Gesundheit : Der Sprung über den Besenstiel

Das tausendfach Getane so zu tun, als wäre es das erste Mal. Über die Kunst des Heiratens

Doris Kolesch

Ein großer Automobilkonzern wirbt derzeit mit Dustin Hoffman, der eine Braut in letzter Sekunde vor dem Traualtar rettet. Hoffman tut dies schon zum zweiten Mal vor laufender Kamera. In dem zum Kultfilm einer ganzen Generation avancierten Film „Die Reifeprüfung“ von 1968 brennt er mit seiner Geliebten durch, die an einen anderen verheiratet werden soll.

Der aktuelle Werbespot zitiert den 60er-Jahre Kultfilm und damit auch ein Lebensgefühl: Es geht um Rebellion gegen Grenzen, sexuelle Freizügigkeit, forcierte Individualisierung und Selbstverwirklichung des Einzelnen. Allerdings rettet der inzwischen leicht ergraute Dustin Hoffman in der Edellimousine diesmal nicht seine Geliebte, sondern seine Tochter vor dem „ewigen Bund der Ehe“. Symptomatisch zeigt dieser Werbespot, was unsere heutige Gesellschaft vom Ritual der Hochzeit zu halten scheint, die eine besondere Verbindung zwischen zwei Menschen bekräftigt, institutionalisiert und öffentlich darstellt: herzlich wenig. Die Eheschließung steht im Werbespot für eine spießige, durch und durch geregelte und reglementierte Welt, in der der Bräutigam gelangweilt vor dem Traualtar seine Fingernägel säubert. Demgegenüber erscheint die Flucht vor der Ehe als Inbegriff der großen Freiheit, bei der alle Horizonte offen bleiben und sich die oder der Einzelne beherzt über gesellschaftliche Zwänge hinwegsetzt.

Doch die Realität ist komplizierter als das Werbewunschbild. Noch immer träumen viele Frauen von einer Hochzeit in Weiß und wagen viele Paare den Gang zum Standesamt; wohl wissend, dass statistisch jede dritte Ehe wieder geschieden wird. Eine ganze Event- und Festindustrie ist entstanden, die den Heiratswilligen mit mehr oder weniger originellen, mehr oder weniger geschmackvollen, zumeist aber recht kostspieligen Vorschlägen den außergewöhnlichsten Trauungsort, die perfekteste Feier, die schönsten Hochzeitsbilder und die unvergesslichsten Momente verspricht. Und eine wichtige Protestbewegung der letzten Jahre und Jahrzehnte, die Schwulen- und Lesbenbewegung, die nicht gerade allzu großer Nähe zu traditionellen Lebensentwürfen verdächtig ist, hat nach langer Aufklärungs- und Lobbyarbeit die so genannte Homo-Ehe erkämpft: das Recht gleichgeschlechtlicher Paare, ihrer Liebesbeziehung einen öffentlich anerkannten, staatlich geschützten Status zu verleihen.

Verkehrte Welt also? Das schwule Paar, das ganz konventionell Ringe tauscht, sich vor Familie und Freunden das Ja-Wort gibt, gemeinsam die Hochzeitstorte schneidet und danach in die Flitterwochen startet, während der ergraute Frauenliebling Dustin Hoffman in der teuren Limousine zum letzten Rebellen unserer Tage mutiert?

Lange Zeit wurden – nicht nur in der Werbung – Rituale als leere Formalismen desavouiert, als unmündiges Festhalten an überkommenen Regeln und Verhaltensmustern. Moderne westliche Gesellschaften verstanden sich als rationale, entzauberte Systeme, die die symbolische, streng codierte, auf Repetition und Tradition beruhende Handlungs- und Kommunikationsweise des Rituals hinter sich gelassen hätten. Insbesondere die 68er-Bewegung machte es sich zur Aufgabe, Rituale der Politik, der Macht und des Wissens, aber auch des sozialen, familiären und intimen Alltags zu boykottieren – wobei diese programmatische Haltung vielfach selbst zum Ritual des Antiritualismus erstarrte.

Ein vorurteilsloser Blick dagegen erkennt nicht nur die Gefahren, sondern auch die Leistung und Qualität von Ritualen. Sie gestalten eine Form der sozialen Kommunikation, der es weniger darum geht, neue Informationen zu übermitteln, als vielmehr Beziehungen zwischen Menschen aufzubauen, soziale Integration und Kontinuität zu fördern – also kurz gesagt: soziale Realität zu erzeugen. Rituale sind eine szenische Aufführung von Gemeinschaft und deren Selbst- wie Wertvorstellungen. Das Ja-Wort vor dem Traualtar ist mehr als die bloße Bejahung einer Frage. Ja-Sagen ist in diesem Kontext Heiraten, so dass das kleine unscheinbare Wörtchen die Macht hat, den sozialen Status der sprechenden Person zu verändern.

