Gesundheit : Der Schutzraum der Outcasts

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In dieser Serie berichten renommierte Geistes- und Sozialwissenschaftler über den Forschungsstand ihrer Disziplin. Welcher Begriff hat gerade Konjunktur, worüber wird diskutiert?

Von Franz Walter

Vor 150 Jahren etwa fing es an, mit den deutschen Parteien. Damals bildeten sich die prägenden Konfliktlinien der modernen bürgerlichen Gesellschaft heraus, zwischen Stadt und Land, zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Kirchen und säkularisierter Gesellschaft, zwischen den Konfessionen untereinander. Entlang dieser Konfliktlinien bauten sich die Parteien auf. Um einige dieser Parteien herum entspannten sich zudem noch Netze von Organisationen, Verbänden und Vereinen, die die Angehörigen der jeweiligen Konfliktparteien auch lebensweltlich, gleichsam von der Wiege bis zur Bahre, integrierten. Dazu gehörte ebenfalls noch ein Set von je gruppenspezifischen Ritualen, Kulthandlungen, öffentlichen Inszenierungen, feierlichen Zeremonien und transzendentalen Zukunftsvisionen. In Deutschland nannte man die parteibildenden Orte solcher kulturellen und sozialen Vergemeinschaftungen Milieus, in anderen Ländern, wie in Österreich, sprach man von Lagern oder auch, wie in den Niederlanden, von Säulen. Gleichviel: Es waren jedenfalls diese Subkulturen, die die Beständigkeit und zähe Lebensdauer der Parteien und unseres Parteiensystems ausmachten. Im Grunde bis heute. Noch – wie man wohl hinzufügen muss.

Eben aufgrund ihrer Traditionslastigkeit sind diese Milieus bei den hurtigen Deutungseliten der Berliner Republik nicht sonderlich beliebt. Vor allem Medienmenschen lieben schließlich das Schillernde und Wechselhafte, nicht das Einfarbige und Beständige. Das gehörte nun einmal zu ihrer Profession. Aber auch in den Interpretationen der mental weit weniger quirligen Historiker kommen die politischen Großmilieus nicht gut weg. Die Milieus, so schreiben die hauptberuflichen Wächter über die Geschichte, hätten die Spaltung der Gesellschaft vertieft und dadurch den Kompromiss zwischen den Lagern erschwert. Die Weimarer Republik sei am Ende daran zugrunde gegangen, der Nationalsozialismus infolgedessen an die Macht gelangt. So kann man es in zahlreichen gelehrten historiographischen Darstellungen des 20. Jahrhunderts nachlesen.

Sozialdemokraten und Katholiken

Das ist der Mainstream. Indes, sehr überzeugend ist er nicht. Denn in Deutschland gab es zwischen dem späten 19. Jahrhundert und 1933 zwei Milieus par excellence, mit verbindlicher, ja dogmatischer Weltanschauung und dicht konstruierten Organisationsgrundlagen: das sozialdemokratische und das katholische. Aber eben diese beiden Milieus widerstanden am stärksten den antidemokratischen Herausforderungen jener Jahrzehnte. Diese beiden Milieus blieben stabil auch während der Verwerfungen, Krisen und Umbrüche in den frühen 30er Jahren. Hier gab es die geringsten Konversionen zum Nationalsozialismus.

Und keine zweite gesellschaftliche Kraft hat den sozialen Kompromiss in den ökonomisch schwierigen Zeiten der Weimarer Republik so sehr realisiert wie das katholische Milieu. Einzig die katholische Zentrumspartei war zwischen 1919 und 1932 zu ständigen Regierungs- und Koalitionsbildungen nach rechts wie nach links in der Lage, ohne an diesem Spagat zu zerbrechen. Und das gelang eben nur, weil die Zentrumspartei auf einem fest verklammerten, ideologisch selbstgewissen, gleichsam vorrationaltreuen Milieu fußte. Das Milieu war belastbar und ertrug auch unpopuläre Politik. Seine Loyalität schuf den gouvernementalen Spielraum, den die Partei benötigte, um als Scharnierpartei in der Republik operieren zu können.

