Gesundheit : Der nahe Osten

Immer mehr Studenten sollen an Unis in die neuen Länder gehen. Swaantje Fiebig aus Berlin ist schon dort

Jan Oberländer

„Schade, dass wir das Foto nicht vor der Uni in Greifswald machen“, sagt Swaantje Fiebig und blinzelt in den blauen Vormittagshimmel über dem Potsdamer Platz. Schließlich ist das historische Hauptgebäude der Ernst-Moritz- Arndt-Universität Greifswald (EMA) gerade frisch renoviert worden. Der weiße Gründerzeitbildungstempel wäre als Bildhintergrund sicher malerischer als die Staatsbibliothek. Da sitzt Swaantje nur, weil für sie gerade noch Semesterferien sind, sie zu Besuch ist in Berlin und nächste Woche noch eine Prüfung hat. Seit zwei Semestern studiert die 22-Jährige jetzt dort, Englisch und Geografie auf Gymnasiallehramt. Ausgerechnet in Greifswald. Dabei hatte sie eigentlich vor, in Berlin zu bleiben, wo sie 2004 Abitur gemacht hat. Ein gutes Abitur, zwei Komma zwei, aber keins, das ihr in Berlin einen Studienplatz verschafft hätte, auch in Potsdam nicht. An den NCs kam Swaantje nicht vorbei.

Also hat sie sich umorientiert, ihre Unterlagen an Unis in ganz Deutschland geschickt: Freiburg, Heidelberg, Kiel, Jena - und eben Greifswald. „Dort habe ich dann gleich eine Zusage gekriegt“, sagt Swaantje, da sei sie eben nach Greifswald gegangen, zweieinhalb Zugstunden nördlich von Berlin. Klar, einen Blick auf die Hochschulrankings habe sie vorher schon geworfen – und beim Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung rangierte die EMA in der Anglistik im Urteil der Studierenden ziemlich weit oben.

Den Schritt in die Ferne, den Swaantje gemacht hat, werden in den kommenden Jahren viele angehende Studierende machen müssen. Und immer häufiger wird es ein Schritt in Richtung Osten sein. Eine Studentenwelle rollt auf Deutschland zu, doch wegen der ungleichen demografischen Entwicklung wird sie in Ost und West unterschiedliche Folgen haben. An den West-Unis, wo doppelte Abiturjahrgänge an die Hochschulen drängen, wird mit einem massiven Platzmangel gerechnet. In den ostdeutschen Ländern dagegen, wo die Zahl der Abiturienten sinkt, prognostizieren Experten einen Rückgang der Studierendenzahlen.

Im Hochschulpakt, mit dem Bund und Länder den Studentenberg angehen wollen, erhalten die ostdeutschen Ländern daher Millionen von Euro nicht, um zusätzliche Plätze zu schaffen – sondern damit sie ihre Überkapazitäten nicht abbauen. Schließlich werden die gebraucht, als Ausweichangebot für die vielen unversorgbaren Studienanwärter aus dem Westen. Schon jetzt stammt rund ein Viertel der rund 11000 Studierenden an der Uni Greifswald aus Westdeutschland, dazu kommen knapp 1200 Berliner.

Greifswald lebt von seiner Uni. Die Stadt sei ein einziger großer Campus, sagt EMA-Rektor Rainer Westermann. „Wenn Sie durch Berlin laufen, müssen Sie sich schon anstrengen, einen Kommilitonen zu treffen. Wenn Sie durch Greifswald laufen, müssen Sie sich anstrengen, keinen zu treffen.“ Die Hochschule ist ein Hauptgrund dafür, dass die 50 000-Einwohner-Stadt im „Zukunftsatlas 2007“ der Wirtschaftsberatungsfirma Prognos als „Aufsteiger des Jahres“ firmiert.

