Gesundheit : Der Neue auf dem Schleudersitz

Warum der Hamburger Mediziner Krausz Wissenschafts-Staatssekretär in Berlin werden will

Uwe Schlicht

Da er nicht wusste, wie der Regierende Bürgermeister und die Berliner Senatoren gekleidet sind, hat sich der 49-jährige Michael Krausz zu seiner Vorstellung als neuer Staatssekretär in seinen besten Anzug geworfen – blau mit Nadelstreifen. Auf die neugierigen Fragen der Journalisten, warum er sich denn ausgerechnet von einer Hamburger Professur und einem Direktorenposten des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung auf den Schleudersitz eines Staatssekretärs in der Berliner Wissenschaftsverwaltung begeben habe, entgegnet er mit entwaffnendem Lächeln, er habe im 50. Lebensjahr noch einmal ganz etwas Neues machen wollen.

30 Jahre lang hat im Leben von Michael Krausz das Universitätskrankenhaus Eppendorf eine zentrale Rolle gespielt. Dort hat er von 1973 bis 1975 den Zivildienst abgeleistet und sich als Krankenpfleger ausbilden lassen. Nach seinem Medizinstudium an der Universität Hamburg kehrte er als wissenschaftlicher Assistent an die Nervenklinik des Uni-Krankenhauses zurück. 1988 Promotion, 1993 Habilitation, 1994 Berufung auf eine C-3-Professur – und alles in Hamburg.

Die Journalisten fassen nach: Ob er sich finanziell verbessert habe. Die Antwort: Nicht wesentlich, denn Staatssekretäre werden in Berlin knapp gehalten. Aber dass er nur ein Leben in und um Hamburg geführt hat, diesen Verdacht will er schnell ausräumen. „Ich habe keinen Kleingarten und keine Gartenzwerge.“ Er bezeichnet sich sogar als international vernetzten Wissenschaftler und schwärmt von der Universitätskultur „im alten Europa“. Wenn man seinen Lebenslauf genau liest, war da noch etwas mehr als 30 Jahre Hamburg Eppendorf: 1989 Forschungsaufenthalte an den Universitäten Bern und Zürich und 1991 in den USA.

Von seiner Liebe zum „alten Europa“ lässt er sich auch leiten, wenn er eine Ausrichtung der Berliner Hochschullandschaft vorwiegend auf die wirtschaftlich verwertbaren Ingenieur- und Naturwissenschaften ablehnt. In der Suchtforschung hat er die Erfahrung gemacht, wie wichtig die Zusammenarbeit von Medizinern, Psychologen, Sozialwissenschaftlern und -arbeitern ist.

Wissenschaftssenator Thomas Flierl kennt ihn persönlich und hat ihn für das Berliner Amt gewonnen – wahrscheinlich mit dem Hintergedanken, dass die Neuordnung der Hochschulmedizin mit einer Fakultät, die zugleich zwei Universitäten zugehörig ist, die große Herausforderung darstellt. Michael Krausz verweist auf seine Erfahrung in Hamburg in der Neuordnung der Medizin in Zentren. Zu Einzelheiten zur Neuordnung der Berliner Hochschulmedizin will er sich noch nicht äußern. Er will erst in den Schränken nach weiteren Gutachten zur Medizin suchen und den Staub von ihnen abwischen.

Da er sich selbst auch zeitweilig als Personalrat engagiert hatte, möchte er die Personalvertretung neben den Wissenschaftlern in die Entscheidungen rechtzeitig einbeziehen. Dass er in seiner Studenten- und Personalratszeit einmal Mitglied der DKP gewesen ist, erwähnte er am Rande. „Das liegt 15 Jahre zurück.“ Heute sei er parteilos.

Dass in Berlin 85 000 Studienplätze wegen der Sparauflagen nicht mehr gehalten werden können, liegt dem neuen Staatssekretär schon heute schwer im Magen. Eigentlich müsse man überlegen, ob „85 000 Studienplätze in Berlin überhaupt für die Akademikerversorgung in der gesamten Bundesrepublik ausreichen“. Von einer Bildungsfinanzierung über Studiengebühren hält er gar nichts. Solche amerikanischen Modelle „sind der Tod der Chancengleichheit“. Aber den Studenten Studienkonten zu geben, das hält er für ein interessantes Modell, weil es einen Anreiz zu schnellerem Studium biete und den Professoren einen Ansporn zu einem besseren Lehrangebot.

In Hamburg hat Krausz einen positiven Eindruck von der Dohnanyi-Kommission gewonnen, in der Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sich auf Perspektiven für die Hansestadt verständigt hatten – mit der Folge einer Umwidmung von Kapazitäten und der Schätzung des künftigen Akademikerbedarfs. Beim Nachdenken über eine Vision solle man sich nicht nur von den Traditionen leiten lassen. Ein Institut werde nicht weitergeführt, weil es schon seit 100 Jahren bestehe, sondern weil es in der Zukunft noch wichtige Aufgaben zu erfüllen habe.

Der neue Staatssekretär ist sich sicher, dass er in Berlin „an einem der interessantesten Hochschulstandorte in der Bundesrepublik“ seine Aufgabe gefunden hat und nicht vorzeitig wie sein Vorgänger Peer Pasternack das Handtuch werfen wird. „Ich glaube, dass ich für die Politik ein Händchen habe.“

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