatte er Ähnlichkeit mit einem Bonmot Voltaires. Auf die Frage, warum wir eine Nase hätten, antwortete der französische Aufklärer: Damit sie eine Brille halten könne.

Gould hatte sich inzwischen nicht nur unter Biologen, sondern auch unter Laien einen n gemacht. Nicht zuletzt wegen eines heroischen Vorhabens, das er tatsächlich unermüdlich durchzog: Jeden Monat schrieb er für „Natural History“, das Magazin des New Yorker Naturkundemuseums, das ihn als Kind so geprägt hatte, einen Essay. Nie versagte er. Zwischen 1974 und 2001 sind so 300 Essays erschienen.

Wie kaum ein anderer Biologe hatte sich Gould in der Öffentlichkeit einen Namen gemacht. Als Mitte Februar letzten Jahres die Entzifferung des menschlichen Genoms bekanntgegeben wurde, war er es, der für die „New York Times“ den Leitartikel schrieb. Sein Kurs an der Harvard-Universität „Thinking about Thinking“ gehörte zu den populärsten der Elite-Uni – 600 begeisterte Hörer Woche für Woche waren das Minimum.

Anfang dieses Jahres schließlich schien sein Höhepunkt gekommen: Gould veröffentlichte sein Lebenswerk, ein Opus Magnum, bestehend aus 1432 Seiten. Schon allein das Inhaltsverzeichnis ist so lang, dass es selbst ein eigenes Inhaltsverzeichnis bekam. „The Structure of Evolutionary Theory“ heißt das Werk.

„Wenn meine Zeit abläuft, hoffe ich meinem Ende friedlich und auf meine Weise zu begegnen“, schrieb Gould einst. Er starb zu Hause, umgeben von seinen Büchern.

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