Gesundheit : Der Sieger und das Huhn

DOROTHEE NOLTE

Dreißig Meter trennten ihn noch von der Eingangstür.Der Platz vor dem Hauptgebäude von "Glass, Fibre, Electronics" war breit und weitläufig und wirkte in seiner Repräsentativität beinahe einschüchternd.René Stock legte den Kopf in den Nacken.Zehn Stockwerke hatte das Haus, vielleicht zwölf.Hinter welcher der kunstvoll abgedunkelten Scheiben würde er gleich sitzen? Atmen Sie tief durch.Er ging weiter.Vereinzelt waren quadratische Glasplatten in den Granitboden eingelassen, um auch zufälligen Passanten einen Eindruck von der Produktpalette des Unternehmens zu vermitteln.Sie blinkten in der Sonne.Als er die Drehtür erreichte, setzte er ein Lächeln auf.Auch Ihr Verhalten an der Pforte kann ausschlaggebend sein.Rechnen Sie immer damit, daß Sie beobachtet werden.

Im Konferenzsaal im achten Stock erwarteten ihn der Leiter des Trainee-Programms, Arno Haffkemeyer, und seine Assistentin, Karin Bünder.Haffkemeyer stand noch rauchend an der Fensterbank und blickte auf den Platz hinunter, als René Stock, ein wenig zu früh, von der Sekretärin hineingeleitet wurde."Ah, da sind Sie ja schon", sagte er und drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus."Haben Sie den Weg gut gefunden?" Er war Mitte fünfzig und trug einen Schnauzer im faltigen Gesicht.

Der erste Eindruck entscheidet.Passen Sie auf, daß keine Schuppen auf Ihrem Kragen kleben und tragen Sie keine karierten Strümpfe zum blauen Anzug.René Stock sah sich kurz in dem kargen Konferenzsaal um.Hier also.Hier mußte er sich beweisen.Bei seinen Uni-Prüfungen, die erst wenige Monate zurücklagen, hatte er gewußt, was die Professoren von ihm erwarteten: Wissen, Zusammenhänge, Problemlösungen.Aber hier? "Sieger-Aura" sollte er ausstrahlen.Man wird auf jedes Detail Ihres Verhaltens und Ihrer Körpersprache achten.Er setzte sich sehr aufrecht auf den schwarzledernen Konferenzsessel, den Haffekemeyer ihm mit einer Handbewegung zugewiesen hatte.Jawohl.Ich will siegen.Ich will alles richtig machen.Ich bin euer Mann.

"Aus Ihren Unterlagen ersehe ich, daß Sie direkt von der Uni kommen", sagte Haffkemeyer und nahm seinen Platz neben Karin Bünder ein.Sie rückte unauffällig ein Stück von ihm weg.Haffkemeyer roch nach einem süßlichen Aftershave und nach Rauch, wie immer.Sie mochte es nicht, daß er in den Pausen zwischen den Bewerbungsgesprächen rauchte.Der Dunst, der im Konferenzsaal hängenblieb, trübte ihrer Meinung nach das blitzblanke Image des Unternehmens ähnlich wie eine Schliere auf den hochempfindlichen Spezialgläsern, die es herstellte.Sie rechnete sich gute Chancen aus, den Posten ihres Chefs schon in wenigen Jahren selbst zu übernehmen.

Haffkemeyer lächelte Stock gewinnend an und wurde dann schlagartig ernst."Glauben Sie, daß die Universität Sie hinreichend auf das Berufsleben vorbereitet hat?"

"Nein", sagte Stock.Die Frage war leicht und stand sogar in seinem Ratgeber."Um so wichtiger sind Trainee-Programme mit so hervorragendem Ruf wie das Ihre.Ich bin sehr daran interessiert, die Praxis kennenzulernen." Seine Stimme klang zittrig, stellte er fest.Lauter fügte er hinzu: "Praktika habe ich ja bereits absolviert." Das war die richtige Antwort.Oder nicht?

