Gesundheit : Der Neue ist ein Juniorlehrer

Berlin will einen bundesweit einzigartigen Beruf in der Schule schaffen: den des Lehrassistenten

Anja Kühne

LEHRER WERDEN IN BERLIN – WAS SICH ÄNDERT

In Berlin soll es bald einen bundesweit neuartigen Lehrertypus geben – eine Art Juniorlehrer. Dieser „Schul- und Lehrassistent“ soll die Lehrer im Unterricht unterstützen und etwa Arbeitsgemeinschaften oder Förderkurse betreuen. Für den neuen Beruf qualifiziert sich, wer einen sechssemestrigen pädagogischen Bachelorstudiengang absolviert hat.

Darauf einigte sich eine Arbeitsgruppe, der die Schul- und Wissenschaftspolitiker der Fraktionen von SPD und PDS angehören. In Koalitionskreisen und in der Wissenschaftsverwaltung hieß es, der Vorschlag habe sehr gute Chancen, den Rückhalt der gesamten Koaltionsfraktionen zu finden und Gesetz zu werden. Die ersten Studierenden könnten dann im Wintersemester 2004 ihr Studium aufnehmen.

Die ursprünglich von Bildungssenator Klaus Böger (SPD) geplante Reform des Lehramtsstudiums ist damit gekippt. Böger wollte die angehenden Lehrer bereits nach einem siebensemestrigen Bachelor-Studium in die Schule zu schicken. Nur angehende Studienräte sollten zusätzlich einen zweijährigen Master aufsatteln. Damit stieß Böger aber auf den Widerstand des linken Flügels seiner Partei und der Gewerkschaften, die für diese Lehrer eine niedrigere Besoldung, eine zu geringe Qualifikation und die fehlende Anerkennung in anderen Bundesländern befürchteten.

„Jede Veränderung ist ein Plus“

Böger sieht der Einführung des Juniorlehrers mit „Skepsis“ entgegen. Die diesem zugedachten Aufgaben würden bislang von Sozialpädagogen und Erziehern übernommen, so dass es in den Schulen keinen echten Bedarf für Assistenten gebe. Allerdings sei „jede Veränderung gegenüber dem jetzigen Lehramtsstudium ein Plus“, sagte Böger. Er sei für Kompromisse offen.

Ebenfalls neu ist, dass die gesamte Reform der Lehrerausbildung mit Umstellung auf Bachelor und Master nun voraussichtlich gleich als verbindliches Gesetz eingeführt wird. Nach der ursprünglichen Idee des Bildungssenators sollten die Universitäten die Chance erhalten, im Rahmen einer Experimentierklausel unterschiedliche Reformmodelle zu erproben, die nach einigen Jahren evaluiert werden sollten.

Mit dem Schulassistenten wollen die Politiker besonders auf Bedürfnisse der Ganztagsschule eingehen, die ausgebaut wird. Die Schulassistenten sollen „pädagogische, außerunterrichtliche und auch unterrichtliche Aufgaben erfüllen“, heißt es in dem Eckpunktepapier, das dem Tagesspiegel vorliegt. Vorbild sind skandinavische Länder wie der Pisa-Sieger Finnland.

Allerdings sollen die neuen Juniorlehrer nur „in Ausnahmefällen“ auch einmal eine Vertretungsstunde unterrichten, sagt der hochschulpolitische Sprecher der PDS-Fraktion, Benjamin Hoff. Denn mit den Assistenten sollten keine „Billiglehrer“ eingeführt werden. Diesen Punkt betont auch der Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, Erich Thies: Der in Deutschland noch unbekannte Assistent dürfe nicht eigenverantwortlich lehren, sondern müsste „unterhalb des Lehrerberufs angesiedelt sein“.

Für das Land Berlin – und auch für andere Bundesländer, die gegebenenfalls nachziehen würden – bestünde der Reiz auch darin, dass mit dem Schulassistenten Geld gespart werden könnte. Denn ein Teil der Aufgaben, die bislang Lehrer übernehmen, könnten den billigeren Assistenten übertragen werden. Für die Studierenden könnte es attraktiv sein, bereits nach dem dreijährigen Bachelor in den Beruf zu gehen. Sie könnten dann schnell in Erfahrung bringen, ob sie für den Schuldienst wirklich geeignet sind oder sich gegebenenfalls noch einmal umorientieren, sagt Bert Flemming, der hochschulpolitische Sprecher der SPD-Fraktion.

Der Weg zum Lehrer soll den Lehrassistenten aber weiterhin offen stehen. Sie können jederzeit einen ein- bis zweijährigen Master aufsatteln und ins Referendariat gehen. Wer bereits drei Jahre oder länger als Schulassistent gearbeitet hat, müsste kein Referendariat mehr absolvieren (siehe Grafik).

Auf geteiltes Echo stößt der Schulassistent bei den für das Lehrerstudium zuständigen Vizepräsidenten der Berliner Universitäten. Der Erziehungswissenschaftler und Erste Vizepräsident der Freien Universität, Dieter Lenzen, der schon länger mit der Idee eines „Teacher Assistant“ sympathisiert, hält es für gut, dass die Politik jetzt ein solches Berufsbild schaffen will: „Der Teacher Assistent ist nicht ein Taschenträger für Lehrer, sondern ein pädagogischer Profi, der etwas leistet, was in der deutschen Schule fast überall noch fehlt: Die Optimierung des alltäglichen Unterrichts, Individualisierung und Differenzierung“, sagt Lenzen.

„Die Kinder schützen“

Gerade für die Ganztagsschule seien solche „pädagogischen Assistenten“ das geeignete Personal. Wer sich später zum Lehrer weiterqualfizieren wolle, verfüge durch seine Praxiserfahrungen dann bereits über eine realistische Einschätzung des Lehrerberufs: „Das würde unsere Kinder davor schützen, Lehrern ausgeliefert zu sein, die sich über den Beruf falsche Vorstellungen gemacht haben.“ Lenzen sieht in dem Schulassistenten auch einen guten Kompromiss zwischen Bögers Vorstellung, schon mit dem Bachelor Studierende ins Lehramt zu entlassen, und dem linken Flügel von Bögers Partei, der nur Lehrer mit Masterabschlüssen in die Schule schicken will – womit der Bachelor dann aber nicht mehr als eine Zwischenprüfung wäre. Mit dem Schulassistenten stünde den Absolventen auch schon mit dem Bachelor ein pädagogischer Beruf offen.

Auch die Erste Vizepräsidentin der Technischen Universität, Ulrike Strate, begrüßte den Plan, Schulassistenten einzuführen: „Es wäre wunderbar, qualifizierte Leute in der Schule zu haben, die Kinder von Anfang an fördern.“ Allerdings sei der Plan noch nicht an der TU diskutiert worden.

Dagegen hält der Erste Vizepräsident der Technischen Universität, Heinz-Elmar Tenorth, den Schulassistenten für „abwegig“. Weder würden Schulassistenten über die nötige Fachkompetenz verfügen, um sinnvoll in der Schule eingesetzt werden zu können, noch gebe es Stellen für sie: „Das Elend der Schule würde nur noch größer“, sagt Tenorth. Die Humboldt-Universität werde sich gut überlegen, ob sie überhaupt noch Lehrer ausbilden wolle, „wenn bei der Reform kuriose Assistenten herauskommen“.

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