Gesundheit : Der Projektkiller

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Von Günter Blutke

An der Züricher Universität wartet man auf Post von Hans-Joachim Sadlik. Schließlich hat der Schwedter und Freizeit-Ornithologe 72 Proben von Handschwingenspitzen versprochen, vorgesehen für genetische Untersuchungen. Federn vom Wachtelkönig, einem seltenen, kaum bekannten und dennoch in ganz Europa als „Projektkiller“ gefürchteten Vogel. Um keine Ängste zu verbreiten, sollen Naturschützer, so ist zu hören, den friedlich in seinen Wiesen lebenden Wachtelkönig selbst an Kneipentischen nicht mehr Wachtelkönig nennen, sondern Wiesenralle. So heißt er wirklich, aber das weiß kaum ein Mensch, also vermutlich auch kein schreckhafter Investor.

Der gelbbraun gefärbte, kaum über 25 Zentimeter große Wiesenvogel mit dem lateinischen n Crex crex lebt versteckt und zählt europaweit zu den am stärksten gefährdeten Arten. An der Anwesenheit dieser Tiere scheiterte 1996 zum Beispiel der Bau von 3000 Sozialwohnungen am Moor von Neugraben-Fischbeck bei Hamburg sowie die geplante Trasse der Autobahn A 26. Und in der Steiermark blockierten die Vögel den Bau der B 146 im Mittleren Ennstal. Der nächste große Streit um den Wachtelkönig könnte in Brandenburg losbrechen, im Unteren Odertal, denn eine geplante vierspurige Autotrasse nach Polen soll mitten durch eine Kernzone des Nationalparks geschlagen werden, anders gesagt: durch seinen wichtigsten Lebensraum in Deutschland.

Der Wachtelkönig ist zugegebenermaßen in seinen Ansprüchen nicht gerade bescheiden. Ein einziger Wachtelkönighahn braucht einen Hektar Feuchtwiese als Lebensraum. Ziemlich viel für heutige Verhältnisse, denn Feuchtwiesen stehen ganz oben in der Roten Liste bedrohter Biotope. Seit den 60er Jahren wurde deutschlandweit reichlich trocken gelegt. Der Wachtelkönig hatte die Folgen zu tragen. Ihm fehlen jetzt links und rechts der alten Grenze artgerechte Lebensräume.

Von Ende April an sind die Wachtelkönige aus ihren bis weit nach Afrika reichenden Winterquartieren zurückgekehrt. In Sadliks Revier, seit Mitte der 90er Jahre Brandenburgs einziger Nationalpark, konnte die weitaus größte, stabilste Population Deutschlands überleben. Die zweitgrößte Gruppe brütet in der Wimme-Niederung bei Bremen, die drittgrößte im Murnauer Moos bei Garmisch-Partenkirchen.

Knarren in der Nacht

Von diesem Vogel weiß jedoch selbst die kleine Schar Spezialisten nicht einmal annähernd, wie viele in Deutschlands Feuchtwiesen überlebt haben. Die offiziell genannten Bestandszahlen zeigen das Dilemma: 800 bis 3000 rufende Männchen, so viele könnten es nach den jüngsten Schätzungen noch sein. Sadlik, zu Hause in Schwedt, zehn Trabi-Minuten vom Wachtelkönigrevier entfernt, hat von Mitte bis Ende Mai fast jede Nacht Hähne gezählt, rufende Männchen, die mit kilometerweit schallenden Knarrlauten Weibchen anlocken. In sieben Revieren im Unteren Odertal haben die Ornithologen 212 rufende Hähne gehört, die höchste Zahl seit zehn Jahren.

Tagsüber schweigen die Tiere gewöhnlich, wenn sie nicht gerade von einem anderen Rufer provoziert werden, beispielsweise von einem Geschlechtsgenossen, der sich als Kassettenrekorder getarnt, ins Revier hineingeschlichen hat. Ein wutschnaubender Vogel soll schon einmal den aus der Art geschlagenen Eindringling mit Schnabelhieben aufs Plastikgehäuse attackiert haben.