Swaantje hat hier schnell neue Freunde gefunden. Mit den Einheimischen verstehe sie sich „genauso super“ wie mit den Exilberlinern. „Bevor man mehrere Semester auf einen Platz wartet“, sagt sie sehr bestimmt, „würde ich ein Studium im Osten auf jeden Fall empfehlen.“ In Greifswald sei die Bibliothek neu, gut ausgestattet und von 9 bis 22 Uhr geöffnet. Und: Swaantjes Professoren kennen sie mit Namen. „Wir sind eine kleine Uni in einer kleinen Stadt“, sagt Rektor Westermann, „daher haben wir überschaubare Strukturen und einen relativ intensiven Kontakt zwischen den Studierenden untereinander und auch zwischen den Studierenden und den Lehrenden.“ Ein klarer Vorteil gegenüber einer anonymen Massenuni, findet Swaantje. „Lieber mit 40 Leuten im Kurs als mit 90 Leuten in Berlin. Da nimmt man mehr mit.“

Klar, auch in Greifswald kriege man manchmal keinen Platz in einem Wunschseminar. Aber das liegt auch daran, dass die EMA längst keine NC-Oase mehr ist, und auch kein Geheimtipp. Die Studierendenzahlen an der Uni Greifswald steigen stetig, und ebenso stetig sinkt in vielen Fächern der NC. Über mangelnde Auslastung kann sich Westermann nicht beklagen. „Momentan haben wir es nicht nötig, gezielt zu werben“, sagt der Psychologe – auch nicht um Studierende aus dem Westen. Die Uni habe „teilweise extrem hohe Bewerberzahlen pro Studienplatz“, vor allem Fächer wie Psychologie, Medizin und Humanbiologie seien bis ums Zwanzigfache überbucht. Wohlgemerkt, nicht mit ZVS-Opfern. Sondern mit Leuten, die gezielt an die EMA wollen.

Ganz am Anfang ihres Studiums hatte Swaantje noch den heimlichen Plan, nach dem ersten Semester zurück nach Berlin zu wechseln. Die Einführung des Bachelor-Systems an den Berliner Unis hat das unmöglich gemacht, denn das Lehramtsstudium in Greifswald ist noch nicht auf die neuen Abschlüsse umgestellt. Vielleicht war das gut so. Denn: „Irgendwie verliebt man sich in die Stadt“, mit ihrem prächtigen Marktplatz und den restaurierten Kaufmannshäusern. Klar, sagt Swaantje, es gebe auch die Plattenbauten am Stadtrand, „aber da ist man ja als Berliner einiges gewöhnt“. Und im Sommer sei der Ostseestrand ein großes Plus.

Bei aller neu gefundenen Liebe, Greifswald ist für Swaantje gleichwohl noch immer eine Zwischenstation. „Ich würde nach dem Studium nicht gerne in Mecklenburg-Vorpommern bleiben.“ Ihr Referendariat will sie in Berlin oder Hamburg machen. Außerdem sei der Greifswalder Winter schrecklich, es existiere kein nennenswerter öffentlicher Nahverkehr, ein Semesterticket gebe es für die sieben Buslinien ohnehin nicht, es bleibe einem also nichts anderes übrig, als auch bei Schnee, Glatteis und minus 16 Grad aufs Fahrrad zu steigen. „Da muss man dann eben durch“, sagt Swaantje und lächelt. Sie erzählt aber auch, dass es im Online-Netzwerk „StudiVZ“ eine „Auch-im-Winter-ist-Greifswald-schön“-Gruppe gibt. Sie hat 163 Mitglieder.

Ein weiterer Vorteil sind die relativ niedrigen Lebenshaltungskosten. „Mit 500 Euro komme ich super hin.“ Ihr 24-Quadratmeter-Zimmer in einer WG nahe der Innenstadt kostet 200 Euro im Monat, „in der Platte wären es Hundertfünfzig“. Man gebe aber ohnehin kaum Geld aus, sagt Swaantje, Greifswald sei nicht gerade ein Shoppingparadies. Zudem sei das Ausgehen billiger: „Cocktails kosten nicht acht, sondern drei Euro.“ Dabei ist klar: Greifswald ist nicht Berlin. „Dienstagabend um 12 haben nur noch zwei Kneipen auf.“ Dem Studium tut es gut. „Ich wäre in Berlin viel abgelenkter“, sagt Swaantje und muss lachen. „Ich bin in Greifswald wirklich nur am Studieren.“

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