Gesundheit : Der Mensch ist so jung wie seine Gelenke

Fünf Millionen Deutsche leiden unter Arthrose – eine vernachlässigte Volkskrankheit

Rosemarie Stein

„Sie haben Rheuma – da kann man nichts machen!“ Mit solchen Zitaten aus ärztlichem Mund kommen Kranke oft Rat suchend zur Deutschen Rheuma-Liga, berichtet Ursula Faubel, Geschäftsführerin der Selbsthilfeorganisation. Die Auskunft des Arztes aber stimmt hinten und vorn nicht. Es gibt kein „Rheuma“, sondern sehr viele und sehr verschiedene rheumatische Leiden, besser als Krankheiten des Stütz- und Bewegungsapparates zusammengefasst. Und man kann sehr wohl etwas dagegen tun: durch Prävention, gezielte Behandlung und Rehabilitation.

Weil aber diese Leiden überall vernachlässigt werden, hat die Weltgesundheitsorganisation vor drei Jahren die „Bone and Joint Decade“ ausgerufen: das Jahrzehnt der Knochen und Gelenke, wozu nicht zuletzt auch noch die Muskeln gehören. Vor kurzem tagten in Berlin Vertreter von medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Patientenorganisationen aus 46 beteiligten Ländern, um sich auszutauschen und zu vernetzen.

Die Zahlen, die der Ulmer Hochschul-Orthopäde Karsten Dreinhöfer bei einem Presseseminar nannte, machten die Dimensionen dieses missachteten Gesundheitsproblems deutlich: Fünf Millionen Deutsche leiden allein an der häufigsten Form der „rheumatischen“ Krankheiten, der Arthrose. Sie ist im Unterschied zur Arthritis, dem Gelenkrheuma, an sich nicht entzündlich, es kann aber im Verlauf der Krankheit zu Entzündungsschüben kommen.

Man nennt die Arthrose „degenerativ“, sie gilt heute aber nicht mehr als nur altersbedingte reine Verschleißkrankheit. Denn am Anfang der schmerzhaften Gelenkveränderungen – mit allmählichem Knorpelschwund bis zur „Knochenglatze“ – stehen oft eine Unfallverletzung, eine angeborene Fehlstellung, Überlastung oder schlicht Bewegungsmangel von Kindesbeinen an.

In Deutschland müssen sich etwa eine halbe Million Menschen jährlich wegen schwerer Arthrosen, besonders an Hüfte oder Knie behandeln lassen. Gelenkbeschwerden führen zu fast neun Millionen Arbeitsunfähigkeits-Tagen bei 220 000 Patienten, und nach den Bandscheibenschäden sind sie die zweithäufigste Ursache der Frühberentung. Deshalb kommen zu den direkten Behandlungskosten – für alle Krankheiten der Stütz- und Bewegungsorgane insgesamt etwa zehn Milliarden Euro jährlich – indirekte Kosten von acht Milliarden Euro.

Wer aber von der häufigsten Volkskranheit betroffen ist, wird oft unzulänglich, falsch oder gar nicht behandelt, und auch Lehre und Forschung werden vernachlässigt. Einen Grund dafür nannte Wolfhart Puhl (Universität Ulm), der das deutsche Netzwerk des Knochen-und-Gelenk-Jahrzehnts koordiniert: „Hier fehlt die Dramatik anderer Krankheiten.“ Man stirbt nicht dran, man muss damit leben.

90 Prozent aller über Siebzigjährigen plagt die Arthrose. Behandlungsziel ist vor allem eine bessere Lebensqualität, indem man das Fortschreiten des Krankheitsprozesses verhütet, Schmerzen und Entzündung lindert und die Bewegungsfunktion erhält oder gar verbessert, sagte Siegfried Götte, Vorsitzender des Berufsverbandes der Orthopäden.

Das lässt sich nur mit einem Vorgehen erreichen, das auf den Patienten und das Krankheitsstadium abgestimmt ist: Schmerz- und Knorpelschutztherapien, Bewegung, Krankengymnastik zum Funktionstraining und zur Muskelkräftigung, physikalische Anwendungen (etwa Wärme oder Kälte), technische Hilfen wie Bandagen oder orthopädische Schuhe, schließlich chirurgische Eingriffe etwa zur Achsenkorrektur bei O-Beinen. Und im letzten Stadium Prothesen als Ersatz des Hüft- oder Kniegelenks.

Das kann auch 85-Jährige aus dem Rollstuhl holen. Aber es muss nicht bis zum Rollstuhl kommen. Dem lässt sich einfach vorbeugen: Bewegung von der Wiege bis zur Bahre. Der Aachener Hochschul-Orthopäde Fritz Uwe Niethard geißelte den Bewegungsmangel schon der Kinder in der Schule und in der Freizeit bei Dauerfernsehen und Computerspielen. „Die Kinder werden muskulär immer schwächer – 40 Prozent der Zwölfjährigen kennen Rückenschmerzen!“

Und der Kölner Sportmediziner Wildor Hollmann nahm sich die bejahrten Gelenkschmerzgeplagten vor: „Beim Altern ist Bewegung die einzige wissenschaftlich gesicherte Maßnahme, sich jung zu erhalten!“ Keiner muss sich deshalb gleich selbst kasteien, denn schon Spazierengehen oder Radfahren drei Mal wöchentlich nützt etwas; nicht nur gegen das Einrosten der Gelenke, sondern auch gegen Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiken.

Das Kontakttelefon der Deutschen Rheuma-Liga Berlin: 030-805 5113 oder 805 4016.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben