Der neue Arztpraxenführer : Maßstab der Männerpsyche

Es ist ein Tabuthema, das aber viele Männer betrifft: Erektionsstörungen. Sie kratzen am Ego und haben oft seelische Gründe. Doch zunächst muss der Arzt organische Ursachen abklären. Potenzprobleme sind eines von 20 Themen im neuerschienenen Arztpraxenführer Berlin 2013. Hier ein Vorabdruck.

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Eine Erektionsschwäche lässt sich auf vielen Wegen behandeln.
Eine Erektionsschwäche lässt sich auf vielen Wegen behandeln.Grafik: René Reinheckel/Tsp.

Wie fängt man so ein Gespräch an? Keine schlüpfrigen Witze, sagt der Arzt. Am besten sachlich mitten hinein ins Thema, das für Männer derart mit Tabus belegt ist: „Wie hart wird er denn?“, fragt also der Mediziner sehr direkt.

Wir befinden uns im Behandlungszimmer von Wolfgang Harth, dem Chefarzt der Hautabteilung am Vivantes-Klinikum Spandau. Harth ist als Androloge auf die Behandlung von Erektionsstörungen spezialisiert. Gestellt hat er die Frage an Horst Walther (Name geändert), seinen Patienten. Der soll die Härte seines erigierten Penis benennen – anhand von vier kleinen blauen und verschieden festen Schaumstoffknöpfen, die in Reihe auf eine Plastikplatte geklebt sind. Der hellblaue Schaumstoff an der einen Seite ist weich wie ein nasser Schwamm, der dunkelblaue an der anderen Seite hat den Härtegrad vier, hart wie ein prall aufgepumpter Fahrradschlauch. Walther befühlt kurz die Schaumstoffpolster. „Am Anfang ist er so wie Grad drei, aber nach zwei Minuten erschlafft alles.“

Seit vier Jahren ist der 64-Jährige mit seiner neuen Lebensgefährtin zusammen, nachdem seine Ehefrau verstorben war. Am Anfang sei auch sexuell alles „gut gelaufen“ erzählt er, doch vor einem Jahr seien sie zusammengezogen. Und seitdem will sein Penis nicht mehr so, wie es Horst Walther will. Ein Jahr lang versuchte er damit zu leben, dachte, das wird schon wieder. Doch es wurde nicht wieder. Irgendwann hatte er gar keine Lust mehr auf Sex, aus Angst, erneut zu versagen. „Ich habe meine Freundin gefragt, ob es ausreicht, wenn wir uns küssen und kuscheln“, sagt Walther. Offensichtlich war sie von dieser Aussicht nicht recht begeistert. So dass er sich schließlich aufraffte und sich von seinem Hausarzt an den Andrologen Wolfgang Harth überweisen ließ.

Bis zu diesem Entschluss hatte Walther die typische Abwärtsspirale aus Versagensangst, Selbstbeobachtung und schließlich realem „Versagen“ durchlaufen. Wenn es ein paar Mal mit der Potenz hapert, denkt der Mann beim Sex nur noch über seinen Penis nach. „Klappt es diesmal oder lässt ER mich wieder im Stich?“ Und je mehr der Mann auf die rein organische Funktionsweise seines eigenen Körpers fixiert ist, desto weniger funktioniert der.

Wolfgang Harth hat schon viele Patienten gesehen wie Horst Walther. Und auch wenn sich nach dem ersten Gespräch bereits abzeichnet, dass die Psyche bei den Potenzproblemen wohl die entscheidende Rolle spielt, so könnten doch organische Ursachen ebenso daran beteiligt sein. Denn Walther erfüllt die Voraussetzungen dafür: Er hat offensichtlich starkes Übergewicht, er ist Diabetiker, über 60 Jahre alt und ein Bewegungsmuffel. Alles typische Risikofaktoren – weitere wären zum Beispiel Bluthochdruck oder Alkoholismus –, die den Prozess der Erektion, bei dem die Schwellkörper mit Blut gefüllt werden, erschweren können.

Und deshalb muss jetzt auch Horst Walther in den Diagnostikdurchlauf – und hofft dabei wie die meisten Betroffenen, es möge doch bitte ein körperliches Problemchen sein, das sich mit einem Arzneimittel schnell beheben lässt. Welcher Mann wäre schon auf eine möglicherweise jahrelange Psychotherapie erpicht, um irgendwann mal wieder unbeschwerten Sex haben zu können. „Eine jahrelange Therapie wäre bei vielen Betroffenen aber auch übertrieben“, sagt Chefarzt Harth. Bei einigen reichten schon ein paar Gespräche mit dem Therapeuten, um wieder auf dem richtigen Gleis zu sein. Deshalb gehören zum diagnostischen Instrumentarium auch Fragebögen zur Selbsteinschätzung. Dort finden sich Aussagen, die mit einer bestimmten Punktezahl verbunden sind. Zum Beispiel Sätze wie diese: „Ich sehe mutlos in die Zukunft“, „Ich habe das Gefühl, als Mensch ein völliger Versager zu sein“ oder „Ich erwarte, bestraft zu werden“.

