Gesundheit : Der Neandertaler – ein Künstler?

Ein neuer Fund zeigt: Unser ungeliebter Cousin war kein hirnloser Halbaffe

Michael Zick

Dumpfbacke oder Denker? Der Neandertaler wird in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch eher beim Affen als beim Menschen angesiedelt. Aber das könnte sich ändern. Denn im Fachblatt „Antiquity“ veröffentlichten nun zwei französische Archäologen ein Steinstück. Gefunden an der Loire, soll es eine Maske oder Skulptur darstellen – gefertigt von einem Neandertaler. Damit bekäme die wissenschaftliche Wertung unseres Cousins eine neue Skala.

Unstrittig war bislang: Trotz handwerklichen Fähigkeiten und geistigem Vermögen haben die Neandertaler keine Kunst geschaffen. Die setzte schlagartig vor 40 000 Jahren mit dem Eintreffen von Homo sapiens in Europa ein. Die Höhlenmalereien in Südfrankreich und Spanien und die Schnitzfigürchen von der Schwäbischen Alb belegten das bislang eindrucksvoll.

Nun taucht diese „Maske“ auf. Die beiden renommierten französischen Prähistoriker Jean-Claude Marquet und Michel Lorblanchet beschreiben den Fund folgendermaßen: Das Feuersteinstück ist zehn Zentimeter hoch und breit. Gefunden wurde es bei Grabungen in den Sedimenten eines alten Flussarmes vor einer altsteinzeitlichen Höhle. Die Forscher bestimmen das Alter der Maske auf 35 000 Jahre und ordnen daneben liegende Werkzeuge und Knochen eindeutig Neandertalern zu.

Das Stück „wurde von den Neandertalern nicht einfach aufgelesen, sondern bearbeitet, um zum Beispiel die Stirn- und Nasenpartie zu akzentuieren“. In ein Loch wurde ein, vermutlich ebenfalls bearbeiteter, Knochensplitter gesteckt, der dem Gebilde nun das Aussehen eines Gesichtes gibt – Maske oder Tierkopf? Die Wissenschaftler sind sich sicher: Hier wollte jemand etwas gestalten.

Doch nicht alle Experten sind mit dieser Lesart einverstanden. „Der Stein ist ganz klar bearbeitet worden, aber deshalb stellt er noch lange kein Gesicht dar“, sagt die Tierarchäologin Nerissa Russell von der Cornell-Universität in Ithaca, New York. „Es könnte sein, dass der Block als Gewicht benutzt wurde, vielleicht für ein Zelt, und dass der Knochen in das Loch gesteckt wurde, um ein Seil festzuhalten“, spekuliert Francesco d’Errico von der Universität von Bordeaux.

Das Rätsel Neandertaler wird also auch mit diesem Fund nicht endgültig gelöst sein. An dem urgeschichtlichen Puzzle fehlen noch zu viele Details. Sicher ist: Der Neandertaler bevölkerte vor 130000 bis 27000 Jahren Europa und den Nahen Osten. Dabei bewies er Überlebensgeschick und Anpassungsfähigkeit. In deutschen Landen zum Beispiel begegnete der stämmige Kerl vor 120000 Jahren in ausgedehnten Laubhainen dem Waldelefanten, in den mäandernden Flußniederungen dem Flußpferd.

Schon 10000 Jahre später veränderte die vorerst letzte Kälteperiode (Würmeiszeit) die Lebensbedingungen radikal: Deutschland war eine einzige Tundren- und Kältesteppe. In den folgenden eiszeitlichen Jahrzehntausenden kam es immer wieder zu heftigen Temperatursprüngen, die Jahresdurchschnittstemperatur schwankte manchmal innerhalb eines Jahrzehnts um zehn Grad Celsius. Der Neandertaler reagierte auf die geänderten Umweltbedingungen zum Beispiel mit einer veränderten Speisekarte – in wärmeren Zeiten standen mehr Beeren auf dem Speiseplan, in kälteren Jahren eher Bären. Die lieferten auch das Rohmaterial für Kleidung. Mit Zähnen und speziellen Werkzeugen wurde das sperrige Fell in Form gebracht, die Patchworkkutte wurde sorgfältig mit Knochenahlen zusammengenäht. Dem Beutetier musste der Neandertaler nicht gefährlich nahe kommen, um es mit Lanzen und Faustkeilen zu erlegen, er verfügte über Fernwaffen, seine Wurfspeere hatten ihren Schwerpunkt im vorderen Drittel, wie die modernen Sportspeere auch.

