Gesundheit : Der Philosoph wird heute hundert Jahre alt

Iring Fetscher

Ein leiser Denker, um den es nie viel Lärm gab. 1960 erschien sein Hauptwerk "Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik"Iring Fetscher

Hans Georg Gadamer ist ein leiser Denker. Nie war so viel Lärm um ihn wie um andere bedeutende Philosophen unseres Jahrhunderts. Beharrlich blieb er einer früh gewonnen Orientierung treu, offen für Einwände, fähig zur Selbstkorrektur, ständig wachsend an Einsicht, nie aufhörend zu lernen.

Vor zehn Jahren staunten wir - auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt Neapel - über zahlreiche große Plakate, auf denen der Syndaco voller Stolz bekanntgab, dass er Hans Georg Gadamer (vielleicht stand da auch Giovanni Giorgio) zum Ehrenbürger der alten Stadt ernannt habe. Wir trafen ihn in einem kleinen Hotel auf Capri, das nur seinetwegen - Anfang November - noch geöffnet war und unterhielten uns bis in die späte Nacht hinein buchstäblich "über Gott und die Welt." Als wir nach Mitternacht müde zu werden begannen, wollte Gadamer noch eine weitere Flasche Rotwein bestellen. Er schien unermüdlich. Gadamer ließ sich immer Zeit.

1960 erschien das Hauptwerk "Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik", dem sein Verlag den Obertitel "Wahrheit und Methode" gab. Der Sohn eines naturwissenschaftlich orientierten bürgerlichen Elternhauses in Marburg wandte sich, veranlaßt durch die Erfahrung des Ersten Weltkrieges, entschieden vom naturwissenschaftlich-technischen Denken ab, das er für die Exzesse der sinnlosen modernen Materialschlachten und für einen Verlust an sinnvoller Weltorientierung verantwortlich machte. Mit dieser zeitgeschichtlichen Lage fiel der Niedergang des Neukantianismus zusammen, den Gadamer noch als Student in Breslau und Marburg kennengelernt hatte. Paul Natorp, der sich in seiner Spätzeit der Philosophie des deutschen Idealismus und der Mystik zugewandt hatte, schlug Gadamer ein Fichte-Thema vor, schließlich aber eine Arbeit über "Das Wesen der Lust nach den platonischen Dialogen".

Auch wenn Gadamer diesen frühen Text nicht in seine Gesammelten Werke aufnehmen ließ, markiert er bereits seine Orientierung auf eine differenzierte Rezeption der Klassiker. Das Studium der Philosophie hatte er mit dem der griechischen Philologie verbunden, die zeitgenössische Dichtung - Stefan George und R. M. Rilke - hatte ihn beeindruckt. Ausschlaggebend aber wurde die Begegnung mit Martin Heidegger, der als Privatdozent in Marburg eine "Hermeneutik des Daseins" zu entwerfen begann. Ihm folgte Gadamer nach Freiburg. Obgleich er dessen Begeisterung für die Nazis mit Verwunderung zur Kenntnis genommen haben dürfte, blieb er Heidegger stets in dankbarer Bewunderung verbunden. Die "Kehre", die jener nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog, indem er auch sein Hauptwerk "Sein und Zeit" kritisch infrage stellte, hat Gadamer nicht mitvollzogen. Verzichtete aber - bescheiden - auf kritische Ablehnung.

Eine junge mexikanische Philosophin hat Gadamer vor einiger Zeit vorgeworfen, den Nazis nicht eindeutig widerstanden und sich ästhetisch-kontemplativ gegenüber der Politik zurückgehalten zu haben. Sie musste allerdings feststellen, dass der Philosoph von seinem damaligen Leipziger Lehrstuhl aus während des Krieges einen Beitrag zur konservativen Opposition gegen den Zeitgeist geleistet hatte. Nur in einem verständnislosen Rückblick von der heutigen demokratischen und liberalen Gegenwart aus kann man das "verurteilen". Die Verschwörung der Männer und Frauen vom 20. Juli 1944 war nicht weniger verdienstvoll, weil ihr "Aufstand des Gewissens" aus konservativem Selbstverständnis erwuchs.

