Gesundheit : Der Studentenausweis als Fahrkarte

DOROTHEE NOLTE

Die Befürworter des Semestertickets sehen ihre Chancen wachsen / Heute AktionstagVON DOROTHEE NOLTEDer Protest läuft in diesem Semester nur sehr zögerlich an - viele Studenten haben offenkundig die Hoffnung verloren, durch Aktionen etwas ändern zu können.Hoffnungsfroh zeigen sich in diesen Tagen allerdings die Befürworter des Semestertickets.Sie haben den heutigen Dienstag zum "Aktionstag" auserkoren und wollen erneut für ihr Anliegen werben: ein Semesterticket für Studierende, mit dem diese das ganze Jahr hindurch die öffentlichen Verkehrsmittel zu einem reduzierten Preis nutzen können.Denn: "Die Abo-Preise sind inzwischen so hoch, daß sich viele Studierende den öffentlichen Nahverkehr nicht mehr leisten können", sagt TU-Student Florian Böhm von der "Landeskoordination Semesterticket". Lange Zeit haben die Verhandlungen gestockt, weil sich die Studierendenvertretungen nicht mit der BVG über einen Preis für das Semesterticket einigen konnten.Jetzt aber sieht Florian Böhm Licht am Ende des Tunnels: "Der Vekehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB), unser neuer Verhandlungspartner, zeigt sich viel kooperativer als die BVG." In der Tat ist der Geschäftsführer des VBB, Uwe Stindt, seit langem ein Befürworter des Semestertickets: "Ich habe das schon in Hessen und im Rhein-Main-Gebiet mit Riesenerfolg eingeführt", sagte er gestern auf Anfrage."Es wäre gut, wenn wir das auch in der Region Berlin-Brandenburg hinkriegen könnten.Es macht den Hochschulstandort attraktiver und erhöht die Mobilität der Studenten." Die Idee des Semestertickets ist folgende: Bei der Rückmeldung überweisen alle Studierenden zusammen mit den Semesterbeiträgen eine bestimmte Summe, "die sozialverträglich sein und deutlich unter dem heutigen Abo-Preis liegen muß", so Florian Böhm.Dafür brauchen sie künftig den Kontrolleuren nur noch ihren Studentenausweis und einen Lichtbildausweis zur Identifizierung unter die Nase zu halten und werden von ihnen in Ruhe gelassen.Manch ein autofahrender Student ist von dieser Idee wenig begeistert, denn er oder sie wird zahlen müssen, obwohl er - bisher - den öffentlichen Nahverkehr nicht nutzt."Es ist eben ein Solidarmodell", erklärt Florian Böhm, "wie bei der Krankenversicherung: Alle zahlen, aber nicht jeder profitiert in dem gleichen Maße.Wir hoffen, daß viele, die jetzt noch mit dem Auto zur Uni kommen, auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen, wenn sie die Karte haben." Und für Radfahrer wäre das Semesterticket sowieso von Vorteil: Sie könnten ihr Rad kostenlos in Bus und Bahn mitnehmen.Im Moment nutzen rund 60 Prozent aller Studenten die öffentlichen Verkehrsmittel. Semestertickets gibt es bereits in Universitätsstädten wie Dresden oder Heidelberg, aber auch in Regionen wie dem Rhein-Main- oder dem Ruhrgebiet.Für die dortigen Verkehrsverbünde rechnet sich die Angelegenheit: Sie sparen Verwaltungskosten und erhalten von allen Studierenden zusammen eine Summe, die nicht unter derjenigen liegt, die studentische Abonnenten bisher bezahlen."Das ist für uns natürlich die Grundvoraussetzung", erläutert Uwe Stindt."Wir dürfen wegen des Semestertickets keine Millionen-Einbußen einfahren.Die Studenten müssen sich jetzt einigen, ob sie ein billigeres Ticket mit reduziertem Geltungsbereich haben wollen oder ein teureres, mit dem sie sich in der ganzen Region frei bewegen können." Welcher Preis letztendlich herauskommen könnte, darüber wollen beide Seiten im Moment keine Angaben machen.Uwe Stindt weist allerdings darauf hin: "Wenn es teurer wird als 200 Mark pro Semester, kriegen wir Ärger mit den Gerichten, denn irgendein Student findet sich immer, der dagegen klagt.Liegt der Preis aber deutlich unter 200 Mark, ist es für uns nicht mehr kostendeckend." In Hessen und im Rhein-Main-Gebiet zahlen die Studenten rund 180 Mark. Die Landeskoordinierungsgruppe Semesterticket legt Wert darauf, daß das Ticket von einer breiten Mehrheit der Studierenden getragen wird - "nicht nur von denen, die sowieso mit dem öffentlichen Nahverkehr fahren", betont Florian Böhm.Darum soll an jeder Hochschule eine Urabstimmung stattfinden, sobald sich Studierendenvertretungen und VBB auf ein Modell geeinigt haben.Und: "Für diejenigen, die das Ticket wirklich nicht bezahlen können, soll es einen Härtefonds geben." Böhm wünscht sich das Ticket schon für das Wintersemester - VBB-Geschäftsführer Stindt ist da allerdings skeptisch. Gerade für die Studenten der Potsdamer Uni wäre ein Semesterticket wichtig, sagt Helge Weidenbach von der dortigen Semtix-Gruppe: "Die Hälfte von uns lebt in Berlin, und wir sind fast alle auch auf Berliner Bibliotheken angewiesen." In der Stadt Brandenburg war man einem Semesterticket übrigens schon sehr nahe, erzählt Florian Liebich von der Fachhochschule Brandenburg: "Aber dann hat das Landesamt für Verkehr und Straßenbau nein gesagt, weil der Preis niedriger lag als der Abopreis für Schüler und Azubis.Dabei könnten die sich ja auch um so ein Ticket bemühen." Langfristig wünschen sich die Studentenvertreter nämlich, daß immer mehr gesellschaftliche Gruppen, auch Firmen, ähnliche Verträge mit den Verkehrsverbünden aushandeln: "Der öffentliche Nahverkehr sollte auf Dauer nicht mehr über Einzelfahrscheine finanziert werden, sondern über Infrastrukturabgaben", sagt Florian Böhm."Die Straßen werden ja auch durch Steuern finanziert.Und letztlich haben auch Autofahrer Vorteile durch den öffentlichen Nahverkehr: Ohne ihn gäbe es noch viel mehr Staus."

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