Jagen heißt planen, koordinieren, lernen und weitergeben. Geistige Fähigkeiten, die dem vermeintlichen Einfaltspinsel von der Wissenschaft lange Zeit nicht zugestanden wurden. Und seit ein komplettes Neandertaler-Zungenbein gefunden wurde, das dem heutigen exakt entspricht, ist klar: Der Eiszeitmensch konnte auch sprechen. Ein weiteres Vorurteil war ausgeräumt.

Noch mehr aber entzündete sich der Forscher-Streit an der Frage, ob denn die Neandertaler so etwas wie Pietät und Trauer kannten, vielleicht sogar schon Jenseitiges dachten. Einige Fundstücke, die eindeutig, gezielt und „schmückend“ bearbeitet sind – etwa ein Knochenstück mit regelmäßigen Ritzungen –, lassen für uns heute keinen praktischen Gebrauchszweck erkennen. Derlei Dinge werden meist als „kultisch“ apostrophiert. Der Disput um das „Geistige“ beim Neandertaler ist damit nicht beendet, ein Nachweis kann nur über den Umgang der Neandertaler mit ihren Toten geführt werden: Haben sie ihre Verstorbenen einfach liegen lassen oder beerdigt?

Funde, die als Gräber anzusprechen sind, bleiben weiterhin rar, Grabbeigaben sind nicht zu erkennen. Die Wissenschaftler des verdienstvollen Neanderthal-Museums in Mettmann bei Düsseldorf äußern sich denn auch zurückhaltend: „Es ist durchaus gerechtfertigt, den Neandertalerbestattungen eine Bedeutung zuzurechnen, es ist jedoch aus unserer heutigen Perspektive kaum möglich, ihre wirkliche Bedeutung für die Menschen dieser Zeit zu rekonstruieren.“

Zum Grobian-Image des Neandertalers gehört auch die Frage: Verspeiste Homo sapiens neanderthalenis seine Mitmenschen? Diese so schön schaurige Kannibalismus- These geistert seit über 100 Jahren durch die Diskussionen. Bis in die 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts wurden alle Beweisstücke dafür von der Wissenschaft nachträglich als nicht stichhaltig verworfen.

Dann aber fanden französische Forscher in einer Höhle oberhalb der Rhone Neandertaler-Knochen mit Schnitt- und Schlagspuren wie sie bei gezielter Zerlegung, Entfleischung und anschließender Zerschlagung zur Markgewinnung entstehen. Die Wissenschaftler gehen vom „ersten gut belegbaren Fall von Kannibalismus bei Neandertalern“ aus. Die Mettmanner Vorzeit-Experten sind vorsichtiger und meinen, „dass ein endgültiges Ergebnis noch nicht vorliegt“.

Ähnlich unklar ist inzwischen auch wieder die Lage bei den Verwandtschaftsverhältnissen. Paläo-Genetiker hatten vor einigen Jahren aus einem Neandertaler-Knochen Erbgut gewonnen, vervielfältigt und mit den Erbanlagen moderner Europäer verglichen. Ergebnis: Die Neandertaler haben uns keine Gene von sich übereignet. Damit war der Kannibale aus unserem Stammbaum eliminiert. Bis neue Zweifel aufkamen, denn die Genetiker hatten den Gentransfer nur auf der mütterlichen Linie untersucht. Müssen wir den Flachkopf also wieder in die Familie aufnehmen?

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