Gesundheit : Der Mythos lebt wieder

Die neue „Bibliotheca Alexandrina“ will zur Versöhnung der Kulturen beitragen und fasziniert mit außergewöhnlicher Architektur

Tom Heithoff

Öffnung heißt das Zauberwort. Und das in vielfachem Sinne. Wer in den oberen Etagen des Lesesaales der neuen „Bibliotheca Alexandrina“ sitzt, schaut Richtung Griechenland auf das Mittelmeer – gen Europa. Wer im angeschlossenen Planetarium sitzt, sieht ins All. Wer draußen vor dem schräg im geschichtsreichen Boden versenkten Zylinder des Gebäudes steht, schaut auf eine 6000 Quadratmeter große Granitmauer mit Symbolen und Schriftzeichen aus den verschiedenenen Epochen der menschlichen Kulturgeschichte. Diese vom norwegischen Künstler Jorunn Sannes entworfene Mauer führt den Betrachter in die Vergangenheit. Das schräge Glasdach darüber weist mit seinen raffinierten Winkeln, die das Tageslicht blendfrei in den Lesesaal leiten, in die Moderne. Es bildet mit seiner Kreisform zugleich das uralte Symbol der Einheit und Universalität.

Nach zwölfjähriger Bauzeit ist die neue „Bibliotheca Alexandrina“ im vergangenen Oktober eröffnet worden. An derselben Stelle, wo einst die größte Bibliothek des Altertums gestanden hat. Die um 300 v. Chr. von Ptolemaios I. gegründete Bibliothek galt als wahre Schatzkammer des Wissens, die auch Euklid und Archimedes benutzten. Das damals reichste Land der Mittelmeerwelt verwandte Unsummen, um die Bibliothek mit allen Büchern der Welt zu füllen. Doch zweimal wurden die schätzungsweise 700000 Papyrusrollen Opfer der Flammen. Ein Großteil wurde während des Alexandrinischen Krieges vernichtet, als Cäsar 48 v. Chr. die Stadt eroberte. Die verbliebenen 90000 Schriften gingen im 4. Jahrhundert n. Chr. während der Kämpfe zwischen Christen und Heiden in Flammen auf. Das gesamte schriftlich aufgezeichnete Wissen der antiken Welt war damit verloren, aber ein Mythos geboren.

Die vom norwegischen Architekturbüro Snøhetta entworfene Neuinterpretation dieses Mythos geizt nicht mit Maß, Zahl und Qualität. Bei 85000 Quadratmeter Gesamtfläche erstreckt sich der Lesesaal mit 20000 Quadratmetern über sieben Terrassen. Innen wurde schwarzer, reflektierender Granit verwendet, außen einheimischer Granit. Ein Planetarium, eine Blindenbibliothek, Restaurationswerkstätten, ein Museum zur Bibliotheksgeschichte sowie ein Kongresszentrum sind in den Komplex integriert.

Eine Brücke soll die neue Einrichtung werden. Das beginnt im Kleinen, indem das Medium Buch schrittweise auf digitale Speicher übertragen wird. Schon eine Milliarde Seiten sind elektronisch abrufbar. In zwei Jahren, so das Ziel, sollen es fünf Milliarden sein. Das Bemühen, den Anschluss an die moderne Wissensgesellschaft nicht zu verpassen, ist unübersehbar. Die Hälfte der Gesamtkosten von 240 Millionen Euro wurden aus Spenden bezahlt. Groß war der Reiz, an der Wiedererweckung eines Mythos beteiligt zu sein; so flossen Gelder von europäischen Regierungen, von arabischen Scheichs, von der Unesco, sogar von Saddam Hussein, um das Projekt von Ägyptens Staatschef Mubarak zu ermöglichen.

Die neue Bibliothek ist „ein Traum“, sagt Bibliotheksdirektor Ismail Serageldin. In Erfüllung gehe dieser Traum, wenn es gelingt, „Alexandria wieder zu einem Ort der Musen, der Künste und Wissenschaften zu machen“. Wenn es gelingt, „die Bibliothek zu einem universalen Symbol der Offenheit und des kulturellen Austausches“ zu machen. Bis die Bibliothek aber in ihrer ganzen Pracht erblühen kann, wird noch einige Zeit vergehen. Der Buchbestand liegt noch unter einer Million Bände. Platz ist für acht Millionen.

Damit der hochsymbolische Bau aber an dem Mythos anknüpfen kann, muss die angestrebte kulturenübergreifende Öffnung mit Leben erfüllt werden. Das dürfte aber in einem Land mit Pressezensur und Bücherverboten nicht ganz einfach sein. Salman Rushdies „Satanische Verse“ werden denn auch nur wissenschaftlichen Lesern ausgehändigt. Doch auch Skeptiker prophezeien, dass von diesem Bauwerk über kurz oder lang ein Sog ausgehen wird, der ein geistiges Kraftzentrum entstehen lassen wird und zur Aufweichung politisch-kultureller Tabus entscheidend beitragen kann.

Man kann nur hoffen, dass der Wissensfluss auch auf der Ebene des einfachen Lesers gefördert wird. Zeigt sich der Wert einer Bibliothek doch in erster Linie in den praktischen Nutzerbedingungen. Als abschreckendes Beispiel darf da die neue französische Bibliothèque Nationale in Paris gelten. Auch sie ein architektonisches Kunstwerk. Doch dürften die Beschwerdebriefe der Nutzer bald einen der vier Magazin-Türme füllen. Die Kopierpreise sind fast zehnmal so hoch wie im Copyshop. Kopierer selbst sind aber kaum vorhanden. Die Leser sitzen mit Schal und Mantel vor den Büchern. Der Grund: Die BNF versteht sich vorrangig als Archivierungsbibliothek. Das heißt, man macht es den Büchern, nicht den Lesern so angenehm wie möglich. Es ist zu hoffen, dass die „Bibliotheca Alexandrina“ solche Fehler nicht begeht. Andernfalls würde aus der beeindruckenden Erscheinung dieses Bildungsprojekts schnell eine leere Hülle. In einem Land, in dem jeder Zweite nicht lesen und schreiben kann, wäre das fatal.

Bilder und Modelle der Bibliothek sind bis 5. April in der Staatsbibliothek, Potsdamer Str.33, zu sehen. Montag bis Freitag 9 – 21, Samstag 9 – 19 Uhr.

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