DER OP-Kurs : So wird ein abgetrennter Finger angenäht

Wer unvorsichtig mit Werkzeug oder Maschinen umgeht, kann leicht einen oder mehrere Finger verlieren. Doch das muss nicht endgültig sein..

Björn Rosen

Unfälle an der Kreissäge sind die Ursache von 70 Prozent solcher Verletzungen. „Meist kann ein abgetrennter Finger aber wieder angenäht werden“, sagt Andreas Eisenschenk, Chef der Abteilung für Hand-, Replantations- und Mikrochirurgie am Unfallkrankenhaus Berlin (UKB). „Zumindest, wenn das Unfallopfer einige Dinge beachtet.“

Zuerst sollte man die Wunde – etwa mit einem Taschentuch – umwickeln, um die Blutung zu stoppen. Den abgetrennten Finger braucht man nicht zu säubern oder in einem sterilen Tuch zu lagern. „Es genügt, ihn in ein T-Shirt zu wickeln.“ Dieses legt man dann in eine Plastiktüte, verschließt sie und gibt sie in eine weitere Tüte voll Eis. Gut gekühlt lässt sich der Finger noch nach zwölf Stunden annähen. Direkter Kontakt mit dem Eis ist aber tabu, sonst „erfriert“ der Finger: „Eine Replantation wäre dann nicht mehr möglich.“

Wie gut die Chancen stehen, dass der Finger später wieder voll funktioniert, hängt von der Art des Unfalls ab. „Glatte Schnitte, wie sie mit einem Cuttermesser entstehen, sind am besten zu behandeln, eine Kombination aus Quetschung und Riss am schlechtesten“, sagt Eisenschenk. Bei einer Replantation müssen die Teile des Fingers Schritt für Schritt wieder zusammengenäht werden: Blutgefäße ebenso wie Nerven. In Berlin ist das UKB in Marzahn-Hellersdorf darauf spezialisiert. Die OP, bei der die Ärzte durch eine Lupenbrille oder ein Mikroskop auf die Strukturen des Finger schauen, dauert oft sechs, manchmal zehn Stunden. „Der Patient ist in dieser Zeit betäubt.“ Das erste Mal gelang es 1968 in Japan, einen abgetrennten Daumen wieder anzunähen.

„Zu Beginn der OP kümmern sich zwei Ärzteteams jeweils um den abgetrennten Finger und um den Stumpf an der Hand.“ Oft sind mehr als zehn Leute damit beschäftigt, den Finger zu desinfizieren, totes oder stark geschädigtes Gewebe zu entfernen sowie auf beiden Seiten Knochen, Sehnen, Nerven, Arterien und Venen zu identifizieren und schließlich mit Fäden zu markieren. Danach können Finger und Stumpf verbunden werden. Man beginnt mit der Naht der Beugesehne, von Nerven und Arterien. Die zwei Knochenteile werden mit Schrauben oder Platten aus Metall stabilisiert. „Dann wird der Finger umgedreht und die Strecksehne und die Venen auf seiner Rückseite werden vernäht.“ Für Arterien und Venen verwenden die Ärzte einen sehr dünnen Faden aus Kunststoff. „Den erkennt man ohne Hilfsmittel selbst dann nicht, wenn er auf weißem Papier liegt.“ Alle anderen Teile werden mit kräftigerem Garn verbunden; auch die Haut, die zuletzt genäht wird.

Direkt nach der OP können Komplikationen, etwa durch Thrombosen, entstehen. Erst Monate später ist klar, ob der Finger normal funktioniert: Ist der Nerv nicht richtig verwachsen, kann er sich dauerhaft kalt anfühlen.

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