Gesundheit : Der Steglitzer Patient

Das Klinikum Benjamin Franklin war einst West-Berlins Vorzeigekrankenhaus. Seit Jahren bröckelt es still vor sich hin. Die Fassade ist teilweise abgeschlagen. Ob und wann der Klinikbau saniert wird, ist völlig unklar. Trotzdem, sagen die Mitarbeiter, funktioniert das Haus gut

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Gestutzt. Vorsorglich sind wackelige Betonspitzen entfernt worden. Foto: Thilo Rückeis
Gestutzt. Vorsorglich sind wackelige Betonspitzen entfernt worden. Foto: Thilo Rückeis

Über das hässliche Betongitter, das das Sockelgeschoss des Universitätsklinikums Benjamin Franklin (UKBF) ummantelt, ist schon viel gelästert worden. Kein Wunder, es sieht aus wie ein riesiger Stacheldrahtzaun. Dabei war die Konstruktion ursprünglich gar nicht martialisch gedacht: Die scharfzackigen Elemente sollten für Schatten sorgen. Wenn man die Fassade jetzt sieht, sehnt man sich fast nach dem früheren Zustand zurück. Viele Betonspitzen sind abgeschlagen. Was zurückgeblieben ist, sieht aus, als hätte jemand Tiere geschlachtet und ihre Wirbelsäulen in einer Reihe aufgestellt.

Das Benjamin Franklin bröckelt still vor sich hin, und die abgeschlagenen Betonspitzen sind nur das sichtbarste Symptom davon. „Sie wurden vorsorglich entfernt, nachdem immer wieder Teile abgebrochen und auf dem Rasen gelandet waren“, sagt Charité-Sprecherin Stefanie Winde. Im vergangenen Winter ist die gesamte Fassade auf poröse Stellen überprüft worden. Was wackelte, wurde abgeschlagen. Ein Zaun schützte die Passanten vor herabfallenden Steinen. Die fehlenden Spitzen sollen ersetzt werden. Heißt es.

Doch im Moment weiß niemand, ob und wann die von 1959 bis 1969 errichtete einstige Vorzeigeklinik West-Berlins wieder strahlen wird. Zwar gibt es Pläne des Ärztlichen Direktors der Charité, Ulrich Frei, das Haus zum Zentrum für die „Medizin der zweiten Lebenshälfte“ umzubauen. Aber um es von Grund auf zu erneuern, die Versorgungsleitungen zu sanieren und die Stationen auf den neuesten Stand zu bringen, wären 200 Millionen Euro nötig. „Und selbst dann wäre nur das Selbstverständliche erledigt“, sagt Stefanie Winde, „es wäre keine Luxussanierung.“ 2010 hat der Senat der Charité 330 Millionen Euro für dringende Investitionen und Sanierungsmaßnahmen bewilligt. Davon sollen aber allein 185 Millionen Euro in das Bettenhochhaus in Mitte fließen. Für das UKBF bleiben gerade mal 20 Millionen übrig.

Betritt man die Klinik, ist der dominierende Eindruck: Sie funktioniert, ist aber stark abgenutzt. Die Wände wirken schmutzig, der Linoleumboden ist häufig geflickt. Wo Granit liegt, ist er teilweise gesprungen. Das schränkt den Betrieb nicht grundlegend ein, und doch bekommt das Haus dadurch eine muffige Anmutung. Gestrichen sind die Wände nur dort, wo Aufzüge sind: In jedem Stockwerk eine andere Farbe. Als hätte mal eben jemand in einem Anflug von Aktionismus beschlossen, ein Farbleitsystem zu installieren. In den Innenhöfen sieht man noch Reste von Netzen, die die Patienten vor herabfallenden Kacheln schützen sollen. Sie mussten im letzten Winter wegen der Schneelast entfernt werden, jetzt sind die Höfe gesperrt. Wenn die Netze wiederkommen, können die Patienten auch wieder frische Luft schnappen. Den Himmel sehen sie dann – eben wegen der Netze – allerdings nicht. Vielleicht ganz gut: Dann fällt ihnen auch nicht auf, wie dreckig der zur Erbauungszeit als schick geltende Sichtbeton geworden ist. Er wird teilweise gesäubert und ausgebessert. Um ihn zu streichen, müsste aber erst die Oberfläche behandelt werden, sonst haftet die Farbe nicht. Das kostet wieder extra.

„Was die Charité auffrisst, ist die Infrastruktur", sagt Stefanie Winde. Personal sei schon abgebaut worden, rund 1500 Stellen in den letzten Jahren. Kredite aufzunehmen, wie das andere Häuser täten, sei der Charité verboten. 2010 hat sie mit einem Defizit von rund 17 Millionen Euro abgeschlossen. Dennoch sind in den vergangenen Jahren einzelne Stationen am UKBF modernisiert worden, unter anderem mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket II: die Neurologie mit der angeschlossenen Stroke Unit – Schlaganfallzentren sind im Südwesten Berlins von besonderer Bedeutung –, oder die interdisziplinäre Intensivstation. Hier leuchtet alles in hellen, warmen Farben, die Türen sind überarbeitet und neue Handläufe eingesetzt worden. Anders in der Urologie: Die Zimmer haben die Toiletten – unisex – immer noch draußen auf dem Flur. Die Wände sind abgewetzt, die Fenster teilweise blind, Oberflächen verkratzt. Man spürt, dass das Haus seit über 40 Jahren ununterbrochen in Gebrauch ist. Und doch: Für so einen langen Zeitraum ist es eigentlich noch in gutem Zustand. Die kleinen Kacheln an den Waschbecken sehen richtig gut aus, die Sessel würden als Designobjekte in Ausstellungen vermutlich hohe Preise erzielen. Das Haus funktioniert, es müsste eben nur überarbeitet werden. Das ist auch der Tenor unter den Mitarbeitern: Sie sind immer noch begeistert über die kurzen Wege, die bei der Erbauung schon mitgeplant waren. Nur der bauliche Zustand lässt eben zu wünschen übrig.

Ob der Senat jemals die fehlenden 200 Millionen für das UKBF bewilligt, ist völlig unklar. „Sicher nicht mehr in diesem Wahljahr“, meint Winde. Aber zumindest die Betonspitzen der Fassade sollen ja zurückkehren. Wer hätte je gedacht, dass man sich mal darüber freuen würde.

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