Gesundheit : Der Sonnenstrahl auf dem steinernen Adler - Sie richteten sich nach Sonne und Venus

Klaus Blume

Wenn es in Chichen Itza Frühling wird, steigt Kukulkan, der Gott der Gefiederten Schlange, zur Erde herab. Dann halten die Besucher der 1000-jährigen Mayastadt auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan den Atem an und betrachten ein eindrucksvolles Schauspiel: Die Terrassen der Hauptpyramide werfen ihre Schatten auf die Mauer des Treppenaufgangs und erzeugen dort das Bild einer Schlange. Ganz langsam bewegt es sich abwärts. Das Schauspiel bietet sich nur zwei Mal im Jahr - am 21. März und am 22. September.

Astronomische Spezialeffekte

Die Baumeister von Chichen Itza hatten den Kalender bei ihrer Arbeit fest im Blick - und nicht nur sie. In fast allen prähispanischen Städten wurden Kultgebäude am Sonnenstand bestimmter Daten ausgerichtet, erläutert der mexikanische Astronom Jesus Galindo Trejo. Nicht nur in Chichen Itza entstanden dabei Spezialeffekte: So erleuchtet in Malinalco (80 Kilometer südwestlich von Mexiko-Stadt) zur Wintersonnenwende ein Sonnenstrahl, der durch ein Loch in einen Tempel einfällt, einen steinernen Adler; im nahen Xochicalco erhellt das Muttergestirn zum Sommer ein Gewölbe.

Doch nicht allein die Sonnenstände an den Anfangstagen der vier Jahreszeiten dienten Mayas, Azteken, Tolteken oder Zapoteken als Bezugspunkte. Ihre Kalender boten ihnen noch ganz andere Möglichkeiten. Diese zu entschlüsseln, haben sich Galindo Trejo, in Bochum promovierter Plasmaphysiker, und verschiedene andere mexikanische Astronomen und Archäologen zum Ziel gesetzt. Sie nennen ihre Disziplin "Archäo-Astronomie".

Alle prähispanischen Völker maßen die Zeit mit Hilfe von zwei Kalendern: mit einem Sonnenkalender von 365 Tagen und einem rituellen Kalender von 260 Tagen. Jahr und Tag wurden mit Kombinationen aus Symbolen und Ziffern gekennzeichnet - der 1. April 2000 zum Beispiel entspräche dem Tag "Neun Jaguar" im Jahr "Eins Dolch". Beide Kalender liefen parallel und überlappten sich alle 52 Jahre. Denn 52 Jahre mit 365 Tagen ergeben 18 980 Tage; und die sind auch durch 260 teilbar: das Resultat - 73. Ob es im alten Mexiko auch Schaltjahre gab, ist in der Fachwelt umstritten. Galindo glaubt, dass man alle vier Jahre einen namenlosen Tag verstreichen ließ, der in die Zählung nicht einging.

Viele Sakralgebäude in Mexiko, wie die Sonnenpyramide von Teotihuacan (rund 50 Kilomter nordöstlich von Mexiko-Stadt), sind mit ihrer Vorderseite auf den Punkt ausgerichtet, an dem die Sonne am 29. April beziehungsweise 13. August untergeht. Die Erklärung der Experten: Vom 29. April sind es 52 Tage bis zur Sommersonnenwende, und 52 ist, siehe oben, eine mystische Zahl des Aztekenkalenders.

Ein noch interessanterer Fall ist für Galindo Trejo der Templo Mayor, der aztekische Haupttempel, dessen Ruinen im Zentrum vonMexiko-Stadt ausgegraben wurden. Seine Längsachse stimmt mit dem Sonnenuntergang am 9. April und 2. September überein. Das sind jeweils 73 Tage bis zur Sonnenwende. 73 ist ebenfalls eine mystische Kalenderzahl, umfasst zudem aber ein Fünftel des Jahres.

Doch damit nicht genug: Rechnet man nämlich den Zeitraum von 2. September bis zum 9. April des jeweils übernächsten Jahres, so kommt man auf acht Mal 73 beziehungsweise 584 Tage. Und dies ist genau die Zeit, die der Planet Venus benötigt, um wieder am selben Punkt des Firmaments zu stehen. Die indianischen Astronomen waren folglich in der Lage, die Venusphasen zu berechnen.

Moderne Straßen im Maya-Netz

Dies hatte Folgen bis auf den heutigen Tag. Denn an der Position des Haupttempels richteten sich auch die Straßen aus. Und als die Spanier 1521 die Aztekenhauptstadt Tenochtitlan schleiften, scherten sie sich zwar wenig um Quetzalcoatl oder Xolotl, wie Venus als Morgen- beziehungsweise Abendstern hieß, behielten aber das Straßenmuster bei. In der Altstadt von Mexiko-Stadt hat es sich dann nicht mehr verändert. "Kaum einer merkt, dass das Herz der Stadt noch immer im vorspanischen Rhythmus schlägt", sagt Trejo.

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