Gesundheit : Der Niembaum: Medizin und Kosmetika vom Wunderbaum

Ellen Norten

Ob Dornen, Stacheln oder schlechter Geschmack - wenn es um die Abwehr von Fressfeinden geht, lassen sich Pflanzen einiges einfallen. Ein wahrer Meister dabei ist der tropische Niembaum. Obwohl das gelbe Fleisch der olivenähnlichen Früchte angenehm aromatisch schmeckt, ist es fast unmöglich, dieses von den extrem bitteren Kern darin zu lösen. So ist der Niembaum in seiner Heimat Indien und Burma, aber auch in vielen anderen tropischen Ländern sogar bei vielen Kindern oft äußerst unbeliebt, da diese beim Naschen immer wieder auf den bitteren Kern beißen.

Diesen kleinen Nachteil wiegt jedoch der enorme Vorteil, den die bitteren Wirkstoffe für den Pflanzenschutz bedeuten, bei weitem auf. So konnte Heinrich Schmutterer von der Universität Gießen schon in den fünfziger Jahren im Sudan mit eigenen Augen beobachten, dass Niembäume sogar einer Heuschreckeninvasion trotzten. Während alle anderen Pflanzen in der Umgebung durch die hungrigen Insekten kahl gefressen wurden, blieben Niembäume im vollen Laub. Dieses Phänomen brachte den Forscher dazu, die Wirkstoffe im Niembaum genauer zu untersuchen. Deren Potenzial für den Pflanzenschutz war so groß, dass sich mittlerweile Wissenschaftler auf der ganzen Welt mit dem Niembaum und seinen Inhaltsstoffen beschäftigen.

Diese greifen in das Hormonsystem der Insekten ein. Insbesondere der Hauptwirkstoff, Azadirachtin, verhindert die lebensnotwendige Häutung der Insektenlarven, so dass diese als ewige Jugendliche im alten Chitinpanzer feststecken. Bei erwachsenen Insekten wird die Fortpflanzung gestört, zudem werden die Tiere träge und fressen kaum noch. Diese Eigenschaften sind ideal für ein biologisches Pflanzenschutzmittel, das sich sowohl aus dem wässrigen Extrakt der gemahlenen Samen als auch aus den Blättern leicht herstellen lässt.

Der "Knock Down Effekt", der bei chemischen Insektiziden eintritt, bleibt hier aus. Schädlinge wie Nützlinge kippen keinesfalls tot vom Blatt, statt dessen stellt sich die Wirkung erst langsam in ein bis zwei Wochen ein. In dieser Zeit fressen die Schädlinge kaum noch, sie vermehren sich auch nicht mehr, dienen aber noch Vögeln und anderen Insektenfressern als Nahrung. Nützlinge, wie etwa Marienkäfer oder Florfliegen, werden durch Niem nicht getroffen, da diese bekanntlich nicht an Pflanzen nagen, sondern sich räuberisch von Läusen und anderem Ungeziefer ernähren.

Patent zurückgeholt

Die intensive Erforschung der Niemwirkstoffe hat das Interesse der Pflanzenschutzmittelindustrie geweckt. Ein Patent, das auf Niemöl erteilt worden war, musste jetzt vom Europäischen Patentamt zurück geholt werden, da keine erfinderische Leistung seitens des Patentinhabers vorhanden war. Unabhängig davon wurden jetzt erste Fertigprodukte, allerdings mit lediglich einem Niemwirkstoff, dem Azadirachtin, in Deutschland zugelassen.

Dass hier nicht auf das gesamte Potpourri der Inhaltsstoffe, die sich beim Niem in ihrer Wirkungsweise noch gegenseitig optimieren, zugegriffen wird, liegt an dem strengen deutschen Pflanzenschutzmittelgesetz. Dieses verlangt für jeden Wirkstoff aufwändige und teure Untersuchungen auf Giftigkeit oder Umweltverträglichkeit. Ist diese Hürde genommen, darf der jeweilige Wirkstoff in ausgewiesener Konzentration in Fertigprodukten in den Verkehr gebracht werden.

Konfrontation mit dem Gesetz

Diese für chemische Insektizide sinnvolle Anforderung kann ein natürlicher Rohstoff jedoch nicht erfüllen. Je nach den Witterungsbedingungen am Standort schwanken die einzelnen Wirkstoffe in ihrer Konzentration. Damit gibt es für die bei uns seit einigen Jahren erhältlichen Niemrohstoffe Probleme. Die Spritzbrühen aus Niemrohstoffen, die ähnlich wie Brennesseljauche erfolgreich in Kleingärten und in der biologischen Landwirtschaft verwendet werden, erfüllen die strengen Voraussetzungen des Pflanzenschutzmittelgesetzes nicht und sind nun in ihrer Anwendung gefährdet.

Bisher weisen keinerlei Forschungsergebnisse auf mögliche Risiken durch das Naturprodukt hin. Außerdem hat Niem in seiner Heimat eine mehr als 4000-jährige Tradition - allerdings nicht im Pflanzenschutz, sondern in Medizin und Kosmetik. Gesundheitsgefährdende Eigenschaften gibt es nicht zu berichten. Allerdings ist es wichtig, dass die Rohstoffe, insbesondere die Samen, sorgfältig getrocknet werden, andernfalls können Pilzinfektionen nicht nur die Qualität des Produkts, sondern tatsächlich bei einer inneren Anwendung die Gesundheit gefährden. Dies gilt nicht nur für Niemsamen, sondern auch für Erdnüsse oder Pistazien.

Dagegen stehen die positiven Erfahrungen aus Indien. So bürsten die Einheimischen dort ihr Zahnfleisch mit kleinen Niemzweigen und nutzen so die entzündungshemmende Wirkung der Niemrinde. Zum Schutz vor Kopfläusen, Flöhen und Krätze werden Kinder in einem Niemblätteraufguss gebadet. Gegen Wurminfektionen, aber auch gegen andere Erkrankungen wie Malaria, Diabetes, Rheuma und Magengeschwüre sollen Niemblättertee oder Niemsamen helfen. Der geschützte Baum wird wegen seiner vielfältigen Wirkungen als Dorfapotheke bezeichnet. Auch bei uns gibt es erste kosmetische Produkte auf Niembasis: Zahnpasta zur Stärkung des Zahnfleischs, Seife, Ölbäder und Cremes zur Pflege der Haut sowie Shampoos gegen Ungeziefer bei Mensch und Tier.

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