Gesundheit : Der "Professoren-TÜV" aus Sachsen

Michael Bartsch

Nach 20 000 eingelesenen Fragebögen quietscht der Scanner zwar etwas, aber die Software im Dresdner "Studentischen Evaluationsbüro" errechnet das Ergebnis reibungslos und sofort. Dieser Dozent und seine Lehrveranstaltung kommen ganz gut weg. Note "Zwei" für den Vortragsstil und die Vorbereitung, eine "Vier" auf der fünfteiligen Skala allerdings für mangelnde Rückfragemöglichkeit. Aber auch Selbsteinschätzung wird abgefragt, das eigene Interesse des Studenten und der vermutete Leistungsstand.

Die Elektrotechniker der Dresdner TU waren Pioniere der Lehrevaluation in Sachsen und praktizieren die Befragung, seit das sächsische Hochschulgesetz 1993 Lehrberichte vorschreibt. Fachschaftsräte haben seither in eigener Regie schon den "Professoren-TÜV" ausgestellt, die TU betreibt ein eigenes Projekt "Evaluation der Lehre". Aber die meisten Studenten in Sachsen füllen in diesem Herbst erst zum zweiten Mal einen Fragebogen aus. Rücklaufquote 90 Prozent!

Seit Februar 99 bleibt die Bewertung nämlich nicht mehr allein den Fakultäten und Fachschaftsräten überlassen. Finanziert je zur Hälfte von den Studentenräten und dem sächsischen Wissenschaftsministerium, nahm ein unabhängiges studentisches Evaluationsbüro "SES" mit zwei Stellen seine Arbeit auf. "Die Fakultäten haben selbst oft nicht die Durchschlagskraft für eine Selbstevaluation und brauchen unabhängige Unterstützung", meint René Krempkow, der gerade sein Soziologiestudium absolviert hat. Das ist vorsichtig formuliert.

Aus den Fachschaftsräten wird berichtet, wie sich Dozenten auch gegen Veröffentlichungen sträuben. Und der Professor, der wegen lukrativerer Forschungsaufgaben häufig seinen Assistenten schickt, gehört durchaus zur Alltagserfahrung der Studenten. Vor dem SES wird nun ein Verstecken kaum noch möglich sein. Ein bisschen hat der Druck der Studentenproteste vor zwei Jahren nachgeholfen, damit in der sächsischen Hochschulgesetznovelle vom Frühjahr dieses Jahres auch die Rolle der Studienkommissionen gestärkt wurde. Hier sind Befragungen ausdrücklich als "Soll"-Bestimmung erwähnt.

Das Studentische Evaluations-Büro liefert nun ein solides Know-how und garantiert eine professionelle Auswertung. Von den vier sächsischen Universitäten und weiteren drei Fachhochschulen gehen hier inzwischen die Daten ein. Aus psychologischen Gründen starten die Befragungen in der Semestermitte. Die Ergebnisse werden in den Fachschaftszeitungen und nun auch in den Lehrberichten veröffentlicht, anonymisiert und nur nach Lehrveranstaltungen gegliedert. In etwa zwei Jahren will das Büro aus dem Material einen "Studienführer Sachsen" und spezielle "Hochschulportraits" erstellen.

Schon jetzt lassen sich aber Tendenzen ablesen. Dabei ist zu beachten, dass die Fragebögen einen standardisierten und einen fachspezifischen Teil enthalten. In das Ergebnis fließt auch ein Parameter ein, das die lokalen Voraussetzungen berücksichtigt, um Vergleichbarkeit herzustellen. Insgesamt wird zwar das Engagement der Dozenten allgemein sehr hoch eingeschätzt, ihre didaktischen Fähigkeiten hingegen werden als mangelhaft empfunden. Statistischer Beleg für ein längst bekanntes Manko.

In einigen geisteswissenschaftlichen Fächern kann das Büro inzwischen die Studienbedingungen innerhalb Sachsens vergleichen. So stellt sich beispielsweise im Fach Soziologie heraus, dass der große Andrang in Leipzig zu einer fast eineinhalbjährigen Überschreitung der Regelstudienzeit führt. Dresden bietet dafür eine schmalere Palette an Lehrveranstaltungen und benotet schärfer, insbesondere Studenten im Nebenfach. Verständlicherweise ist die Dresdner Universitätsverwaltung nicht ganz so begeistert vom SES wie etwa das sächsische Wissenschaftsministerium.

Nach Meinung von Hannes Lehmann, Dezernent für akademische Angelegenheiten, ist mit der Einrichtung des Büros noch keine neue Qualität gegenüber dem eigenen Projekt erreicht. Lediglich der Service habe sich verbessert. Augenzwinkernd gibt er natürlich auch zu, dass manche schwarzen Schafe kein Interesse an der Auswertung haben können. Wenn er aber gegen das Bild vom faulen Professor wettert, hat er weniger das Evaluationsbüro als eine Neigung des Ministeriums im Blick. Dort rede man seit Jahren von mehr Leistungskriterien, getan aber hätten nur die Hochschulen selbst etwas. Ihm sei nicht ein Fall bekannt, wo ein kritisierter Hochschullehrer durch das Ministerium zur Stellungnahme aufgefordert worden wäre. Lehmann wehrt sich auch gegen eine Verabsolutierung der Befragung und gegen verkürzte Bewertung. "Eine gute Punktzahl ist noch nicht gleich Leistung!"

Dabei gehen doch Evaluationsbüro und Fachschaftsräte so behutsam und diplomatisch mit den Ergebnissen um. Wie die Universitätsleitung auch, setzt man nach der Veröffentlichung auf Dialog und Besserungsfähigkeit. "Es ist ganz wichtig, mit den Betroffenen zu reden und die Ergebnisse nicht einfach im Raum stehen zu lassen", meint Réne Krempkow. Mehr kann den Hochschullehrern gegenwärtig auch kaum passieren. In der Forderung nach mehr Leistungskriterien auch für die Lehre ist man sich wiederum mit dem Wissenschaftsministerium einig.

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