Haffkemeyer sog vernehmlich die Luft ein, als zöge er an einer Zigarette."Sie wissen, daß sich unser Unternehmen aus einer traditionellen Glas-Manufaktur entwickelt hat", sagte er."Heute stehen wir mit unseren Glasfaserkabeln und Spezialgläsern an vorderster Front der technologischen Entwicklung ..." Er lehnte sich vor und sah seinem Gegenüber eindringlich in die Augen."Haben Sie eine Beziehung zu dem Material Glas?"

Stock antwortete nicht sofort."Glas ...", sagte er dann, "Glas ist für mich ..." Seien Sie auch auf ungewöhnliche Fragen gefaßt.Man will Ihre Reaktionsfähigkeit testen.Was ist Glas für mich, dachte er verzweifelt.Aus Gläsern trinkt man.Durch Glas schaut man hindurch.Glas ist kalt und hart.Soziale Kompetenz, rhetorische Kompetenz, Teamfähigkeit, Führungsqualitäten, können Sie delegieren, priorisieren, motivieren? Karin Bünder hüstelte."Glas hat für mich schon immer eine besondere Rolle gespielt", preßte Stock heraus.Eine unangenehme Hitze breitete sich in seinem Körper aus."Es ist so schön ...klar.Man kann ...sehr viel daraus machen.Das ist richtig erstaunlich."

"Ja", sagte Haffkemeyer."Erstaunlich." Ein kleiner Funke leuchtete in seinen Augen, die von dunklen Schatten umrandet waren."Haben Sie schon einmal einen traditionellen Glasbläser beobachtet? Zuerst wird die Masse auf Höchsttemperatur erhitzt, dann kann man fast alles daraus formen, sogar kleine Pferde oder Eisbären, und im erkalteten Zustand behalten sie ihre Form." Erhitzen, formen, kalt werden lassen.So dachte Haffkemeyer auch manchmal über sein Trainee-Programm nach."Bei aller Hochtechnologie, mit der wir hier umgehen, bleibt dieser Vorgang, der seit Jahrtausenden bekannt ist, faszinierend." René Stock nickte.Der Ärger über seine verpatzte Antwort rumorte in ihm.Ich muß das wieder gutmachen.Punkte gewinnen.

"Wir legen in unserem Trainee-Programm besonders viel Wert auf kommunikative Kompetenzen", sagte Karin Bünder."Gerade ..."

Haffkemeyer ließ sie nicht ausreden.Er sprach jetzt sehr schnell."Sind Sie ein zielstrebiger Mensch? Oder weichen Sie Hindernissen aus? Ziehen Sie sich ins Privatleben zurück, wenn etwas schiefgeht?" Seine Lieblingsfrage.Karin Bünder bekam sie oft von ihm zu hören.Jedes Mal dachte sie dann an Haffkemeyers gescheiterte Ehe und an die Jahre, als er wegen seines Alkoholkonsums hinter vorgehaltener Hand "Whiskeymeyer" genannt wurde.In dieser Zeit hatte man ihn auf den Posten des Leiters des Traineeprogramms versetzt.Da konnte er wenigstens keine Umsätze verderben, hatte man gemeint.Für ihn war das ein Abstieg gewesen, für Karin Bünder konnte es - eventuell schon bald - ein Aufstieg sein.

Manche Chefs haben Vorurteile, die ihre Wahrnehmung verzerren.Vielleicht mag er Ihren Namen oder Ihre Haarfarbe nicht oder die Universität, von der Sie kommen.Er hält mich für weichlich, dachte Stock.Vielleicht weil ich René heiße? Den französischen Namen hatte er seinen Eltern immer verübelt.Ich bin kein Weichei, dachte er, ich nicht."Wenn ich mir einmal ein Ziel gesetzt habe, lasse ich mich nicht davon abbringen", sagte er laut."Das war im Studium so, und das wird auch im Berufsleben so sein.Hindernisse sind meiner Meinung nach dafür da, daß man sie überwindet.Ich nehme sie als Herausforderung."

