Gesundheit : Der Reißverschluß paßt nicht

JOSEFINE JANERT

Für eine Broschüre über den Berufseinstieg nach dem Studium wirbt das Arbeitsamt mit einem anschaulichen Signet.Es zeigt zwei Hälften einer Figur, die trotz ihrer Ecken und Kanten wie ein Reißverschluß ineinander greifen.Auf der oberen Hälfte steht Studium, auf der unteren Beruf.Zusammen bilden sie eine Einheit.Die Realität sieht leider oft anders aus.Allein in Berlin waren im September 19 051 Arbeitslose mit Hochschulabschluß registriert.Soll die Universität sie besser auf den Arbeitsmarkt vorbereiten? Wer ist dafür zuständig, Studenten Zusatzqualifikationen zu vermitteln, fragte die Tagesspiegel-Redakteurin Dorothee Nolte bei einer Podiumsdiskussion, die vom Projekt Berufsorientierung (BeO) der Freien Universität organisiert worden war: Kommt es zu einem Ausverkauf der Wissenschaft, wenn sich Hochschullehrer künftig auch um den Arbeitsmarkt kümmern?

Der Politologe Peter Grottian forderte "Distanz zur Praxis, um über die Distanz die Praxis zu verändern".Auch der Literatur- Professor Gert Mattenklott will "die Wissenschaft als Wissenschaft bewahren und die Studenten dadurch berufsfähig machen".Er regte an, die an der Universität erworbenen Fähigkeiten mit mehr Selbstbewußtsein zu betrachten.Ja, gerade Geistes- und Sozialwissenschaftler stellen durch das Studium ihr Vermögen unter Beweis, mit komplexen, chaotischen Situationen umzugehen und zu recherchieren.

Das hebt sie von Ingenieuren ab, die, wie der Politologe Dieter Bickenbach aus der Praxis berichtete, lineares Denken gewohnt sind und damit oft nur einen Teil der Realität erfassen.Bickenbach, der als Verantwortlicher für Organisationsentwicklung bei den Berliner Stadtreinigungsbetrieben Erfahrungen mit Absolventen gesammelt hat, bringt den Geistes- und Sozialwissenschaftlern ebenso viel Wohlwollen entgegen wie Stefanie Berg von der Marketingagentur "Conosco".Allein die Tatsache, daß jemand ein Studium abgeschlossen habe, zeige, daß er eigenständig arbeiten könne, belastbar sei und Fähigkeiten zur Selbstorganisation habe, sagte Berg.Bei der Auswahl von Bewerbern schaue man bei der Siemens AG darauf, ob die Absolventen neben einer guten Examensnote die sogenannten Schlüsselqualifikationen mitbringen, berichtete Gesine Schmithals, die dort Qualifizierungsprogramme leitet.

Doch können Studenten diese Eigenschaften wirklich an der Hochschule erwerben? Viele fühlen sich im Irrgarten Universität schlecht betreut, ihr Wissen ist zu speziell für den Arbeitsmarkt, Marketing-Kenntnisse oder Teamgeist erwerben sie an der Uni oft nicht.Die Liste der Klagen ist lang.Manche Dozenten verweisen auf die Kürzungen, um zu begründen, daß sie in diesem Bereich gerade jetzt nicht mehr tun könnten.

Praktische Seminare, wo etwa Germanisten mit einem Verleger die Redaktion eines Buches besprechen oder Kunstwissenschaftler mit einem Museumsfachmann die Vorbereitung einer Ausstellung, werden an den Hochschulen zu selten angeboten, sagte jemand aus dem Publikum.Offensichtlich klafft ein Widerspruch zwischen dem hehren Anspruch vieler Professoren, den Stoff lebhaft zu vermitteln, und den trostlosen Erfahrungen vieler Absolventen.

Soziale Schlüsselqualifikationen müssen deshalb innerhalb des regulären Lehrangebots vermittelt werden, forderte die FU-Vizepräsidentin Christine Keitel-Kreidt.Angebote wie das Projekt Berufsorientierung, ein Teilbereich der Zentraleinrichtung Psychologische Studienberatung, seien vorerst zusätzlich nötig.BeO bietet unter anderem Kurse in Rhetorik, Präsentationstechnik, Bewerbungstraining und Marketing an und organisierte am Tag der Podiumsdiskussion eine Infobörse, bei der sich Studenten über Praktika, Existenzgründung und Firmen schlau machen konnten.

Gleichwohl, so fanden viele Diskussionsteilnehmer, solle man mit Distanz auf die Anforderungen der Wirtschaft reagieren.Erfahrungen zeigen, daß diese sich alle paar Jahre ändern.Während gestern händeringend Juristen gebraucht wurden, sind es heute Sinologen und morgen vielleicht Arbeitssoziologen.

Teamgeist und das Vermögen, einen Vortrag ansprechend zu präsentieren, werden jedoch auch in zehn Jahren noch gefragt sein.Die Uni sollte mehr tun, um Fähigkeiten dieser Art zu vermitteln.Es ist keine Frage des Entweder-Oder, entweder Berufsqualifikation oder Wissenschaft, sondern eine Frage danach, wie man beides wirkungsvoll vereinen kann.Ein jährlicher Berufspraxistag am Institut und mindestens drei Monate Praxis während des Studiums, wie es Professor Grottian einforderte, wären ein Anfang.

Informationen über das Projekt Berufsorientierung gibt es montags und donnerstags von 10 bis 12 Uhr unter Telefon 838 52 44.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben