Gesundheit : Der Mensch ist entziffert: Nach dem Genom - Aufbruchstimmung in den USA

Malte Lehming

Das Stahl-Skelett steht schon. Seine Ausmaße sind gigantisch. Nicht weit vom Strand von San Francisco, unmittelbar am Pazifischen Ozean, entsteht derzeit eines der größten Laboratorien der Welt. Der Ort heißt "Mission Bay". Der Name ist Programm.

Mehr als 4000 Kilometer westlich davon, an der Johns Hopkins University in Baltimore, sitzt die wissenschaftliche Konkurrenz in den Startlöchern. Zwei anonyme Spender haben der US-Universität 100 Millionen Dollar für die Errichtung eines neuen genetischen Zentrums zur Verfügung gestellt. "Wir verfügen jetzt über die entscheidenden Daten, um fast jede Region des menschlichen Genoms genau zu erforschen", sagt Chi Dang, der Vize-Präsident von Johns Hopkins. "Es ist absolut fantastisch, wie schnell sich diese Dinge entwickelt haben. Da tut sich eine völlig neue Welt auf."

Unter den amerikanischen Gen-Forschern herrscht Aufbruchsstimmung. Überall im Land werden Laboratorien gebaut, Institute gegründet, neue Computer gebastelt. Die meisten Projekte werden von der Wirtschaft unterstützt. Von den Ergebnissen erhofft man sich Gewinne, die die Investitionen um ein Vielfaches übersteigen. Die Gentechnologie gilt als eine Wachstumsbranche. Einige Analysten vergleichen sie bereits mit der Internet-Euphorie und der Neuen Ökonomie. Auch die Regierung gibt Geld, das Gesundheitsministerium und das Energieministerium. Außerdem überlegt die Bush-Administration, künftig 200 Millionen Dollar pro Jahr für neue Gen-Initiativen auszugeben.

Ganz weit vorne im Rennen liegen San Francisco und Baltimore. In Kalifornien werden derzeit die entsprechenden Fachbereiche aus drei staatlichen Universitäten zu einem einzigen neuen Institut verschmolzen, das in San Francisco Bay sitzt. Unter Rückgriff auf Biologie, Physik und Chemie, soll dort das Zusammenspiel der Proteine erforscht werden - der lebenswichtigen Eiweiße also, für die unsere Gene den Bauplan liefern. Der Name des Instituts heißt in Kurzform "QB3". Das steht für "Bioengineering, Biotechnology und Quantitive Biomedical Research". Die Universität von Kalifornien hat einen Ruf zu verteidigen. Sie war die erste, die in den 70er Jahren Genentschlüsselungs-Techniken angewandt hat.

Dasselbe Ziel wie ihre Kollegen von der Westküste verfolgen Forscher der Johns Hopkins University. Auch dort wird besonders stark die Rolle von Informatikern in diesem Prozess betont. Milliarden chemischer Abläufe müssen untersucht werden, deshalb sei es unerlässlich, die Kapazität und Geschwindigkeit der Computer zu vergrößern. Auch in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland wird bereits ein großes Laboratorium gebaut, ein zweites ist in Planung.

Wie die neue Forschungsrichtung heißen soll, ist noch umstritten. An der Harvard University nennt man den Fachbereich "Institute of Proteomics". Das scheint sich durchzusetzen.

Zach Hall ist Vizekanzler an der Universität von Kalifornien. Er versteht sein neues Institut als Beispiel dafür, wie künftig große biologische Fragen beantwortet werden. Früher, sagt er, seien die Wissenschaftler von Hypothesen über die Funktionsweise des menschlichen Körpers ausgegangen, die man nach und nach versucht habe, entweder zu bestätigen oder zu widerlegen. "Heute dagegen sind wir an einem Punkt angelangt, wo wir kaum Thesen, aber eine Unmenge an Daten haben." Die Stimmung sei außerordentlich optimistisch. Man brauche die Daten über die Proteine im Prinzip nur auszuwerten, dann würden die Anworten auf viele drängende Fragen wie reife Äpfel vom Baum fallen.

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