Zehn Minuten später schloß sich die Tür hinter René Stock.In ihm schlug das Adrenalin Wellen, aber er bezwang sich und nickte der Sekretärin mit einem gequälten Lächeln zu.Benehmen Sie sich auch im Vorzimmer tadellos.Manch ein Chef fragt hinterher seine Sekretärin nach ihrem Eindruck.Im Aufzug war er allein.Der jungen Dame am Eingang - eine Spionin? - schenkte er einen betont freundlichen Blick.Mit genau kalkulierter Kraftaufwendung setzte er die Drehtür in Bewegung.Dann trat er auf den sonnenbeschienenen Platz heraus.

Achten Sie auf Ihre Bewegungen und Ihren Gang.Noch halb benommen lief René Stock auf die Straße zu, die fünfzig Meter entfernt lag.Doch plötzlich stockte er.Drei Schritte vor ihm, auf einer der Glasplatten, die zwecks Imagepflege in den Granitboden eingelassen waren, lag ein dunkles, schmieriges Etwas.Stock brauchte etwa eine Sekunde, um es zu identifizieren.Es war ein Huhn, ein totes Huhn, aufgerissen und plattgequetscht, als wäre es soeben auf der Straße überfahren und dann auf dem glatten Boden hierhergeschoben worden.Was um Himmels willen tat ein totes Huhn auf dem repräsentativen Vorplatz eines großen Unternehmens? War das etwa auch ein Test? Rechnen Sie immer damit, daß Sie beobachtet werden.Stock brach der Schweiß aus."Sind Sie zielstrebig?" hörte er Haffkemeyers Stimme in sich widerhallen."Oder weichen Sie Hindernissen aus?" Womöglich betrachtete ihn der Alte von oben und würde, da er das Huhn nicht erkennen konnte, lediglich sehen, wie er, Stock, einen ganz unerklärlichen, unmotivierten, unvernünftigen Haken nach rechts oder links machte - ein Verhalten, das man als sprunghaft und unberechenbar interpretieren mußte.Noch sonderbarer, jugendlich unbeherrscht, würde es erscheinen, wenn er sich plötzlich mit einem Hüpfer in die Lüfte erheben würde.Nein, nein.

Ohne seine Schritte zu verlangsamen oder beschleunigen, trat René Stock mit dem teuren, extra für die Bewerbung gekauften Bally-Glattlederschuh auf das breiige Wesen.Seine Ferse erwischte den Bauch, seine Zehen den Hals.Das Gemisch aus Federn, Eingeweiden und Fleisch quietschte unter seiner Sohle, als verabschiedete sich aus ihm erst jetzt der letzte Funken Leben.Er empfand Ekel, aber auch eine merkwürdige Befriedigung.Er war kein Weichei, er nicht.Ein Bruchteil einer Sekunde blieb sein Fuß an dem Huhn hängen wie in einem Sumpf.Energisch spannte er die Wade an und setzte den linken Fuß vor den rechten.An dem Schuh klebten blutige Federn und eine glitschige Flüssigkeit, vielleicht Blut, vielleicht Galle.Nicht humpeln, ermahnte er sich.Nicht ausgleiten.Einfach weitergehen.Zielstrebig in Richtung Straße.Keine Umwege, kein Zögern, kein Trödeln.Immer weiter.

Haffkemeyer sah von oben auf den blanken Vorplatz, auf dem um diese Tageszeit nur vereinzelt Menschen zu erkennen waren.Einer von ihnen hinterließ bei jedem zweiten Schritt einen dunklen Abdruck.Seine Spur zeichnete sich auffallend geradlinig auf dem hellen Granitboden ab.Als Haffkemeyer sich mit der Zigarette im Mund wieder zu Karin Bünder umdrehte, sah er beinahe glücklich aus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben