Gesundheit : Der Tag der Prüfung

MARION FABIAN

Mittwoch, 08.32 Uhr.

Raus aus der U-Bahn, die Treppen hoch, über die Straße, die letzten 200 Meter in einem gestreckten Galopp dahingestürmt, hinein in das inzwischen längst verhaßte Gebäude.Hechel-hechel-keuch.Zu spät.Zwei Minuten zu spät.Die Prüfer warten nicht gern.Doch, verdammt noch mal, was sind schon zwei Minuten? Da reicht noch die flaue Entschuldigung, daß die Uhr wohl falsch ginge.Wessen Uhr ist nicht diskutabel.Egal.Schnell hingesetzt.Die Zeit reicht gerade noch aus, um die Bücher herauszuholen und zu bemerken, daß die Prüflinge sich wie zur Christmette herausgeputzt haben.Unwillkürlich kriecht K.beschämt in sich zusammen, eingedenk der eigenen - zwar ordentlichen und frisch gebügelten - Freizeitjeans und des rostroten Glückspullis.Aber zum Glück ist das hier keine Modenschau - oder doch? Ist da nicht schon ein mißbilligendes Funkeln in den Augen der drei Professoren, die heute ihrer aller Wissen beurteilen und über K.s weitere Zukunft bestimmen sollen?

08.35 Uhr.

Der erste Schock.Das erste mündliche Prüfungsfach ist BGB.Wieso das? Laut Plan sollte das erst als zweites rankommen.K.hat fest damit gerechnet, gehofft, sich in einer der kurzen Pausen noch einmal intensiver darauf vorbereiten zu können.Ein schneller sichernder Blick in die Gesichter der anderen Opfer.Sie sind genauso überrascht.Nun, das bedeutet zumindest, daß sie K.gegenüber keinen Vorteil haben.Die Chancen stehen noch immer gleich.Gleich schlecht.K.macht sich keine Hoffnungen.Drei Jahre Fachhochschule, und er ist schon einmal durch die Prüfung gefallen.Ein zweites Mal würde von Seiten der Ausbildungsbehörde nicht toleriert.K.hat niemals besonders gute Noten gehabt, eher Mittelklasse.K.glaubt zu wissen, daß sie ihn durchfallen lassen wollen, aber er hat beschlossen, es ihnen nicht leicht zu machen.

09.30 Uhr.

Geschafft.Es scheint recht gut gelaufen zu sein.K.konnte alle Fragen beantworten.Manchmal mußte er improvisieren, aber das war sein geringstes Problem.BGB ist seit jeher sein bestes Fach gewesen.Doch das war erst der Anfang.Mit Grausen denkt K.an das nächste Prüfungsfach.

09.45.

Die Pause ist vorbei.K.hat vor lauter Nervosität nichts heruntergebracht.Eines weiß er schon jetzt: dieser Prof mag ihn nicht.K.hält es sowieso für eine riesige Ungerechtigkeit, daß jene, die ihn schriftlich geprüft haben, nun auch die mündliche durchziehen.Da ist an Unvoreingenommenheit doch gar nicht mehr zu denken.Und richtig - ein kurzes Zögern reicht.Von da an wird an K.seltener eine Frage gestellt als an die anderen beiden.Ha, von wegen jeder der Reihe nach.Jeder dieselbe Anzahl von Fragen, für jeden eine Viertelstunde.Hier wird K.irgendwie vergessen.Dem Prüfungsvorsitzenden ist das auch schon aufgefallen.Sein unwilliges Stirnrunzeln ist dem Prof nicht entgangen.Plötzlich erinnert er sich wieder an K.Dieser deutet das tückische Glitzern in dessen Augen sofort richtig.Unwillkürlich bricht ihm der Schweiß aus.Und dann prasseln die Fragen auf K.ein.Schwer.Verdammt schwer.K.versteht nur noch Bahnhof und beginnt zu stottern.Verdammt, verdammt, verdammt.

10.30 Uhr.

Wieder Pause.K.hat nach dem letzten Desaster die Hoffnung verloren.Eigentlich könnte er genausogut nach Hause gehen.Mit wachsendem Haß hört er dem Klagelied der anderen zu, wie schlecht sie doch gewesen seien, daß sie garantiert durchfallen würden, blablabla.K.könnte sie erschießen.Erst sie, dann die Profs, und sich selbst hinterher.

10.45 Uhr.

Das letzte Fach.Haushaltsrecht.K.beginnt ernsthaft, sich Sorgen um seine Zukunft zu machen.Wie im Trance beantwortet er die Fragen, ohne zu wissen, ob die Antworten stimmen oder nicht.Und wenn er ehrlich sein soll, ist es ihm auch schon egal.Wieso stellen die Profs den anderen immer die leichteren Fragen?

11.30 Uhr.

Die Profs beraten.K.ist Realist.Er überlegt sich schon, an welcher Uni er studieren soll.Die ist das Gute daran.Versagen an der Fachhochschule ist nicht das endgültige Aus.Man kann dann immer noch an einer Universität studieren.Einen Neuanfang wagen, sozusagen.Einige der schon bestandenen Fächer kann man sich sogar anrechnen lassen.Schade ist es nur um die letzten drei Jahre.K.beschließt, die ganze Geschichte unter "Erfahrung" zu verbuchen.In ein paar Jahren wird er sich darüber schlapp lachen.

11.40 Uhr.

Die Beratung ist zu Ende.Die Prüflinge werden wieder hereingerufen.K.hält sich aufrecht.Jetzt gilt es Würde zu bewahren.

11.45 Uhr.

Ungläubig starrt K.auf das Papier in seiner Hand.Aber jeder Zweifel ist ausgeschlossen, da steht es Schwarz auf Weiß: er hat es geschafft.Er hat sein Diplom.Jetzt ist er Diplomverwaltungswirt.Den gehässigen Kommentar, daß er das nur knapp geschafft habe und auch nur dank des Einsatzes des BGB-Profs, nimmt er nur am Rande wahr.

11.50 Uhr.

Wie im Traum läuft K.zurück zur U-Bahn.Er hat es geschafft, tatsächlich geschafft! Er kann es noch gar nicht fassen.K.ist so in Gedanken versunken, daß er gar nicht mehr beachtet, was um ihn herum vorgeht.Er sieht nicht, wie die Ampel auf Rot springt.Und er sieht auch nicht den Lastwagen, der auf ihn zukommt.

11.51 Uhr.

Knirsch.

Diese Geschichte wurde beim Campus-Kurzgeschichtenwettbewerb mit einem Buchpreis ausgezeichnet.

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