Gesundheit : Der Philosoph Zimmerli glaubt nicht an die Informationsgesellschaft

Uwe Schlicht

Stimmt die Theorie, dass die Welt in zwei Kulturen gespalten ist: die der Technik und die der Kultur? Oder gibt es nicht vier Kulturen, die sich stark unterscheiden: die Naturwissenschaften, die Technikwissenschaften, die Geisteswissenschaften und die Sozialwissenschaften. Walther Zimmerli, Philosoph aus der Schweiz und Präsident der privaten Universität Witten-Herdecke, räumte in seinem Vortrag vor der Stiftung "Brandenburger Tor" der Bankgesellschaft Berlin gleich mit mehreren gängigen Vorstellungen über die Rolle der Wissenschaft auf. Für Zimmerli gibt es heute vier Kulturen, aber zugleich eine Konvergenz zwischen ihnen.

Zimmerli sieht den eigentlichen Begründer der modernen Wissenschaften in dem englischen Renaissance-Philosophen Francis Bacon mit dessen Aussage, "Wissenschaft selbst ist Macht". Ebenso unentbehrlich sei die These des italienischen Philosophen Jean Battisto Vico, der als Basis für die Geisteswissenschaften formuliert hatte: "Wahr ist das, was wir selber gemacht haben." Auf der Basis dieser Grundsätze könne man die heutige Konvergenz zwischen den Wissenschaften in dem Sinne nachvollziehen, dass selbst in den so exakten und von Gesetzen bestimmten Naturwissenschaften vielfach Beweise erst gefunden werden, nachdem die Menschen selbst etwas konstruiert haben - zum Beispiel den Rechner, mit dessen Hilfe sich erst naturwissenschaftliche Experimente mit ihrem riesigen Datenmaterial auswerten lassen.

"Unsere wissenschaflich-technische Welt ist das Großlabor für unsere Theorien", sagt Zimmerli. Insofern sei es sinnlos, eine Trennung zwischen den Wächtern der Grundlagenforschung - einerseits den Universitäten und Forschungsinstituten und andererseits den Ingenieurwissenschaften und den produzierenden Firmen - aufrechtzuerhalten. Leider stehe noch immer die Ideologie des 19. Jahrhunderts als Haupthindernis einer modernen Entwicklung im Wege.

Die These, dass die Industriegesellschaft mit ihrer Ausrichtung auf die Produktion durch die Wissens- oder Dienstleistungsgesellschaft abgelöst worden sei, ist für Zimmerli eine "irreführende Vereinfachung", selbst wenn sie von so renommierten Wissenschaftlern wie Daniel Bell begründet wurde und seitdem zum festen Repertoire der Zeitdeutung gehört. Zimmerli: Auch die Wissens- oder Dienstleistungsgesellschaft ist auf möglichen Mehrwert angewiesen. "Wir müssen nach wie vor Güter produzieren, nur mit weniger Material und mehr Intelligenz. Das ist der Anteil des Wissens an der Produktion." Veredelung und Optimierung seien zu den Hauptthemen geworden und nicht mehr die originäre Verarbeitung von Rohstoffen. Insofern gilt für Zimmerli: "Die Impulse für die Marktentwicklung kommen heute nicht von der Politik und nicht aus der Wirtschaft, sondern von der technologischen Wissenschaft."

Auf der anderen Seite gehöre es zu den Irrtümern der angeblichen Wissensgesellschaft, dass Wissen weltweit verfügbar sei. Das gelte nur als Möglichkeit. Zugleich werde das Wissen, sobald es die Chancen habe, auf dem Markt gewinnbringend angewendet zu werden, in den Datenbanken so hoch abgeschottet, dass es nur für bestimmte Nutzer oder gegen hohe Geldzahlungen zugänglich gemacht werde - das Beispiel Gentechnik ist nur eines unter vielen.

Die so genannte Wissensgesellschaft basiert also keinesfalls darauf, "dass die heutigen Menschen mehr wissen - sie wissen eher weniger. Aber dafür kennen sie sich besser in der Bedienung von Rechnern aus." Vor der Erfindung des Computers seien die Menschen auf das Speichern des Wissens in ihrem Gedächtnis und in Büchern angewiesen gewesen. Den Studenten ist nicht nur reines Wissen zu vermitteln, sondern auch die Fähigkeit zur Kommunikation. Erst wenn sie aus Daten Wissen gewinnen und in Können umwandeln können, seien sie für die Gesellschaft nützlich. Deswegen muss den Studenten nicht nur Fachwissen, sondern auch Allgemeinbildung vermittelt werden: Geisteswissenschaftler sollen auch Ingenieurwissenschaften oder Medizin hören, Naturwissenschaftler sich zum Beispiel bei den Philosophen tummeln. In Witten-Herdecke müssen Studenten komponieren, auch das Hochschulorchester dirigieren oder aus der Dichtung Metaphern lernen. "Man kann in einer anderen Disziplin nicht mitreden, ohne zuvor mitgehört zu haben", sagt er. Deswegen sei die Forderung nach Interdisziplinarität nicht exakt, man sollte besser von Transdisziplinarität sprechen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben