• Der silberne Baum des Dschingis Khan: Deutsche und mongolische Archäologen graben die Hauptstadt des mongolischen Weltreichs aus

Gesundheit : Der silberne Baum des Dschingis Khan: Deutsche und mongolische Archäologen graben die Hauptstadt des mongolischen Weltreichs aus

Leif Allendorf

Als der flämische Franziskanermönch Wilhelm von Rubruck zu Ostern des Jahres 1254 nach zehnmonatiger Reise Karakorum erreicht, ist er enttäuscht. Das Zentrum des mongolischen Weltreiches präsentiert sich ihm als eine schlichte Siedlung mit Holzhütten und befestigten Zelten, umgeben von einem einfachen Erdwall. "Nicht einmal so stattlich wie der Marktflecken St. Denis", bemerkt der Missionar. Doch der Palast des Möngke, Enkel und Nachfolger von Dschingis Khan (um 1155-1227), belehrt ihn eines besseren. Der Mongolenfürst thront in einem mit prächtigen Teppichen ausgeschmückten Saal. Der französische Kunstschmied Wilhelm Boucher, ein Kriegsgefangener der Mongolen, hat im Thronsaal einen silbernen Baum geschmiedet, dessen Äste aus dem Fenster in die Nebengebäude zu wachsen scheinen. Wenn der Mundschenk auf Geheiß seines Herrn dem Baum befahl, für Getränke zu sorgen, leitete ein in der Skulptur versteckter Diener diesen Befehl durch die Metallröhren weiter. Die Bediensteten im Nebengebäude füllten je nach Anweisung Stutenmilch, Reisschnaps oder Wein in die entsprechende Röhre, worauf das silberne Geäst im Thronsaal wie durch ein Wunder den gewünschten Trunk fließen ließ.

Nicht nur am merkwürdigen Luxus des Großkhans merkte der Franziskaner, dass er sich im Mittelpunkt eines Weltreiches aufhielt. In Karakorum wohnten außer den mongolischen Beamten Deutsche, Inder und Russen, Georgier und Armenier neben Sarazenen, ja selbst Überlebende des gotischen Volkes der Alanen. Neben zwölf buddhistischen Tempeln beherbergte die Stadt zwei Moscheen und eine christliche Kirche. Die 1220 gegründe Siedlung mit nur ein paar tausend Einwohnern war in der Mitte des 13. Jahrhunderts das Zentrum des größten Territorialstaates der Weltgeschichte geworden. Hier wurde ein Gebiet verwaltet, das sich von China bis Ungarn und von Bagdad bis zum Baikal-See erstreckte.

Doch die Blütezeit Karakorums währte nur noch wenige Jahre. Möngkes Bruder und Thronfolger Khubilai Khan verlegte seine Residenz 1260 ins eroberte China nach Peking. Hundert Jahre noch fristete Karakorum ein Dasein als unbedeutende Garnisonsstadt, bis die chinesische Ming-Dynastie die mongolische Herrschaft abschüttelte und die ehemaligen Hauptstadt 1371 in Schutt und Asche legte.

Letzte Spur: eine Steinschildkröte

Heute befindet sich an der gleichen Stelle, etwa 350 Kilometer westlich der heutigen mongolischen Hauptstadt Ulan Bator, ein Provinzstädtchen namens Char Chorin. Die Hauptattraktion des Ortes ist ein buddhistisches Kloster, das im Spätmittelalter aus den Trümmern Karakorums errichtet wurde und in dem seit 1990 wieder Lamamönche in die religiösen Riten eingewiesen werden. Vor den Mauern des Klosters erinnert nur noch eine etwa ein Meter lange steinerne Schildkröte an den Herrschersitz der mongolischen Eroberer.

Dass die geschichtsträchtige Ruine noch unangetastet unter der Erde liegt, hat vor allem politische Gründe. 1924 bis 1990 war die Mongolische Volksrepublik ein Vasallenstaat der Sowjetunion. Deren Forscher hatten wenig Lust, die Erinnerung an barbarische Nomaden wachzuhalten, die das russische Reich im Sturm erobert hatten.