Was bezwecken solche Fragen? „Oft steckt hinter einer Potenzstörung eine handfeste Depression“, sagt Harth.

Doch zunächst geht es um einige Tests, mit denen physische Malaisen ausgeschlossen werden sollen. Zum Beispiel die Größe der Hoden. Harth zeigt eine Kette, an der – der Größe nach geordnet – bunte Holzeier aufgezogen sind. Von rot für XXL über blau und grün für durchschnittliches L und M bis hin zu gelb für S. „Die Größe der Keimdrüsen gibt Hinweise auf die Testosteronproduktion. Je größer sie sind, desto mehr des männlichen Sexualhormons produzieren sie.“

Allerdings ersetzt der vergleichende Blick auf die Holzeier nicht die Analyse des Blutes auf den Testosterongehalt, der über die sexuelle Lust und das Erektionsvermögen mit entscheidet. „Morgens vor elf Uhr ist der Hormonspiegel üblicherweise am höchsten“, sagt Harth. „Deshalb haben viele Männer morgens spontane Erektionen und mehr Lust auf Sex.“ Aus diesem Grunde hat auch Walther an diesem Morgen schon eine Blutprobe abgeben müssen.

Danach beginnt der aufwendigste und wohl für die meisten Männer unangenehmste Teil der Diagnostik: die Ultraschalluntersuchung der Schwellkörper oder wie Mediziner sagen, die Pharmakoduplex-Untersuchung. Dafür gibt es im Gebäude der Vivantes-Dermatologie einen besonderen Raum. Draußen an der Tür hängt ein Zettel mit der Warnung: „Untersuchung läuft gerade. Eintritt bitte nur nach ausdrücklicher Aufforderung!!“ Das soll vor unerbetenen Blicken in diesem sehr intimen Augenblick eines Mannes schützen.

Jetzt muss der Patient die Hose herunterlassen. Der Arzt injiziert in den Penisschaft ein Medikament, das eine Erektion auslöst. „Die Spritze merkt man fast gar nicht“, sagt Horst Walther erleichtert. Das liegt daran, dass im Schaft des Penis nur wenige Nerven verlaufen.

Kurz danach liegt Walther auf der Untersuchungsliege. Er hat eine Erektion – und drei Ärzte stehen um ihn herum, die Fragen stellen, den Ultraschallkopf an das Glied halten, die flimmernden Bilder auf dem Monitor kommentieren. „Deutlicher Blutfluss, gut gefüllte Schwellkörper.“ Unter solchen Umständen wären wohl nur die wenigsten Männer sexuell erregt. Auch Horst Walther ist es nicht. Es ist nur das Medikament, das das Blut in seinen Penis zwingt.

Der Befund ist jetzt klar. Gäbe es ein körperliches Problem, hätte selbst die Spritze nicht so eine Reaktion erzwingen können. „Körperlich alles in Ordnung, Herr Walther“, sagt Chefarzt Harth. „Wir sollten einen neuen Termin ausmachen, für ein Gespräch.“

Damit ist Walther einer von den vielen Männern, bei denen die Potenzstörungen psychischer Natur sind. Nähe-Distanzprobleme in der Partnerschaft zum Beispiel, frühe Missbrauchserfahrungen, Depressionen, Versagensängste und vieles mehr, was einen Mann fertig machen kann, sind häufig die Ursache.

Aber solche Gespräche können unterstützt werden. Es gibt viele Optionen zur Symptombekämpfung (siehe Grafik). Schon das kann der entscheidende Schritt sein. Wer sich darauf verlassen kann, dass Pille oder Spritze „IHN wieder hochkriegen“, achtet nicht mehr darauf, sondern auf das, was eine Beziehung wirklich bestimmt: die Fähigkeit, sich aufeinander einzulassen. „Die Härte des Penis ist nicht die Messlatte für eine gute Partnerschaft“, sagt Wolfgang Harth. Und hat, wahrscheinlich völlig unbeabsichtigt, nun doch einen zweideutigen Witz gerissen.

Die Vergleichstabelle mit Berliner Andrologen, die Erektionsstörungen behandeln – inklusive Fallzahlen, Ärzteempfehlungen und Patientenbewertungen – finden Sie im neuen Arztpraxenführer Berlin 2013. Der Arztpraxenführer kostet 12,80 Euro (für Tagesspiegel-Abonnenten 9,80 Euro) und ist erhältlich im Tagesspiegel-Shop unter Telefon 030/29021-520, im Internet www.tagesspiegel.de/shop oder direkt im Shop am Askanischen Platz 3 (geöffnet Montag bis Freitag 9 – 18 Uhr).

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