Gesundheit : Der österreichische Bärenvater

Vor rund 40 Jahren kam ein Braunbär aus Slowenien in die Nähe von Wien. Mittlerweile leben dort etwa ein Dutzend Tiere

Roland Knauer

Der bei Garmisch-Partenkirchen umherstreifende und Schafe reißende Bär ist über Italien nach Bayern gekommen. Auch in Österreich hat er schon gewütet. Dort interessieren sich Experten des World Wide Fund for Nature (WWF) für die Verwandtschaftsverhältnisse der „Ursus arctos“ genannten Braunbären. Da die nach Österreich zurückgekehrten Tiere im Normalfall ziemlich scheu sind, wendet das WWF-Team um Norbert Gerstl einen Trick an.

Zuerst mischen sie Fischreste und Blut in einem Kanister, den sie anschließend zwei Wochen in der Sonne stehen lassen. Es entsteht eine infernalisch stinkende Mischung, die Bären anscheinend attraktiv finden und bereits aus großer Entfernung erschnuppern.

Bevor die Bären sich an dem vermeintlichen Aas gütlich tun können, müssen sie auf dem Bauch unter einem Stacheldrahtzaun durchrobben, der einen Durchschlupf von rund einem halben Meter Höhe lässt. Dabei bleiben meist ein paar Haarbüschel am Stacheldraht hängen, aus denen sich das Erbmaterial DNS gut isolieren lässt. Die Analyse ähnelt einem Vaterschaftstest oder dem genetischen Fingerabdruck.

Ein bei allen Braunbären gleicher DNS-Abschnitt hilft festzustellen, ob es wirklich ein Bär war, der durch den Gestank angelockt wurde, und nicht etwa ein Fuchs, der durch den Zaun schnürte. Dann werden sieben weitere DNS-Abschnitte untersucht, die sich von Bär zu Bär unterscheiden. Mit den als Mikrosatelliten bezeichneten Erbgut-Schnipseln lassen sich die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Bären klären.

Aus weit mehr als zweihundert Proben ergibt sich bereits ein guter Überblick über die Situation der Bären im Ötschergebiet, keine 150 Kilometer von Wien entfernt. Ein Dutzend Bären haben die Forscher dort sicher nachgewiesen und jeder von ihnen stammt in erster, zweiter oder dritter Generation von einem einzigen Ur-Vater ab, der in Österreich als Ötscherbär bekannt ist.

Seine Geschichte begann vor etwa 40 Jahren. Damals stapften zwei oder drei Jungbären hinter einer von der langen Winterruhe abgemagerten Bärin durch die Karstberge an der Grenze zwischen Slowenien und Kroatien. Eineinhalb Jahre lang folgten die Jungen ihrer Mutter auf Schritt und Tritt. In dieser Zeit lernten sie, welche Leckereien sich in der Natur verbergen und welche Gefahren dort lauern. Drei Viertel der Bärennahrung besteht übrigens aus Pflanzenkost, Tiere stehen viel seltener auf dem Speiseplan als vielfach angenommen.

Nach 18 Monaten mussten die inzwischen stattlichen Jungen ohne mütterliche Hilfe für Nahrung sorgen. Das ist im Süden Sloweniens an der kroatischen Grenze gar nicht einfach, weil sich dort rund 450 Bären tummeln. So macht sich mancher Jungbär auf den Weg in die Fremde. Einer dieser jugendlichen Weitwanderer schaffte es 1972 bis 150 Kilometer vor Wien. Dort hatte 1966 ein Jahrhundert-Föhnsturm in den nördlichen Kalkalpen nahe am Ötscherberg 2500 Hektar Wald umgemäht, auf den Kahlflächen standen die Himbeeren voll im Saft. Außerdem gab es in der Gegend noch viel Wald, wenig Menschen und etliche Häuschen, aus denen Honigduft drang.

Diesem Angebot konnte der Ötscherbär nicht widerstehen. Seit 1842 blieb zum ersten Mal wieder ein Bär im Herzen Österreichs. Tatzenspuren, demolierte Bienenhäuschen oder Einbrüche in Waldarbeiterdepots verrieten ihn. 17 Jahre lang lebte er zurückgezogen am Ötscher. Die Menschen lernten mit dem Neuankömmling zu leben: Elektrozäune unterbinden Mundraub aus Bienenhäusern, Futter und Rapsöl werden außer Reichweite des Bärs gelagert.

Sollte ein Bär doch einmal aufdringlich werden, werden Gummigeschosse mit lautem Knall abgefeuert. Der Bär erschrickt und macht in Zukunft einen großen Bogen um alles, was nach Mensch riecht. Und sollte er doch noch ein Schaf reißen oder ein Rapsöl-Depot demolieren, deckt eine Versicherung die Kosten. Durchschnittlich siebentausend Euro Schäden richten die heute rund 25 österreichischen Bären jedes Jahr an, da fallen die Prämien nicht allzu hoch aus.

Um für Nachwuchs zu sorgen, fingen die WWF-Experten im damaligen Jugoslawien eine junge Bärin und setzten sie in der Nähe des Ötscherbären aus. Im darauf folgenden Winter brachte die Bärin drei meerschweinchengroße Junge zur Welt. Zwei Jahre später folgte der zweite Wurf, inzwischen waren zwei weitere Bären in der Nähe ausgesetzt worden. So sind die Braunbären in Österreich wieder heimisch geworden.

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