Gesundheit : Der Pfahl im eigenen Fleisch

Dieter Simon

In der Karnevalszeit des Jahrs 2002 nach Christus traten in Berlin die Hellseher und Schwarzseher, die Raunenden, die Vielwisser, die Besserwisser und Alleswisser zusammen, um sich über die Vergangenheit und die Zukunft der Wissenschaft auszutauschen.

Was steht an? War die Frage, auf die viele alte und kaum eine neue Antwort gegeben wurden.

Einer aber gab überhaupt keine Antwort, denn es war ihm nichts eingefallen. Stattdessen erzählte er das Märchen von der Berliner Wissenschaftspolitik. Und das ging so:

Es war einmal ein kleines Land, das rundherum von seinen Gegnern eingeschlossen war. Wie ein Pfahl stak es im Fleische des Feindes. Seine Bewohner galten deshalb als besonders tapfer und wurden aus der Ferne liebevoll umsorgt, - so liebevoll und so umfassend, daß sie eines Tages völlig vergessen hatten, daß man auch für sich selbst sorgen kann.

Ihre Arbeitsorgane verkümmerten und ihre Genußorgane vergrößerten sich in einem bis dahin unbekannten Umfang. Ob dieser Prozeß endlos weitergegangen wäre oder irgendwann ein natürliches Ende im seligen Nirwana der totalen Betreuung gefunden hätte, blieb ungeklärt. Denn völlig überraschend platzte der feindliche Ring, der das Ländchen umgab, die bösen Gegner verschwanden, und der gepäppelte Pfahl steckte unversehens nicht mehr im fremden, sondern im eigenen Fleisch.

Jetzt war guter Rat teuer. Denn die vielen Stätten, an und auf denen man sich bisher kulturell amüsiert hatte und die nicht weniger zahlreichen Stätten, von denen man in Zukunft wissenschaftlich leben wollte und sollte, bedurften der Überprüfung, der Reinigung und der Vereinigung. Aber wer sollte sich dieser Aufgabe widmen, wenn alle nur noch das Verteilen, nicht aber das Erwerben hinreichend beherrschten?

Erfreulicherweise stürzte sich der aus der Provinz herbeigeeilte forsche Ritter Manfred mit solcher Bravour auf das Problem, daß er zwar im Zentrum der Landschaft einen ziemlich großen Hügel von Schulden zurückließ, um den herum sich jedoch eine sauber gerodete, wohlvermessene und exakt verplante Region entfaltete. Fehlten nur noch die Paläste und die Gärten, und fast wäre alles wieder so gewesen wie früher.

Die auf dem ehemaligen Pfahl Ansässigen waren deshalb sehr zufrieden. Sie blickten optimistisch in die Zukunft und hatten obendrein und unerwartet einen echten Wissenschaftsminister am Werke gesehen, was einem einfachen Sterblichen nicht täglich zustößt.

Es sollte freilich ihr letztes derartiges Erlebnis gewesen sein. Davon wußten sie damals allerdings noch nichts, weshalb sie noch hoffnungsfroh und nicht ohne Vergnügen auf den kleinen, schnelldrehenden Nachfolger blickten, der ihnen jedoch als unvergeßliche Bereicherung lediglich die inzwischen berühmt gewordene "Bemühungszusage" hinterließ und im Übrigen immer wieder so geschickt hinter dem Erichsfelsen in Deckung ging, daß sein letztlich geringes Interesse für die Sache der Wissenschaft nicht eigentlich offenbar wurde.

Als er aus dem Amte schied, waren die Pfahlbürger zu generöser Nachsicht bereit. Denn schließlich war inzwischen deutlich geworden, daß auch der beste Wille nichts vermag, wenn es dem bösen Finanzierer nicht gefällt. Und wenn ein Staatswesen unter der Schuldenlast kracht, kommt es offenbar nicht mehr darauf an, ob überhaupt ein Wille vorhanden ist oder nicht.

Es war inzwischen augenfällig geworden, daß der stolze Pfahl hohl geworden war und morsch bis ins entschwundene Mark. Seine Bürger waren deshalb weder be-sonders erstaunt noch besonders erschrocken, als die dem Kreisel folgende willensstarke Importware so schnell verglühte wie sie aufgeflammt war und die wenig berauschende Situation eintrat, daß sich eigentlich kein Hochwertiger mehr für das wohlfeile Amt interessieren mochte. Als endlich ein Kandidat entdeckt worden war, machte dieser denn auch keinerlei Versuch mehr, das Fehlen seiner Leidenschaft für die weiten Felder des Wissens zu verbergen oder sie wenigstens mit seiner ebenfalls fehlenden Begabung zu versöhnen, die immer noch nicht blühen wollenden Landschaften zu bestellen.

Dann brach der Pfahl endgü ltig zusammen. Es würgte und schleppte sich auseinander was nicht zueinander gehörte. Der neue Charme warf sich anmutig in die Bresche, pfiff und zwitscherte, und versuchte unbefangen sein Möglichstes. Möglich war ihm allerdings so gut wie nichts, zumal der einzige wirkliche Experte des Hauses schleunigst exmittiert worden war.

Schon traten die endlichen Sieger auf und änderten schnell, was geändert werden mußte. Erneut wurde die politische Sprache deutlich bereichert, diesmal um den Slogan "und das ist auch gut so", und wie schon zu Platons gemächlichen Zeiten trat die Philosophie in den Dienst der Politik. Ihre erste Entscheidung war denn auch durch und durch philosophisch, d.h. unverständlich für den nichtphilosophischen Rest der Welt. Sie läuteten dem gerade erst aufgeblühten Teil der medizinischen Forschung verbiestert die Totenglocke.

Da erschraken die Bewohner des kleinen Landes sehr, weil sie fürchteten, daß ein so deutliches Zeichen des Wahnsinns schon am Beginn der Amtszeit ihrer neuen Regierung als Hinweis auf das rasch nahende Ende der gesamten Region gedeutet werden müsse. Mürrisch standen sie tagsüber an den Ecken ihrer Stadt. Schlaflos wälzten sie sich nächtens in ihren Betten hin und her. Dann kam ihnen die Erleuchtung.

Sie fielen auf die Knie und beteten zum Herren ihres Erdkreises, zum großen Onkel, daß er sie von ihrem Leid erlösen mö ge.

"Lieber Onkel Gerhard", so flehten sie, "bitte befreie uns von dem Übel und übernimm uns und unser Territorium zur Gänze in Deine Verantwortung. Verwandle unsere Regierung in kleine kommunale Oberhäupter, wie es ihren Fähigkeiten ent-spricht. Gib uns und ihnen kein Geld, denn wir und sie können doch nicht damit umgehen. Tilge unsere Schulden und gib uns etwas zum Naschen. Nimm uns das Wahlrecht und mache uns exterritorial, wie es einst dem jenseits des großen Wassers gelegenen Distrikt Columbia geschehen ist und wir wollen Dir dankbare und wunderbare Hauptstadtmenschen sein".

So jammerten sie. Aber der Große Gerhard zählte gerade seine Wähler und hörte nichts. Und ob er sie jemals hören wird, ist bislang völlig ungewiß. So kommt es, daß sie immer noch auf den Knien liegen und schlotternd auf ein Wunder warten, das sich jedoch nicht einstellen will. Und wenn sie nicht sterben werden, dann bleiben sie dort liegen.

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