Gesundheit : Der Storch im weißen Kittel

Die Frau, die im Alter von 64 Jahren nach einer Eizellspende im Ausland ihr erstes Baby bekam, hat die Debatte um die künstliche Befruchtung neu entfacht Für viele kinderlose Menschen ist dieser Weg die einzige Hoffnung auf Nachwuchs. Zwei Berliner Paare erzählen vom Warten auf das Glück

Manchmal nennen sie den Raum in ihrer Wohnung, in dem kaum etwas steht, Gästezimmer, und manchmal sagen sie Kinderzimmer. Die Bezeichnung gibt Auskunft über den Status quo ihrer Hoffnung. Gästezimmer heißt aufgebrauchte Hoffnung, Resignation. Kinderzimmer heißt die Bemühungen wieder aufnehmen. Weiter hoffen.

„Man stellt es sich so einfach vor“, sagt Peter Gersten*, wie man es aus Filmen und von anderen kennt. „Ja“, sagt seine Frau Sonja, „Pille absetzen und ratzfatz geht’s los, denkt man am Anfang.“ Ihrer beider Anfang ist sieben Jahre her. Damals setzte sie die Pille ab. Es passierte nichts. Nach drei Jahren gingen sie zum Arzt. Heute nimmt Sonja Gersten Hormone, die womöglich das Krebsrisiko steigern. Und sie nimmt diese Tabletten schon viel länger, als sie es anfangs für möglich gehalten hatte.

Was dem ersehnten Zustand, dem Kindhaben, am nächsten kam, war das Bild einer befruchteten Eizelle, als nach rund einem Dutzend Versuchen endlich eine Insemination (siehe Kasten) klappte. Doch dann nistete sich das Ei nicht ein. „Immerhin, zwei Wochen waren wir schwanger“, sagt Sonja Gersten. Ihr Mann streichelt ihren Rücken. „Wir können doch auch ohne Kind glücklich sein“, sagt er. Sie schweigt.

Es gibt Frauen, die keine Kinder haben, und es gibt Männer, die keine haben. Peter Gersten sagt, er wolle gerne welche, aber nicht um jeden Preis. Sonja Gersten ist noch nicht einmal zu ihrem Klassentreffen gegangen. „Ich hätte die Frage nicht ertragen“, sagt sie. Die Frage ist das, was kommt, wenn alle anderen die Fotos ihrer Kinder hergezeigt haben. Sie lautet: „Und du, hast du keine Kinder?“

Die anderen, wieder die anderen. Vielleicht wäre es alles gar nicht so schlimm, wenn es sie nicht gäbe, jene anderen mit ihren Kindern. Bevor Sonja Gersten beginnt zu sprechen, überlegt sie, das Fenster zu schließen, damit kein Nachbar hört, wie sie über das redet, was sie als Makel, als eigenes Unvermögen ansieht. Sonja Gersten hat sich mit Elke Petz aus der Selbsthilfegruppe für Kinderlose angefreundet und ihr Mann mit deren Mann. Vielleicht, sagt dieser, sei das der Gang der Dinge: dass man sich separiere, in Menschen mit Kindern und Menschen ohne. Wo die große, blonde Sonja Gersten bedächtig spricht, rast Elke Petz’ heisere Stimme durch die Sätze, und ihre Männer nicken dazu. Was die vier eint, ist das Gefühl, Aussätzige, Unverstandene zu sein. Es ärgere sie maßlos, wie andere über Kinderlose sprächen, sagt Elke Petz. Von Doppelverdienern und Sozialschmarotzern, denen man mal so richtig in die Tasche greifen müsse, sei die Rede. Sie selbst hätten schon den Gegenwert eines Autos für all die künstlichen Befruchtungen ausgegeben. „Und alle haben sie gute Ratschläge parat“, sagt ihre Freundin, und dann zählen die beiden Frauen gemeinsam auf: Macht mal eine Pause, fahrt in Urlaub, ihr müsst euch entspannen, tut euch was Gutes, denkt eine Weile nicht dran.

Sonja Gersten denkt jeden Morgen, jeden Abend daran, dass sie und ihr Mann kein Kind haben. Es sind ebenso müßige wie hartnäckige Was-wäre-wenn-Gedanken, die das Kind morgens dazu legen ins Ehebett und abends mit an den Tisch setzen. Jeder Tag ist voll von Momenten, an denen es dieses Kind nicht gibt, dafür das ohnmächtige Wissen, dass der eigene Lebensplan etwas vorsieht, was das Leben ihr versagt, und das Empfinden, kein gutes Gefäß für werdendes Leben zu sein, kein Ort zum Verweilen.

In den sieben Jahren, seitdem Sonja Gersten die Pille absetzte, sind die Pausen zwischen ihren Versuchen, ein Kind zu bekommen, länger geworden, von Mal zu Mal kosteten die Inseminationen, die ICSIs mehr Kraft. Aber dennoch: An ihren fruchtbaren Tagen schont Sonja Gersten sich, und wenn sie krank ist und Medizin einnehmen muss, verlangt sie stets ein Präparat für Schwangere. „Nur für den Fall, dass es doch mal geklappt hat“, sagt sie. Und schiebt hinterher: „Auch wenn es bisher nie so war.“ Doch ihre Bemühungen ganz aufgeben, das würde sie erst, wenn sie in die Wechseljahre käme. Denn nie haben die Ärzte definitiv festgestellt, dass sie unfruchtbar oder ihr Mann zeugungsunfähig ist.

Wenn ein geliebter Mensch vermisst wird, ohne dass die Zurückgebliebenen mit Sicherheit wissen, dass er tot ist, hoffen sie mitunter jahrelang weiter, dass er doch wieder kommt, zurück ins Bett und an den Tisch. Das Gegenteil von Hoffnung ist nicht nur Resignation, sondern auch, sich abzufinden, seinen Frieden zu machen. Doch die Hoffnung ist zäh, sie sträubt sich dagegen, sich für tot erklären zu lassen. Noch immer gibt es Zeiten, in denen Sonja und Peter das Zimmer in ihrer Wohnung, in dem kaum etwas steht, Kinderzimmer nennen. *Namen von der Redaktion geändert

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