Nach dem politischen Umschwung, der auch die Mongolei 1990 erfasste, änderte sich das radikal. Das Bildnis Dschingis Khans ziert nicht nur T-Shirts und Handtücher, sondern mittlerweile auch Lebensmittel und Banknoten. Jeder Mongole wird zum Ahnenforscher, um in seinem Stammbaum irgendeine Verwandtschaft zum legendären Khan der Reiterkrieger nachzuweisen. Zwar werden die beiden Haupttugenden Dschingis Khans, Pünktlichkeit und Enthaltsamkeit, in der modernen mongolischen Gesellschaft wenig beachtet. Doch für das Jahr 2006 werden bereits riesige Feiern vorbereitet. Dann nämlich jährt sich zum 800. Mal die Inthronisierung Dschingis Khans und damit die Gründung des ersten mongolischen Staates.

Und auch Deutschland wird bei der Vorbereitung helfen. 1997 gab der damalige Bundespräsident Roman Herzog während seines Staatsbesuches in der Mongolei die Zusage, die Ausgrabung von Karakorum zu unterstützen. Gemeinsam mit mongolischen Wissenschaftlern werden deutsche Archäologen ab diesem Sommer die mittelalterliche Siedlung freilegen.

"Ein Volk sucht seine Geschichte", beschreibt Hans-Georg Hüttel vom Komitee für Allgemeine und Vergleichende Archäologie in Bonn den Boom um Dschingis Khan. Pünktlich zum Jubiläum in sechs Jahren will Hüttel den ganzen Palastbezirk freigelegt sehen. Dabei regen die Berichte über die luxuriöse Ausstattung der Residenz die Fantasie des Forschers zwar an. Den legendären "Getränkebaum" glaubt er allerdings nicht zu finden. Die Stadt wurde 1370 von den Chinesen erobert und zerstört: "Wertvolles Metall, wie das Werk von Boucher, wurde mit Sicherheit eingeschmolzen und weggebracht." Das Archiv, das zur Verwaltung eines Weltreiches notwendig war, muss irgendwo unter den Grashügeln der Ausgrabungsstelle seinen Ort gehabt haben. Hüttel befürchtet allerdings, dass schriftliche Zeugnisse damals nur auf vergänglichen Materialien wie Birkenrinde festgehalten wurden. Aber für Hüttel müsste es "mit dem Teufel zugehen", wenn in dem 250 mal 250 Meter großen Palastbezirks nicht irgendetwas Aufschlussreiches zu finden sei.

Eine Gründung aus dem Nichts?

Ernst Pohl, Archäologe der Universität Bonn, nimmt sich hauptsächlich des Alltagslebens der Stadt an. "Lebten die Bewohner hauptsächlich in den traditionellen Jurten der Nomaden oder in festen Häusern? War Karakorum eine Gründung aus dem Nichts oder ließ Dschingis Khan eine schon existierende Siedlung überbauen?", will der Forscher wissen. Während sein Kollege Hüttel schon nach wenigen Spatenstichen zu greifbaren Ergebnissen kommen wird, muss Pohl komplizierte Techniken anwenden. Die übliche C14-Methode, bei der das Alter von Holzresten anhand des Zerfalls radioaktiver Teilchen bis auf wenige Jahrzehnte genau bestimmt werden kann, nützt in Karakorum wenig. "Wenn ich einen Fund aus der Steinzeit auf die Dekade genau bestimmen kann, ist das großartig", erklärt Pohl. "Doch diese Stadt war eh nur ein paar Jahrzehnte Mittelpunkt des Reiches." Mehr Aufschluss wird die Untersuchung der Kreuzung der zwei Hauptstraßen geben: "Finden wir unter dieser Straßenkreuzung Überreste menschlicher Besiedlung, dann ist bewiesen, daß Karakorum keine Neugründung im eigentlichen Sinne ist."

Das Wohnviertel im Nordosten ist im Sommer 1999 einer sogenannten geophysikalischen Prospektion unterzogen worden. In diesem Verfahren werden feinste Veränderungen im Magnetfeld der Erde festgehalten, wie sie unterirdische Steinwälle oder Mauerreste verursachen. Das so gewonnene "Röntgenbild" des Geländes wird dann mit Luftaufnahmen verglichen. "Auf diese Weise bekommen wir einen Grundriss der Stadt, ohne dass wir auch nur eine Schaufel Erde bewegt haben." Auf der Grundlage dieses "Stadtplans" will Pohl nun mit dem Aushub beginnen. Er ist besonders froh darüber, dass Einheimische an den Ausgrabungen beteiligt sind: "Unsere Leute haben Gelegenheit, ihre Erfahrungen an mongolische Kollegen und Studenten dort draußen vor Ort weiterzugeben und die noch junge Forschung in diesem Land zu fördern."

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