Der OP-Kurs : So wird Speiseröhrenkrebs entfernt

Björn Rosen

Speiseröhrenkrebs gehört zu den selteneren Krebsarten, ist aber seit einigen Jahren auf dem Vormarsch. Neben Rauchen und starkem Alkoholkonsum scheint besonders chronisches Sodbrennen das Risiko zu erhöhen – denn gelangt Magensäure in den unteren Teil der Speiseröhre verändert sich die Schleimhaut. Und „daraus kann ein Adeno-Karzinom entstehen“, sagt Jörg-Peter Ritz, leitender Oberarzt an der Charité.

Speiseröhrenkrebs wird meist spät erkannt. Anders als in asiatischen Ländern, wo die Krankheit verbreiteter ist, gibt es in Deutschland keine Routine-Vorsorgeuntersuchungen. „Weil sich die Speiseröhre durch den Tumor verengt, sind Schluckbeschwerden das typische Symptom: anfangs nur bei fester, später auch bei flüssiger Nahrung.“ Eine Operation ist auf jeden Fall nötig, um das befallene Gewebe zu entfernen. Wenn der Krebs schon fortgeschritten ist, kommen Strahlen- und Chemotherapie hinzu.

„Selten genügt es, nur Teile der Schleimhaut zu entfernen. Meist muss die gesamte Speiseröhre oder ein Stück davon herausoperiert werden“, erklärt Ritz. Bei einem warzenartig wachsenden Plattenepithel-Karzinom ist häufig der mittlere und obere Teil der Röhre betroffen – dieser wird dann ersetzt, indem man den Magen nach oben zieht und an den Speiseröhrenrest annäht. Beim Adeno-Karzinom muss nur der untere Teil der Speiseröhre entfernt werden, aber auch der Magen. „Dazu öffnet man den Bauch mit einem etwa 20 Zentimeter langen Schnitt.“ Dann werden die Verbindungen des Magens zum umliegenden Gewebe gekappt, etwa am Zwölffingerdarm. Anschließend wird der Magen – mitsamt des Fettgewebes und der Lymphknoten – entnommen. Nach oben hin bahnt sich der Arzt seinen Weg durchs Zwerchfell, um zur Speiseröhre vorzudringen. Zwei Zentimeter hinter dem Tumorgebiet durchtrennt er sie. Manchmal muss dazu auch der Brustkorb geöffnet werden. Dann wird ein Stück des drei bis fünf Meter langen Dünndarms nach oben gezogen und an dem verbliebenen Ende der Speiseröhre befestigt. „Dabei benutzt man einen Stapler – ein Nahtgerät, das ähnlich wie ein Tacker mit Titanklammern funktioniert.“ Anschließend muss der Chirurg nur noch die Bauchdecke wieder schließen und vernähen. Außerdem legt er Drainagen – kleine Schläuche, durch die Wundflüssigkeit ablaufen kann. Sie werden nach einigen Tagen wieder herausgenommen.

Die gesamte OP dauert drei bis vier Stunden. Schon nach wenigen Tagen kann der Patient Suppe, etwa eine Woche danach wieder festere Nahrung essen. Allerdings ist der Dünndarm kein perfekter Ersatz: Zum Beispiel fehlen im Körper nun wichtige Hormone aus dem Magen, die Hungergefühl auslösen. „Deshalb verlieren viele der Patienten 15 bis 20 Prozent an Gewicht“, sagt Chirurg Ritz. „Wichtig ist nicht nur, dass sie regelmäßig essen. Sie müssen auch sechs bis acht kleinere statt drei großer Mahlzeiten zu sich nehmen. Alles andere würde den Dünndarm überlasten.“

Die Heilungschancen sind nur für die frühen Tumorstadien gut: „60 bis 80 Prozent der Patienten mit einem Adeno-Karzinom leben fünf Jahre nach der Operation noch.“

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