Gesundheit : Der Preis der Freiheit

Deutsche und irakische Exilanten über den Bombenkrieg 1945 und 2003: Wie weit ist es von Dresden nach Bagdad?

Amory Burchard

Exil und Krieg sind als Bedingungen menschlicher Existenz unerträglich. Kommen sie zusammen, geraten Betroffene in einen dramatischen emotionalen Konflikt. Flüchtlinge vor politischer oder ethnischer Verfolgung sind zerrissen zwischen dem Wunsch, die Heimat möge befreit werden, und der Furcht, sie durch die Folgen des Krieges erneut zu verlieren. Diese Zerrissenheit erleben heute Exil-Iraker, vor ihnen Exil-Afghanen und Exil-Serben. Letztere waren in ihrem Protest gegen die alliierte Intervention gegen das Milosevic-Regime allerdings deutlicher als in ihrem Ruf nach Demokratisierung. Die meisten hatten ihre jugoslawische Heimat einst als Gastarbeiter verlassen, nicht als politisch Verfolgte.

Als klassischer Exilant im Kriegsfall gilt Thomas Mann. In einer Rundfunkansprache aus dem kalifornischen Exil an die deutschen Hörer beklagte er den Verlust seiner Heimatstadt Lübeck nach den britischen Luftangriffen – und setzte hinzu: „Aber ich denke an Coventry und habe nichts einzuwenden, dass alles bezahlt werden muss.“ Thomas Mann sei damals von Rachegedanken geleitet gewesen, erinnert sich der heute 91-jährige Volkmar Zühlsdorff. Der ehemalige Geschäftsführer der Deutschen Akademie der Künste und Wissenschaften im New Yorker Exil, der auch Mann angehörte, betont, dass dessen Haltung keineswegs typisch gewesen sei. Als Mann sich später dafür ausgesprochen habe, Deutschland dauerhaft zu besetzen und zu entrechten, habe er im Gegensatz zur Mehrheit der deutschen Emigranten gestanden. Den Konflikt des deutschen Exils beschreibt der in Bonn lebende Zühlsdorff heute so: Eine Fortsetzung des NS-Regimes hätte eine noch größere Katastrophe als der Bombenkrieg gegen Deutschland bedeutet. „Aber natürlich hat es uns geschmerzt zu sehen, wie die deutschen Städte in Schutt und Asche fielen.“

Die Exil-Iraker sind derzeit Nachrichten wie dieser ausgesetzt: „Die Bodenoffensive wurde am Sonntag erneut von heftigen Luftangriffen auf die irakische Hauptstadt sowie auf Mossul und Kirkuk im Norden des Landes begleitet.“ Der Berliner Psychotherapeut Salah Ahmad vom Behandlungszentrum für Folteropfer schildert, wie Exilanten reagieren, wenn ihr Geburtsort oder Wohnorte ihrer Verwandten als Ziele von Bombardierungen genannt werden: „Sie bekommen eine Gänsehaut, werden mit einem Schlag von Angst und Traurigkeit befallen. Sie fragen sich: Ist meiner Mutter oder meinem Bruder etwas passiert? Sie spüren es körperlich und emotional und drohen, in eine dauerhafte Depression zu verfallen.“ Salah Ahmad schildert auch seine eigenen Gefühle.

Den psychischen Druck aushalten

Der Kurde floh 1981 aus seiner Geburtsstadt Kirkuk, wo noch heute seine Eltern und Geschwister leben. Deutschlandweit sprechen sich Iraker dezidiert gegen den Krieg aus, der zum Regimewechsel führen soll. „Nicht auf diesem Wege“, sagen sie. Die Welt hätte warten müssen, bis die irakische Opposition gegen Saddam aufstehe – oder bis die UN-Diplomatie den Diktator zermürbt hätte.

Salah Ahmad dagegen gehört zu den Exil-Irakern, die sich – trotz vieler Vorbehalte – für den Krieg aussprechen. „Wenn man möchte, dass das Regime gestürzt wird, muss man bereit sein, einen Preis zu zahlen.“ Ahmad spricht nicht für seine Familie im Irak, sondern von seiner Situation als Exilant, wenn er sagt: „Man muss auch diesen psychischen Druck aushalten.“ Nicht nur irakische Kurden, die von Saddam am härtesten verfolgte Minderheit, denken so. Der in Köln lebende irakische Exil-Schriftsteller Hussain Al-Mozany sagte im Tagesspiegel-Interview, der erbarmungslose Psychopath Saddam Hussein könne nur gewaltsam gestürzt werden. Die Europäer seien naiv, an einen diplomatischen Ausweg zu glauben.

Beide Exilanten, der Kurde und der Iraker, betonen ihre Sorge um die irakische Zivilbevölkerung und ihr grundsätzliches Misstrauen gegenüber amerikanischen Demokratie-Versprechungen. Und sie appellieren an die USA, den Krieg jetzt konsequent und möglichst schnell zu Ende zu führen. Und sich nicht, wie 1991, zurückzuziehen und die Iraker dem Rachefeldzug Saddams und seiner Clique auszusetzen.

1945 seien die Alliierten von den deutschen Exilanten ganz klar als Befreier gesehen worden, sagt Volkmar Zühlsdorff. Gegen die Zerstörung Dresdens im Februar 1945 habe der New Yorker Council for a Democratic Germany, dem Zühlsdorff angehörte, jedoch mit öffentlichen Erklärungen protestiert: Zivile Ziele zu bombardieren, sei in keiner Weise zu rechtfertigen. Und tatsächlich wollten die Amerikaner und Briten die Deutschen nicht von vornherein befreien, sondern besiegen. Anders als heute im Irak, wo sie gezielt Militäranlagen und Paläste des Diktators bombardieren und die Zivilbevölkerung nach Möglichkeit verschonen.

Der Berliner Literaturwissenschaftler und Exilforscher Eberhard Lämmert sieht eine weitere mögliche Parallele zwischen dem deutschen Exil nach 1933 und dem irakischen: „Die Spaltung, die der Diktator aufgerissen hat, lebt über den Krieg fort.“ Nachdem die Schicksale im Exil und in der Heimat so unterschiedlich gewesen seien bräuchten beide Seiten „eine Generation, um wieder aufeinander zugehen zu können“. So wurde Thomas Mann bei seinem ersten Nachkriegsbesuch 1949 kühl empfangen. Marlene Dietrich, die in Hollywood Werbung für US-Kriegsanleihen gemacht hatte und US-Truppen an der Front betreute, traf bei ihrem ersten und letzten Besuch 1960 auf offene Ablehnung.

Der Heimat zur Hilfe eilen

Der als Sozialdemokrat geflohene Volkmar Zühlsdorff dagegen kehrte bereits 1946 zurück und trat in den deutschen diplomatischen Dienst ein. Bis Deutschland allerdings der schmerzliche Verlust der deutsch-jüdischen Emigration bewusst wurde, vergingen Jahrzehnte. Salah Ahmad, der kurdische Psychotherapeut, hofft, dass er seinen Landsleuten sofort nach Kriegsende zur Hilfe eilen kann. Er organisiert gemeinsam mit dem Behandlungszentrum für Folteropfer, Medico International und Amnesty International eine Hilfsaktion für verletzte und traumatisierte Kriegsopfer. „Dort Ambulanzen zu eröffnen ist mein Protest gegen den Krieg“, sagt Ahmad. Als müsse er sich dafür entschuldigen, dass er im gegenwärtigen Krieg eine Hoffnung auf Frieden für den Irak sieht.

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