Gesundheit : Der präfrontale Cortex: Genügend Hirn fürs Einfühlungsvermögen

Bas Kast

Er ist nur so groß wie eine Billiardkugel. Doch einmal mehr stellen Forscher fest, dass er entscheidend zum Menschsein, wie wir es kennen, beiträgt: der präfrontale Cortex - jenes Hirnareal, das direkt hinter unseren Augen liegt. Ein Team um Donald Stuss vom Rotman Forschungsinstitut der Universität Toronto in Kanada konnte jetzt nachweisen, dass auch unser Einfühlungsvermögen stark vom Stirnlappen abhängt.

Schon zuvor hatten Studien von Adrian Riane von der Universität von Südkalifornien gezeigt, dass der Präfrontalcortex etwa bei Mördern weniger aktiv ist; Menschen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung verfügten seinen Untersuchungen zu Folge über elf Prozent weniger Hirnmasse in diesem Bereich - das entspricht zwei Teelöffel voll.

Stuss und seine Kollegen untersuchten die Fähigkeit von Patienten mit einer Präfrontalcortex-Schädigung, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Bei dem Experiment saß eine Testpersonen einem Versuchsleiter an einem Tisch gegenüber. Ein Vorhang konnte die beiden voneinander trennen. Vor dem Versuchsleiter auf dem Tisch standen zwei Kaffeetassen, unter denen er einen kleinen Ball versteckte. Sowohl neben der Testperson als auch neben dem Versuchsleiter saß jeweils eine weitere Person - Mitarbeiter von Stuss.

Dann begann das Experiment: Der Vorhang wurde zugezogen und der Ball versteckt. Etwas später wurde Vorhang wieder geöffnet, und der Proband musste raten, unter welcher Tasse sich der Ball befand. Dabei "halfen" ihm die Assistenten. Das Problem dabei: Einer der Assistenten, nämlich der, der neben dem Probanden saß, hatte ebenso wenig wie der Proband gesehen, unter welche Tasse der Versuchsleiter den Ball versteckt hatte.

Für genau diese Erkenntnis braucht der Mensch die Fähigkeit, sich in die andere Person, die neben ihm sitzt, hineinzuversetzen. Eine solche Leistung mag uns trivial vorkommen, aber autistischen Menschen zum Beispiel fehlt sie - mit gravierenden Folgen. Auch die Präfrontalcortex-Patienten scheinen ihre Schwierigkeit mit der Empathie zu haben: Insbesondere solche, bei denen die rechte Hirnhälfte betroffen war, ließen sich von dem Assistenten, der neben ihnen saß, in die Irre führen und waren beim Raten am schlechtesten von allen. Sie konnten einfach nicht einsehen, dass auch der Assistent nichts gesehen hatte und deshalb genauso aufs Raten angewiesen war, wie sie selbst.

Die Fähigkeit der Empathie - auch "Theorie des Geistes" genannt - ist für den Menschen von entscheidender Bedeutung. Verschiedene Forschungsteams widmen sich dem Phänomen auch in Tierversuchen. An der Universität Parma wurden "Spiegelzellen" entdeckt, die aktiv sind, wenn ein Affe eine Armbewegung ausführt. Das Erstaunliche ist, dass die gleichen Zellen "feuerten", wenn der Affe seine Armbewegung bei einem anderen Affen sah. Die Spiegelzellen könnten, so spekulieren Forscher, ein erster Schritt zur Fähigkeit sein, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Auch Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt (Main), hält die Empathie für eines der wichtigsten menschlichen Eigenschaften, wie er kürzlich gegenüber "Spektrum der Wissenschaft" äußerte. Schimpansen, die einen anderen Schimpansen sitzen sehen, der auf eine Spinne starrt, könnten sich nicht vorstellen, dass der Schimpanse Angst vor der Spinne hat und nur deshalb ruhig sitzen bleibt, weil er vortäuschen will, eben keine Angst zu haben. "Nur wir können uns vorstellen, was im anderen vorgehen könnte, wenn er sich in einer bestimmten Situation befindet. Hier sprechen wir von der Fähigkeit, eine Theorie des Geistes aufzustellen."

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