Die Schönheit des Verstehens

Von Heidegger hatte Gadamer gelernt, dass man wesentliche Einsichten der klassischen Denker aufnehmen kann, ohne deren metaphysische Überzeugungen übernehmen zu müssen. Im Umgang mit ihnen wie mit Dichtung, Sprache und Geschichte hat er seine philosophische Hermeneutik entwickelt. An den platonischen Dialogen wie an sprachlichen Kunstwerken, am Spiel und am Kunstschönen exemplifizierte er die Erfahrungsform der Hermeneutik. Alles Verstehbare ist Sprache in einem umfassenden Sinn. Welt haben wir als Menschen, indem wir sie vesprachlichen - oder richtiger: Welt wird sie für uns als Gesprochene.

Was im Verstehen geschieht, kommt zum Ausdruck, wenn wir von einem Kunstwerk "ergriffen" werden. Eine am antiken Denken orientierte phänomenologische Erfassung des Schönen erleichtert den Zugang. Das Schöne ist das um seiner selbst willen Daseiende. Das klingt noch im Wort "schöne Künste" an, das im Unterschied zu den nützlichen Künsten (den Handwerken) Tätigkeiten bezeichnet, die ihren Zweck in sich selbst haben. Das Häßlich ist dagegen das, was keinen Anblick verträgt während das Schöne "ansehnlich" ist, der Sitte entsprechend". Wie das Schöne ist auch das Gute um seiner selbst willen da, ein "Zweck, der sich alles andere als nützliche Mittel unterordnet". Der Vorzug des Schönen besteht darin, dass es unmittelbar für sich einnimmt, "denn der Schönheit allein ist dies zuteil geworden, das am meisten Hervorleuchtende und Liebenswerteste zu sein" (Plato, Phaidron). Schönheit leuchtet ein.

Das mag genügen, um einen kleinen Einblick in Gadamers Denkweise zu vermitteln. In der Ablehnung der Begrenzung von Welterfassung auf die instrumentelle Vernunft (Adorno) oder auf die Metaphysik der Subjektivität (Heidegger, Gadamer) sind sich diese zeitgenössischen Denker einig. Horkheimer und Adorno verurteilen den naturwissenschaftlichen Denkmodus in ihrer "Dialektik der Aufklärung" nicht weniger entschieden als Gadamer. Sie ziehen freilich andere Schlussfolgerungen. Heidegger werfen sie vor, mit seiner Fundamentalontologie hinter Kant zurückzugehen und nach der "Kehre" das Denken einem mythischen "Zuspruch des Seins" auszuliefern.

Jürgen Habermas und Karl Otto Apel kritisieren, dass Gadamer sich ausschließlich an der zu verstehenden Vergangenheit orientiere und den Fortschrittsgedanken zu verwerfe. Dabei habe er doch - durch seine aktualisierende Interpretation klassischer Texte - selbst an einem wie immer zu beschreibenden Fortschritt festgehalten. Apel wie Habermas entwerfen darüber hinaus eine formal-abstrakte Konstruktion eines universal verbindlichen, normativen gesellschaftlichen Zustands, der zwar nie ganz erreicht werden kann. Aber an der Annäherung zu ihm kann die Gegenwart kritisch gemessen werden kann.

Normen des Zusammenlebens

Statt diskurstheoretische Norm und hermeneutisches Verhalten als Gegensätze zu verstehen, versucht der Ungar Istvan Fehér zu zeigen, dass gerade die von Gadamers Hermeneutik angemahnte Offenheit für Überlieferung einen wichtigen Beitrag zum Verständnis wie zur friedlichen Koexistenz zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen und Sprachgemeinschaften leisten kann. Gadamer kann die diskurstheoretische Begründung demokratischer Normen des Zusammenlebens außerordentlich fruchtbar ergänzen. Ohne seine angemahnte "Offenheit füreinander" kann es eine "echte menschliche Bindung" nicht geben. Wie sonst könnten Menschen, die einander nach Herkunft und Weltverständnis zunächst fremd sind, friedlich zusammenleben und sich jenen - abstrakten - Normen freiwillig unterwerfen, die Apel und Habermas entwickelt haben?

Russen pflegen Jubilaren "hundert Jahre soll er leben" zu wünschen. Was kann man einem Hundertjährigen wie Gadamer wünschen? Bleib gesund und höre nicht auf, wie bisher interpretierend zu belehren und dich belehren zu lassen!Der Autor ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft und Sozialphilosophie. Er lehrte in Frankfurt am Main.

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