Gesundheit : Der Stress der Weibchen hält die Evolution auf Trab

Bei den Schwingfliegen führt der Verzicht auf Sex zu neuen Arten

Richard Friebe

Im Tierreich wollen Vertreter des männlichen Geschlechts nur das Eine – und die Evolutionstheorie gibt ihnen Recht. Jenen Männchen, die sich am häufigsten paaren, ist meistens auch der größte Fortpflanzungserfolg beschieden. Sie sind im Darwinschen Sinne die „Fittesten“. Bei manchen Arten entwickeln sich durch „sexuelle Selektion“ extravagante Merkmale wie etwa Pfauenfedern, die Hähne besonders attraktiv machen. Bei anderen - den Schwingfliegen etwa – werden die Männchen einfach nur immer penetranter.

Den Weibchen bleibt nichts übrig, als sich vor zu viel Aufdringlichkeit zu schützen. Für sie gilt: Kopulationen müssen sich lohnen. Sie investieren mehr in den Nachwuchs als Männchen, müssen Eier produzieren und legen. Sex ohne Sinn ist Stress, verzehrt Zeit, macht angreifbar, verursacht „Kosten“.

Der Entwicklung des Draufgänger-Typs stellt sich auf weiblicher Seite also die Herausbildung einer Abwehr entgegen. Innerhalb der Art wird hier nicht gemeinsam Evolution gemacht. Die Eigenschaften der Geschlechter entwickeln sich stattdessen wegen des sexuellen Konflikts in Konkurrenz zueinander.

Männliche Schwingfliegen der Gattung Sepsis, die bevorzugt auf Kuhdung leben, haben nichts als Sex im Sinn. Sie fallen einfach über die Weibchen her. Wo Schwingfliegen besonders eng beieinander leben müssen – zum Beispiel in einer Plastikbox in einem Züricher Labor – legen die Weibchen sogar deutlich weniger Eier. Nicht zu wenig Futter scheint der Grund zu sein, sondern der ganze Zudringlichkeits-Stress.

„Schwingfliegen-Weibchen sind unglaublich widerspenstig, wenn es um Kopulationen geht – sie wollen nie", sagt David Hosken von der Uni Zürich. Der Australier und sein Doktorand Oliver Martin haben für eine im Fachmagazin „Nature“ veröffentlichte Studie Fliegen in besagten Plastikboxen gehalten, über zweieinhalb Jahre und 35 Generationen. Manche durften monogam miteinander koexistieren. In anderen Boxen lebten 50 Fliegen, in wieder anderen, ebenso großen, 500 Tiere. Je mehr und je enger es zuging, desto mehr männliche Annäherungsversuche, desto mehr sexuelle Konflikte entstanden.

Auseinander entwickelt

Die Weibchen aus den eng bestückten Boxen waren nach 35 Generationen immer noch widerspenstig. Am schwersten hatten es bei ihnen aber Männchen, die aus anderen Boxen stammten. „Der sexuelle Konflikt hat dazu geführt, dass die Populationen sich auseinander entwickelten“, sagt Hosken. Offenbar hatte die Evolution der paarungsrelevanten Merkmale in den verschiedenen Boxen unterschiedliche Wege eingeschlagen. Die Weibchen eilten den Männchen aus den anderen Boxen mit ihrer Männchen-Abwehr gleichsam davon. Denkt man diese Entwicklung weiter, könnte Fortpflanzung zwischen den Bewohnern unterschiedlicher Boxen irgendwann gar nicht mehr möglich sein. Am Ende stünden zwei neue Arten, geboren unter dem Druck des sexuellen Konfliktes.

Die Entstehung neuer Arten stellen sich Evolutionsbiologen allerdings etwas anders vor. Das klassische Modell geht davon aus, dass getrennte Populationen unter unterschiedlichen ökologischen Bedingungen schlichtweg eigene Wege gehen, angetrieben von der natürlichen Selektion. Und kleine Populationen sollen besonders evolutionsfreundlich sein, weil sich neue Merkmale hier besonders schnell ausbreiten können.

Bei David Hoskens Schwingfliegen verkehrt sich einiges ins Gegenteil. Die großen Populationen scheinen sich schneller zu entwickeln. Grund dafür könnte sein, dass es hier von vornherein mehr genetische Variation gibt, derer sich die Selektion bedienen kann. Der sexuelle Konflikt schafft den nötigen Druck, damit sich die im Geschlechter-Wettrüsten für Männchen und Weibchen jeweils vorteilhaften Eigenschaften schnell durchsetzen.

Für Scott Pitnick von der Syracuse Universität sind „sexuelle Selektion und sexueller Konflikt wahrscheinlich die wichtigsten Triebkräfte der Evolution bei Tieren“. Und auch beim Menschen. Man wird unter Evolutionsbiologen die fundamentalen Ideen der Artbildung überdenken müssen, sagt Pitnick.

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