Gesundheit : Der Student - ein kreditunwürdiges Wesen (Glosse)

Jochen-Martin Gutsch

Irgendwann war ich gezwungen, mir eine Stereoanlage zu kaufen. Ich hatte keine andere Wahl. Ständig bekam ich zu allerlei Anlässen CDs geschenkt, mit denen mein 1986er Jugendweihe-Kassettenrecorder nur wenig anzufangen wusste. Seine Verwandtschaft zum Transistorradio war unübersehbar. Ich lief in Gefahr, mich lächerlich zu machen. Keinen Computer und keine Stereoanlage im ausgehenden 20. Jahrhundert. Ich fühlte mich wie das letzte Einhorn. Alleingelassen im Jurassic-Park.

Das Problem war mein Konto. Es war praktisch nicht mehr existent und die Bank schickte mir bereits böse Briefe wegen Überziehung meines Dispokredits. Mein Kopf sagte: "Vergiss die Anlage." Ich sagte: "Vergiss den Kopf." Dann zog ich meine besten Sachen an, kämmte und scheitelte mein Haupthaar und verließ das Haus.

"Ich möchte eine Erhöhung meines Dispokreditrahmens beantragen", sagte ich zu meinem Sachbearbeiter bei der X-Bank. Der hieß Herr Mittelmann und sah auch so aus. Mittelgroß, mittelblond, mittelmäßig. Dazu trug er einen knallbunten Schlips mit Diddl-Mäusen, was die Sache nicht eben besser machte. Das Gespräch lief anfangs wirklich gut. Herr Mittelmann erwies sich als sehr zuvorkommend und erklärte mir, dass der Dispo zum Wohle der Kunden stets flexibel gehandhabt wird, ich müsste nur kurz einen Antrag ausfüllen, dann ginge alles klar. Leider war ich so ehrlich und schrieb in die Spalte "Beruf" wahrheitsgemäß "Student". Wahrscheinlich hätte ich alles mögliche dort hineinschreiben können von Animateur bis Zuckerwatteverkäufer. Nur eben nicht Student. Herr Mittelmanns Visage legte sich bedenklich in Falten. Der Gesprächston wurde frostig. Ohne Zweifel sah er mich als kreditunwürdiges Wesen an. Sodann erklärte er mir, dass eine Erhöhung des Dispokreditrahmens bei Studenten nur gegen eine Sicherheit in Frage käme. "Sie haben Immobilien, Aktien oder eine Lebensversicherung?" Ich schüttelte entmutigt den Kopf. "Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort", stotterte ich. Herr Mittelmann starrte mich entgeistert an, den Mund halb geöffnet. Seine Mundwinkel begannen zu zucken, bis es aus ihm herausbrach. Er lachte, dass sein ganzer Körper ruckte und bebte als hätte er einen Duracell-Hasen in der Hose. Ich schien gerettet. Erleichtert setzte ich in das Gelächter ein. Wir schlugen uns gegenseitig auf die Schenkel und umarmten uns. Dann schmiss er mich raus.

Einige Wochen später kaufte ich eine Stereoanlage und einen Computer. Die Y-Bank hatte mir einen großzügigen Dispokredit eingeräumt. Alles lief völlig unkompliziert. Als Beruf hatte ich Klavierstimmer angegeben.

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