Die Liberalen hingegen waren dazu in dieser Zeit nicht in der Lage. Die liberalen Individualisten hatten keine verbindliche normative Idee, keine festen Organisationsgrundlagen, keine integrative Lebenswelt für ihre Anhänger. Die liberalen Bürger brauchten das alles nicht, denn sie waren die Honoratioren der Gesellschaft, bildeten das Establishment. Für sie gab es keinen Grund, sich in die Wagenburg eines abgeschotteten, ideologisch verbindlich fixierten Milieus zurückzuziehen. Milieus sind vielmehr der Schutzraum der Outcasts. Der Liberalismus war also politisch offen, eigentlich mustergültig republikanisch, da ohne Dogmen und Abschottungen. Doch eben deshalb fielen die Liberalen den fundamentalen Modernisierungskrisen und Pathologien in den 20er und 30er Jahren zum Opfer. Ihnen fehlten die Korsettstangen des Milieus.

Die Wähler der bürgerlichen Mitte waren politisch-kulturell unbehaust, ohne parteipolitische und organisatorische Wurzeln, ohne ideelle Bindungen und mitreißende Erlösungsversprechen. So wanderten die liberalen Anhängerschaften immer weiter nach rechts, bis sie sich bei der großen Staubsauerpartei der Milieulosen niederließen: den Nationalsozialisten. Kurzum: Die Weimarer Republik ging unter, weil der milieuenthobene Liberalismus in den Modernisierungskrisen auseinander brach. Die fest etablierten Milieus hielten dagegen stand. Sie hätten die Demokratie schon durch alle Turbulenzen hinweg über die Runden gebracht.

Nun: Das ist Geschichte. Irgendwann in den 60er/70er Jahren schmolzen die großorganisatorischen Kulturmilieus zusammen. Sozialdemokraten turnten nicht mehr im Arbeiterverein, Katholiken trieben Sport nicht allein bei der Deutschen Jugendkraft. Die Bebelporträts und Marienbilder verschwanden aus den Hausfluren; die Teilnehmer an Fronleichnamsprozessionen und 1. Mai-Demonstrationen gingen rapide zurück. Aber ganz verflüchtigt hat sich das alles trotzdem immer noch nicht. Noch bilden die Katholiken die treuesten Stammwähler der Union, die ihre Partei auch zu Beginn des neuen Jahrtausends über alle Spendenaffären hinweg getragen und stabilisiert haben . Und bei den Bundestagswahlen 1998 waren die gewerkschaftlich organisierten und aktiven Arbeitnehmer – und keineswegs eine diffuse neue Mitte aus jungen Unternehmensgründern - das sicherste Pfund für die Sozialdemokraten.

Natürlich: Das reicht alles für die Mehrheitsfähigkeit der großen Volksparteien längst nicht mehr aus. Aber nach wie vor sind das die Stammmilieus und ihre Multiplikatoren, die sich Monate vor den entscheidenden Wahlterminen aktivieren, ihre Kommunikationsnetze aufspannen, Stimmungen erzeugen, politische Orientierungen herstellen oder verstärken müssen. Deren Wirkung wird in der Mediengesellschaft weit unterschätzt. Das gilt ebenfalls für die modernen Wahlkampfzentralen, die gegenwärtig mehr auf Spin-Doctorentum und Branding, auf Marketing und professionelle Beratung von oben als auf die Face-to-Face-Kommunikation der Meinungsführer in den lokalen Lebenswelten unterhalb der Telegesellschaft setzen. Vor allem bei den Sozialdemokraten in der Kampa war das einige lange Monate so, weshalb die Bataillone der SPD schmollend und passiv beiseite standen, so dass die Umfragewerte der Partei zwischen Dezember 2001 und Mai 2002 kontinuierlich in den Keller gingen.