Doch trotz nächtelanger Mühen konnten mit Sicherheit längst nicht alle dieser Männchen ein Weibchen herbeikrächzen. Und selbst wenn das einem Hahn gelang, war noch lange kein Bruterfolg gesichert. Der Wachtelkönig, ein wehrloser Bodenbrüter, besitzt viele natürliche Feinde: Füchse, Marder, Wiesel, Krähen, Störche.

Kälteschock überlebt

Jedes Jahr gelingt es Sadlik, mehrere der von ihm beringten Vögel wieder einzufangen. Das beweist die Ortstreue des Wachtelkönigs und auch die Schutzwürdigkeit eines Brutgebietes wie das Odertal. Als ähnlich sinnvoll erwiesen sich die Daten der Vögel, die von ihm und seinen Partnern mit einem Sender versehen wurden. Manche Tiere verloren den mit Sekundenkleber vorsichtig aufs Gefieder gedrückten Peilsender schon nach Stunden im Grasdickicht. Auf dem Weibchen „Waltraud“ hielt das Gerät mit 78 Tagen am längsten.

Beim Mähen rund um die offensichtlich nicht weit genug gezogene Schutzzone flüchtete sie für knapp sechs Stunden aus ihrem Nest. In dieser Zeit fiel die am Gelege gemessene Temperatur von 26 auf 16 Grad. Die Küken in den acht Eiern überlebten den Kälteschock, für Sadlik „ein Beweis, dass Wachtelkönige zwar auf jede Störung empfindlich reagieren, aber Gott sei dank auch einiges aushalten können. Schließlich können wir keine Glasglocke übers Odertal stülpen“.

Deshalb ist Sadlik die Zusammenarbeit mit den Bauern im Nationalpark so wichtig. Er gerät immer noch in Zorn, wenn er von dem zerstückelt aufgefundenen Wachtelkönig erzählt, den er kurz zuvor mit einem Peilsender versehen hatte. Ohne die Signale hätte er den toten Vogel niemals entdeckt.

Bei Bodenbrütern heißt ein solches Ende „ausmähen“ – ausgemäht in diesem Fall durch einen Traktoristen, der vergessen hatte, auf den Einsatzplan zu gucken. Und auf dem hätte er lesen können, dass genau dieses Wiesenstück als gekennzeichnetes Brutrevier erst einen Monat später unters Messer kommen sollte.

Für einigermaßen zuverlässig erkannte Brutreviere von Bodenbrütern legen Bauern und Ornithologen gemeinsam den Zeitplan fürs Mähen fest. Dort, wo erfahrungsgemäß Wachtelkönige nisten könnten, marschiert Sadlik vor dem Traktor her. Der Zeitverlust beim Mähen wird bezahlt, im letzten Jahr mit 50 Mark pro Hektar aus einem Naturschutzfonds. Gemäht wird im Unteren Odertal von innen nach außen, damit Altvögel mit den Jungen in eine Deckung flüchten können, notfalls bis in den Schutz des nächsten Uferrandstreifens.

Und wie kommt ein Biologielehrer zu der Beschäftigung mit einem Vogel, den man so gut wie nie sieht? Es geschah, als die Vogelwarte Hiddensee Ende der 80er Jahre von ihren Vogelberingern eine Spezialisierung auf wenige Arten forderte. Sadlik entschied sich für den Wachtelkönig, weil „über keinen anderen Vogel so wenig bekannt war“.

Inzwischen weiß er mehr über ihn als die meisten studierten Ornithologen, obwohl er, wie er gerne sagt, „weiter nichts als sein Hobby betreibt“. Außerdem ist er der einzige Fachmann in Deutschland, der den geschützten Vogel noch fangen und beringen darf.

Weitere Informationen unter: www.corncrake.de

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