Gesundheit : Der Rhetorik-Wettbewerb: Schule ist ein einziges riesiges Gespräch

Ralf Langhammer

Sabine lehnt sich zufrieden zurück. Ihr Biologie-Referat war ein Erfolg. Ohne zu stottern hat sie den Mitschülern das Paarungsverhalten der Stichlinge erklärt und alle haben es verstanden. Seit Sabine in der Rhetorik-AG ihrer Schule ist, fällt es ihr leichter, den Stoff zu ordnen und ihn vor der Klasse vorzutragen. Darüber freut sich auch ihr Zeugnis. Wie Sabine geht es vielen Schülern, die in der Schule Kontakt zur Rhetorik bekommen. Und das werden immer mehr. Da streitet ein Grundkurs Deutsch über Videoüberwachung, machen Neuntklässler Artikulationsübungen im Wahlpflichtunterricht "Rhetorik", nehmen ganze Schulen an Wettbewerben wie "Jugend debattiert" teil. Manche Lehrer üben schon mit Fünftklässlern die Kunst des Gesprächs.

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Der Tagesspiegel-Rhetorikwettbewerb In den letzten zehn Jahren hat sich eine Menge getan. War Rhetorik bis dahin vor allem in der Welt der Lehrpläne und als Redeanalyse in der Schule zu Hause, gibt es heute eine große Zahl von rhetorischen Innovationen für die Schule. Eine Dokumentation der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung (siehe unten) weist eine erhebliche Zahl von Rhetorik-Vorhaben in ganz Deutschland nach. Erstaunlich ist dabei die Vielfalt: Rhetorik-Arbeitsgemeinschaften, Wahlpflichtunterricht, Rede- und Debattierwettbewerbe, Debattierclubs (auch auf Englisch), Stimmbildung, Gestaltendes Sprechen, Körpersprache und vieles mehr. Von der Grundschule bis zur Oberstufe und Berufsschule widmen Schüler und Lehrer ihre Aufmerksamkeit verstärkt dem gesprochenen Wort, dem Miteinanderreden, ohne dabei das Schriftliche auszublenden. Leider finden sich die meisten Aktivitäten nicht im Regelunterricht, sondern leben vom freiwilligen Engagement der Beteiligten. Allerdings spielt Rhetorik im Deutsch- und Politikunterricht verdeckt oder offen vermutlich immer wieder und immer stärker eine Rolle. Überhaupt ist Schule letztlich ein einziges riesiges Gespräch.

Warum engagieren sich eigentlich die Schüler und Lehrer? Was versprechen sie sich davon? Zuallererst wirkt sicherlich der Reiz der Sache selbst. Rhetorik selbst gemacht, ermöglicht immer auch Selbsterfahrung und eine Förderung des Selbstvertrauens. Eine Schülerin der Rhetorik-AG 11 eines hessischen Gymnasiums sagt: "Ich wollte wissen, wie ich auf andere wirke und mir war wichtig, sicherer aufzutreten." Es ist manchmal erstaunlich, wie zunächst unsichere Pennäler nach wenigen Hilfestellungen auftreten, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Übungen mit Selbsterfahrungswert und konstruktive Rückmeldungen aus der Gruppe oder vom Trainer bewirken oft Wunder. Der schwierigste Part besteht darin, das für neu gewonnene Können auch im anderen Unterricht einzubringen, für später zu sichern. Hier kann vertiefendes Üben viel erreichen. Aber es gibt noch ein Problem: Teilnehmer von Rhetorik-Seminaren beschweren sich gelegentlich über Lehrer, die ihnen immer wieder das Wort entziehen würden. Nun wollte man zeigen, was gelernt wurde und dann sind die Lehrer nicht bereit, Gesprächsräume zu öffnen.

Neben dem Nutzen für sich selbst spielt natürlich auch der Blick auf den späteren Berufsweg eine Rolle. Ob Physikerin oder Ärztin, ob Ingenieur oder IT-Beraterin, ob Maurermeister oder Mechaniker - jeder sollte gut und überzeugend reden können. Gute rhetorische Fähigkeiten sind überdies dienlich beim beruflichen Aufstieg. Also warum erst auf die teure Fortbildung im Beruf hoffen - lieber schon in der Schule Grundlagen schaffen, die bestimmt gebraucht werden können. Dies sehen auch Eltern so, die Angebote an eine Schule holen oder auch einen finanziellen Obolus entrichten. Und die Lehrer: Für sie bringt Rhetorik eine Stärkung von Eigenkompetenzen und oft einen engeren Kontakt zu Lerngruppen. Zudem bereitet es viel mehr Freude, kreative, praktische Übungen sozusagen "Learning-by-speaking" durchzuführen als schon wieder ein Diktat oder eine Übung "eintrichtern" zu müssen. Leider fehlen in der Lehrerfortbildung umfangreiche Angebote zur Rhetorik, was einerseits die Bereitschaft von Lehrern sich Rhetorik im Unterricht zuzutrauen nicht gerade fördert und andererseits die Aktiven zu "Self-made-Rhetorikern" werden lässt.

Zunehmend erkennen auch die Kultusministerien, dass Rhetorik viel bringt. Nicht zuletzt das Drängen der Wirtschaft, Schule solle Schlüsselqualifikationen wie Kommunikations- und Präsentationsfähigkeit vermitteln, zeigt hier Wirkung. Das Seminarfach in Baden-Württemberg und Thüringen, die Präsentation im Abitur in Hessen, Lehraufträge in Nordrhein-Westfalen sind nur wenige Beispiele hierfür. Daneben scheint sich auch eine Renaissance der Debatte als Teil von sprachlich-politischer Bildung abzuzeichnen, weg vom "Rumdiskutieren", hin zum konstruktiven, strukturierten Dialog. Debattierclubs in Weimar, Wiesbaden und Sachsen, englischsprachige Clubs rund um Stuttgart und das Pilotprojekt der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung "Jugend debattiert" in Frankfurt am Main sind hier beispielhaft zu nennen. Was nach wie vor fehlt, ist eine Verknüpfung der vielen "Rhetorik-Inseln" an Schulen in Deutschland, hier wäre ein Forum, ein Brücken schlagendes "Netzwerk Rhetorik" dringend notwendig, um die Vielfalt zu zeigen und mehr Unterstützung zu finden, um sinnvolle Ergänzungen für die eher schriftlastige Schule aufzuzeigen.

Mittagspause: Während Julia und Tim die "Exams" pauken, sind Sebastian und Luca dabei, ihr Manuskript für den Redewettbewerb durchzugehen. Am anderen Ende des Schulhofes ist Timo noch ganz aus dem Häuschen, die Sprech-Olympiade in Deutsch war echt witzig. Ganz andere Dinge beschäftigen die Achtklässler von Frau Maier, sie besprechen, wer morgen in Sozialkunde die Gesprächsleitung und das Impulsreferat übernimmt. Im SV-Zimmer wird die nächste Schülervollversammlung vorbereitet, eine Präsentation soll erstellt werden. Lutz kann hier viel helfen, weil er den Präsentationswettbewerb letztes Jahr gewonnen hat. Die Informatik-AG 9 programmiert heute einmal nicht den Computer, sondern sich selbst. Die Aufgabe lautet: Wie erkläre ich andern Schülern verständlich Formatierungsfragen? Rhetorik in die Schule! Ausprobieren ist angesagt, zum Beispiel beim Tagesspiegel-Wettbewerb Rhetorik, der Trainingsseminare beinhaltet. Mitreden lohnt sich!

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