Überdies: Es sind die Restmilieus, die den Parteien immer noch Kontur verleihen, sie weiterhin unterscheidbar machen, ihnen nach wie vor Profil, Stetigkeit und normativ geprägtes Personal verschaffen. Politik wäre sonst noch beliebiger, noch substanzloser, noch demoskopischer. Kein Zufall jedenfalls, dass die drei großen Kanzler dieser Republik – Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Kohl - aus den großen Weltanschauungsmilieus hervorgegangen sind. Gewiss, das wird künftig anders sein, ist es wohl auch schon jetzt. Aber wird es deshalb besser werden?

Bezeichnend jedenfalls ist, dass der wohl fähigste politische Kopf im Berliner Regierungsviertel der grüne Außenminister ist. Fischer jedenfalls hat in den Zeiten seiner politischen Sozialisation alle Irrungen und Wirrungen von Milieubildung und Milieuprägung mitgemacht, mitgeformt und miterlitten. Er hat dadurch – es wurde oft genug gesagt – eine wirkliche, authentische Biographie. Das grüne Milieu kam historisch spät, verschwand dafür auch wieder sehr schnell, tradierte sich zumindest nicht über Generationen hinweg wie noch das sozialdemokratische oder katholische. Doch besaß auch die grüne Subkultur in jenen bewegten Anfangsjahren alle entscheidenden Kennzeichen der klassischen Milieustrukturen. Sie repräsentierte in den 70er Jahren mit der Ökologie eine neue gesellschaftliche Spannungslinie; sie basierte auf einer neuen organisatorischen Infrastruktur von Kinderläden, Bürgerinitiativen, Selbsthilfegruppen und alternativen Buchläden; sie produzierte eine eigene Symbolik, einen spezifischen Habitus. Am Ende brachte das neue grün-alternative Milieu noch eine Tageszeitung hervor und gründete schließlich die eigene Partei, eben die Grünen. Genau deshalb haben sich die Grünen im Westen der Republik ziemlich fest im Parteiensystem etablieren können; und eben deshalb gelang ihnen das im Osten nicht, wo sich ein solches Milieu nie herauskristallisiert hat. Dafür existiert dort die PDS, die sich eben auf einen stabilen Milieukern stützen kann. Dagegen aber haben Protestparteien ohne solche Milieus, ohne organisatorisches Unterfutter, ohne normative Leitidee, ohne Generationenverankerung keine allzu große Beständigkeit und zerfallen nach raschem Aufstieg oft ebenso schnell wieder in ihre sozialkulturellen Einzelteile. Die Statt-Partei war dafür vor einigen Jahren ein Beispiel; bei den Schillianern mag es ebenso kommen; und auch die neue freidemokratische Protestpartei der bürgerlichen Mitte könnte, wenn der Partyspaß ein Ende hat, wieder enorm abstürzen.

Noch hat also die Postmoderne die Politik nicht ganz verschlungen. Noch existieren erkennbare Profile und Zuordnungen, noch changieren auch nicht alle Wähler völlig beliebig in der Parteienlandschaft herum. Noch resultieren die großen politischen Veränderungen meist und besonders bei den Landtagswahlen daraus, dass einstige Stammwähler schmollend zu Hause bleiben, nicht weil sie kühl, unsentimental und allein dem individuellen Interesse folgend die Seiten radikal tauschen. Zumal bei Bundestagswahlen schwanken nahezu vier Fünftel der Aktivwähler höchstens zwischen zwei Parteien eines Lagers; sie rochieren nicht wild und fundamental zwischen den politischen Großfronten. Noch gibt es den komplett frei flottierenden Wählermarkt nicht.

