Gesundheit : Der organisierte Wechsel vom Studium in den Beruf und zurück an die Hochschule ist das Ziel

Uwe Schlicht

Die neuen Studiengänge können nicht dadurch inhaltlich gestaltet werden, dass man die herkömmlichen Magister- und Diplom-Studiengänge nur ein wenig verändert und auf kürzere Zeiten trimmt. Die Bachelor- und Master-Studiengänge müssen schon in der Sicht des Wissenschaftsrats neu entwickelt werden. Dabei soll an dem grundlegenden Ziel festgehalten werden, eine intellektuelle Bildung durch Wissenschaft zu erreichen. Aber allein schon die aktuellen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt zeigen: Das Ziel einer Beschäftigungsfähigkeit kann nicht mehr "dauerhaft und einmalig" in einer begrenzten wissenschaftlichen Erstausbildung erreicht werden. Für die Zukunft muss mit dem Grundsatz eines lebenslangen Lernens ernst gemacht werden. Damit steht die Berufsfähigkeit unter dem ständigen Zwang der kontinuierlichen Erneuerung und Erweiterung, je nachdem welche neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse sich durchsetzen oder wie sich die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt verändern.

Deswegen kann auch die Erstausbildung nicht mehr wie heute sieben bis acht Jahre in den Diplom- und Magisterstudiengängen an den Universitäten dauern, sondern muss radikal verkürzt werden. Für die zeitlich auf drei bis vier Jahre begrenzte Erstausbildung in den neuen Studiengängen mit dem Bachelor-Abschluss empfiehlt der Wissenschaftsrat eine Vermittlung von nur grundlegenden Fach- und Methodenkenntnissen. Hinzu kommt die Einübung von Schlüsselqualifikationen. Dazu gehören Fremdsprachenkenntnisse, der Umgang mit Computern und dem Internet, der Einblick in andere Kulturen, die Arbeit im Team. Die Fähigkeit, Kenntnisse zu präsentieren, ist ebenso unentbehrlich wie die Verdichtung von Informationen zu Wissen. Alle diese Schlüsselqualifikationen sollen in dem Ziel münden, "eigenverantwortlich weiter zu lernen". Das Bachelor-Studium soll mit einer größeren Projektarbeit abschließen.

Die Organisation des Studiums in den neuen Studiengängen ist so anzulegen, dass klare Abschnitte - Module genannt - nicht nur festgelegt, sondern auch mit international vergleichbaren Kreditpunkten versehen werden. Dies erleichtert nicht nur den Hochschulwechsel innerhalb Deutschlands, sondern auch ins Ausland. Diese neue Organisation sichert zugleich jederzeit den Wiedereinstieg eines Bachelors nach Jahren der Berufstätigkeit zur Weiterbildung an den Hochschulen. Ein solcher Wiedereinstieg ist ausgesprochen erwünscht, denn er bereichert die Hochschulausbildung, weil die Master-Studenten dann ihre Berufserfahrung einbringen können.

In der Konzeption des Wissenschaftsrats ist lebenslanges Lernen nicht ein blasser Appell an den Berufstätigen, dem es anschließend selbst überlassen bleibt, was er aus dieser Forderung macht, sondern ein völlig neues Organisationsangebot für die Hochschulen. Dass Wirtschaft und Öffentlicher Dienst die entsprechenden organisatorischen Voraussetzungen für das lebenslange Lernen zu treffen haben, ist für den Wissenschaftsrat selbstverständlich. Allein schon die Gleichstellung von Bachelor- und Master-Studiengängen an Fachhochschulen und Universitäten müsste eigentlich eine Reform des Öffentlichen Dienstes nach sich ziehen. Der Fachhochschulabsolvent dürfte dann nicht mehr länger in der Besoldungsgruppe A 12 für den gehobenen Dienst eingestuft werden, während der Absolvent der Universität über A 13 den Zugang zum höheren Dienst bekommt.

Da es das zentrale Ziel des Wissenschaftsrates ist, eine Verlängerung der Studienzeiten "in jedem Fall zu vermeiden", sollen in den neuen Studiengängen zwingende Kombinationen von mehreren Fächern, wie sie die herkömmlichen deutschen Magister-Studiengänge auszeichnen, "nicht fortgeschrieben werden". Mit anderen Worten: Das Bachelor-Studium muss die Berufsfähigkeit auf wissenschaftlicher Grundlage "in der Regel bereits durch die Konzentration auf ein wissenschaftliches Kernfach" erreichen. Fachübergreifende Kenntnisse werden nicht ausgeschlossen, aber als Ergänzung betrachtet. Kombinationen unterschiedlicher Fächer sind für den Wissenschaftsrat nur denkbar, "sofern sie sich nicht studienzeitverlängernd auswirken".

Ganz andere Chancen eröffnet dagegen die Kombination eines Bachelor-Studiums mit einer Master-Ausbildung. Beim Master-Studium möchte der Wissenschaftsrat eine möglichst große Vielfalt an Fächerkombinationen ermöglichen. In Zukunft sind dabei folgende Lösungen denkbar: Nach dem Bachelor-Studium bietet der darauf aufbauende Master-Studiengang eine bloße Vertiefung in demselben Fach. Aber genauso gut kann es zu einer ganz anderen Kombination kommen: Zum Beispiel schließt sich an den Bachelor in den Ingenieurwissenschaften ein Master in der Betriebswirtschaft an. Nur spricht sich der Wissenschaftsrat dann für eine klare Rangfolge zwischen Haupt- und Nebenfächern aus.

Die Master-Ausbildung verfolgt von Anfang an mehrere Ziele. Zum einen soll sie den Hochschulen den wissenschaftlichen Nachwuchs liefern. Von daher werden nach der Massenausbildung im Bachelor die Masterstudenten als künftige Elite systematisch in die Forschung einbezogen. Master-Studiengänge, die auf den Beruf des Wissenschaftlers vorbereiten, sollen daher "an den Schnittstellen der Disziplinen angesiedelt sein" - an jenen Schnittstellen, die seit Jahren ohnehin die meisten Impulse für die Forschung geboten haben. Master-Studiengänge, die auf Spitzenpositionen in den Berufen vorbereiten, werden künftig flexibel auf die jeweiligen Veränderungen des Arbeitsmarktes ausgerichtet. Ziel ist die Ausbildung zu "einem Generalisten". Auch in Master-Studiengängen können die Lernorte Hochschule und Betrieb miteinander verbunden werden.

Abschließen soll das Master-Studium auf jeden Fall mit einer Master-Arbeit, in der das Fachwissen sowie die Methoden- und die Schlüsselkompetenzen an Hand eines komplexen Problems nachgewiesen werden. Nur jenen Master-Studenten, die auf Grund ihrer herausragenden Fähigkeiten schon frühzeitig zur Promotion zugelassen worden sind, kann die schriftliche Magister- oder Master-Arbeit erlassen werden. Deren Integration in die Dissertation ist dem Ziel untergeordnet, die gesamte Qualifizierungszeit bis zum Start als Nachwuchswissenschaftler zu verkürzen.

Der Wissenschaftsrat lässt keinen Zweifel daran, dass ein Bachelor-Studium auf einem anderen Studienprogramm basieren muss als die bestehenden Diplom-, Magister- oder Staatsexamenstudiengänge. Einen direkten Vergleich mit den herkömmlichen Studiengängen bezeichnet der Wissenschaftsrat als "nicht sachgerecht". Der Wissenschaftsrat empfiehlt den Hochschulen, die notwendigen Reformen "umgehend einzuleiten".

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