Nun ist es keineswegs so, dass schon immer staatliche oder gar kirchliche Institutionen in das Hochzeitsritual involviert waren. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit genügte es in einigen Regionen Europas, dass Braut und Bräutigam über einen quer über die Türschwelle des Hauses gelegten Besenstiel sprangen, damit sie verheiratet waren. Dabei waren abergläubische und magische Vorstellungen im Spiel. Weder der Besen noch der Türrahmen durfte beim Sprung ins neue Heim und ins neue Leben berührt werden, nur so war gesichert, dass die bösen Geister draußen blieben und das Glück des Paares nicht störten. An einem sinnfälligeren Ort könnte ein Übergangsritual, das die Passage von einem Lebensalter und einem sozialen Status zu einem anderen markiert, wohl kaum stattfinden. Selbst als die Kirchen sich im 15. Jahrhundert in die Eheschließung einzumischen begannen, wurde die Hochzeit noch lange an der Schwelle des Kirchentores vollzogen, bevor das Geschehen allmählich vor den Altar verlegt wurde. Spurenelemente dieser ritualisierten Schwellenpassage finden sich im noch heute praktizierten Brauch, nach dem der Bräutigam die Braut über die Schwelle trägt.

Immer schon war es wichtig, dass die Hochzeit vor Zeugen stattfand und dass sie mit einem möglichst üppigen Festmahl gefeiert wurde. Verheiratete Familien bekämpfen sich nicht untereinander, der Wille und das Gebot zum sozialen Frieden wird durch das gemeinsame Essen besiegelt und realisiert. Denn lange Zeit war die Heirat eine zumeist vom Familienoberhaupt arrangierte Verbindung, deren Zweck darin bestand, den Besitz, das Ansehen und die Macht einer Familie zu vergrößern.

Erst die seit der Romantik entwickelte Vorstellung von passionierter Liebe, deren Kern die emotionale Hingabe zweier einzigartiger Individuen bildet, veränderte im Zuge zunehmender gesellschaftlicher Individualisierungsschübe auch die Formen der Eheschließung. Die damit gewonnene Freiheit stellt aber zugleich eine große Belastung dar. Die Basis einer ehelichen Verbindung wird nun ins Innere der Beziehung selbst verlegt und zur alleinigen, individuellen Entscheidung zweier Menschen stilisiert.

In dieser Situation sind Rituale paradoxerweise sowohl deplatziert als auch unabdingbar. Deplatziert erscheinen sie, weil ihre Konventionalität und Vorgegebenheit die zum modernen Fetisch gewordene Einzigartigkeit der eigenen Person wie der eigenen Beziehung untergräbt. Hier bietet oftmals der ironische, verfremdende Bezug auf Rituale die Möglichkeit, nicht naiv zu erscheinen, gleichwohl aber das schon längst und tausendfach von anderen Gesagte oder Getane so zu sagen oder zu tun, als wäre es das erste und einzige Mal. Insofern bleiben Rituale unabdingbar, weil sie Verbindlichkeit und Verlässlichkeit erzeugen, zwei Werte, die in unsicheren Zeiten nicht gering zu schätzen sind.

Waren es früher mündlich erzählte Geschichten und Literatur, die die Dramaturgie von Liebesbeziehungen und Hochzeiten vorschrieben, versuchen heute Film und Fernsehen, Popmusik und Musikvideos oder Frauenzeitschriften, die moderne Verbindlichkeitslücke mit der Erfindung neuer Pseudo-Rituale zu füllen. So erhält die emanzipierte Frau unter anderem folgenden Ratschlag, will sie selbst die Initiative ergreifen und dem Mann ihre Liebe gestehen: „Installieren Sie eine romantische Liebesbotschaft als Startbild auf seinem Computer.“

Fernsehübertragungen von Königshochzeiten übertragen im 21. Jahrhundert das Klischee der Märchenhochzeit. Dabei instrumentalisieren sie einen wesentlichen Zug von Hochzeitsritualen, nämlich dass diese sich immer sowohl an das Paar als auch an die Öffentlichkeit richten. Was die meisten Menschen für einen persönlichen, intimen Akt halten, muss öffentlich gezeigt und vorgeführt werden. Selbst in unserer bürokratie- und dokumentenhörigen Gesellschaft braucht die Trauung Trauzeugen, die durch ihre leibliche Anwesenheit bezeugen, dass sich hier zwei Menschen wechselseitig verpflichten. Wenn die Hochzeiten von Charles und Diana, Willem und Maxima, Felipe und Letizia an ein Milliardenpublikum in aller Welt ausgestrahlt werden, wird persönliche Zeugenschaft durch TV-Voyeurismus ersetzt.

Nur die Hochzeitsreise bildet den Grenzfall einer öffentlichen Nichtöffentlichkeit, stellt sie doch das gesellschaftliche akzeptierte Verschwinden des Brautpaares für eine begrenzte Zeit dar. Der Schwellenzustand der jung Vermählten wird von der Hochzeitsreise symbolisiert und zugleich bewältigt, indem sie einen Freiraum bietet, um den neu erworbenen Status zu erproben. Während der Werbespot mit Dustin Hoffman die Flucht vor der Ehe inszeniert, ist das Hochzeitsritual schon einen Schritt weiter: mit den Flitterwochen hat es eine institutionalisierte kleine Flucht eingebaut.

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