Aber zugegeben, das deutet sich als zukünftige Realität schon mächtig an. Natürlich ist das goldene Zeitalter homogener Milieus auf immer vorbei. Die Lager und Großkollektive schrumpfen. Und sicher ist alles richtig, was nun seit Jahren an Krisenmeldungen zirkuliert: Die Parteiidentifikation nimmt immer mehr ab, den Parteien laufen die Mitglieder davon, und in der jungen Generation bilden sich erst gar keine oder bestenfalls nur schwach entwickelte Parteiloyalitäten heraus. Giddens und Beck sei Dank haben uns die Soziologen auch schöne einprägsame Begriffe geliefert, die jeder gebildete Zeitungsleser sofort herunterbeten kann, soll er den Zerfall traditioneller Partei- und Gesellschaftsstrukturen erklären. Die Stichworte lauten Individualisierung und Pluralisierung. Steht sie also doch an, die postmoderne Beliebigkeit und unsortierbare Unübersichtlichkeit?

Ein wenig vorsichtig sollte man schon sein. Untergangs- und Auflösungsszenarien sind seit dem Beginn der Moderne gern und zyklisch produziert worden. Und doch haben sich viele Strukturen in den letzten 150 Jahren erstaunlich gehalten und über alle politischen und ökonomischen Zäsuren hinwegtradiert. Nehmen wir die Religion. Für den gebildeten Bürger des frühen 19. Jahrhunderts stand unzweifelhaft fest, dass Religion und Kirche sich überlebt haben. Vieles schien auch dafür zu sprechen. Doch dann erlebte vor allem der Katholizismus in der Kulturkampfzeit der Bismarckära, wieder zum Ende der Weimarer Republik und schließlich noch einmal in den 50er Jahren eine erstaunliche Wiederauferstehung, eine bemerkenswerte Symbiose von kirchlicher Institution und reaktivierter Volksfrömmigkeit. Heute, nach den kräftigen Entkonfessionalisierungsschüben in den 70er und 80er Jahren, halten Religionssoziologen eine Renaissance des Religiösen für möglich oder gar wahrscheinlich. Die metaphysischen Orientierungsbedürfnisse und Sinnsuchen auch in den hochgebildeten Mittelschichten sind jedenfalls signifikant gewachsen.

Ausschuss der Moderne

Wahrscheinlich würden unsere postmodernen Soziologen dem auch gar nicht widersprechen. Schließlich zeichnen sie ja seit einiger Zeit ein durchaus heiteres Bild vom Zusammenleben der Menschen in der entkollektivierten Zukunftsgesellschaft. Die alten Milieus sind dort zwar perdu, doch an ihre Stelle treten neue Vernetzungen, neue Kontaktkreise, nur nicht mehr so großflächig, stringent und lebenslang angelegt wie einst, sondern beliebig kombinierbar, schnell kündbar, leicht ersetzbar. Das mag so zutreffen und angenehm attraktiv sein – für diejenigen, die über die Ressourcen Bildung, Mobilität, Selbstbewusstsein und Kreativität verfügen. Was aber wird aus denjenigen Ausschussprodukten der Moderne, die auf diese pralle Ausstattung nicht zurückgreifen können, für die dann Individualisierung tatsächlich Isolation, Entwurzelung und öffentliche Armut bedeutet?

Sie sind das Futter für all die neuen oder schon etwas älteren populistischen Parteien von rechts, die gegenwärtig europaweit Furore machen. Diese Parteien offerieren den Eindruck von Halt, Orientierung, Eindeutigkeit, Ziel und Richtung, den die nunmehr neumittig gewandelten Milieuparteien von ehedem nicht mehr vermitteln. So steht am Ende der Milieus nicht universell der Zuwachs an zivilgesellschaftlicher Freiheit, Offenheit und Toleranz, sondern im wachsenden Maße die rechtspopulistische Okkupation der kulturell, organisatorisch und normativ entleerten Räume an den Rändern, aber auch in den Zentren der Gesellschaft.

Der Autor ist Politikwissenschaftler an der Universität Göttingen. Weiterführende Lektüre: Franz Walter/Tobias Dürr, „Die Heimatlosigkeit der Macht. Wie die Politik in Deutschland ihren Boden verlor“, Berlin 2000; Frank Bösch, „Das konservative Milieu. Vereinskultur und lokale Sammlungspolitik in ost- und westdeutschen Regionen (1900-1960)“, Göttingen 2002.

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