Gesundheit : Der Tagesspiegel

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Von manchen Seiten ist zu hören, unser Bildungssystem brauche mehr private Elemente. Dabei ist im Hochschulbereich an die Einrichtung privater Institutionen gedacht. Dagegen wird niemand etwas haben, wenn sie denn tatsächlich „privat" sind, das heißt, auch in der Finanzierung - nicht etwa wie zwei Mini-Einrichtungen in Baden-Württemberg nur mit staatlicher Hilfe eingerichtet und einstweilen am Leben gehalten werden. Man sollte auch mit der Bezeichnung „Universität" etwas sparsamer umgehen. Gebilde, die gerade einmal eine Ausbildung auf dem Gebiet der Ökonomie anbieten, bestenfalls mit zwei nicht gerade grundlegend unterschiedlichen Abschlüssen, und von der Zahl ihrer Dozenten und Studierenden höchstens die Größe eines Instituts erreichen, stapeln schon ein wenig zu hoch, wenn sie sich Etiketten zulegen, die anderes suggerieren – selbst wenn es der englische Begriff „university" ist. Das alles kann man abbuchen als kleine Eitelkeiten, den Versuch sich ein bisschen größer zu machen als man ist, auch als „Verkaufs“-Argument.

Ärgerlich ist in erster Linie die Begründung für die Einrichtung privater Hochschulen. Da wird behauptet, die deutschen Universitäten entließen nicht die hervorragend ausgebildeten Absolventen, welche die Wirtschaft benötigt. Dies ist nachweislich falsch. In großer Zahl treten sehr gut qualifizierte examinierte Abgänger von deutschen Hochschulen in die Unternehmen ein. Woher kommen ansonsten die Erfolge? Dass es daneben auch weniger gute Absolventen gibt, ist unbestritten. Dies aber ist Folge der politischen Vorgabe, dass jede Universität jeden Bewerber nehmen muss, solange Plätze frei sind. Gäbe es nicht das überholte Zulassungsverfahren über die ZVS, hätte sich längst ein „Markt" entwickelt. Wenn nämlich die Fakultäten ihre Studenten selbst auswählen dürften, würde sich bald herausstellen, welche Einrichtungen besonders anspruchsvoll sind und wo es etwas lockerer zugeht. Dann bedürfte es keiner privaten „Elite“-Universitäten, um den angeblich anders nicht zu befriedigenden Bedarf zu decken.

Und noch ein Widerspruch bleibt, wenn behauptet wird, die deutschen Hochschulen entließen keine Spitzenkräfte. Wo haben die Befürworter privater Institute, die selbst Führungskräfte sind, ausgestattet mit einem nicht zu übersehenden Selbstbewusstsein, ihre Ausbildung erfahren? Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Rolf Breuer, wird damit zitiert, dass er deutsche Hochschulabsolventen pauschal für weniger geeignet hält als die aus den USA oder aus London. Da stellt sich zwangsläufig die Frage, ob womöglich Herr Breuer in Deutschland und sein Nachfolger an einem der gepriesenen Plätze ihre Weihen erhalten haben.

War bisher der Begriff Privatisierung im Bildungswesen in erster Linie mit Vorgängen der geschilderten Art verbunden, so gebührt dem Deutschen Hochschulverband (DHV), der Interessenvertretung der deutschen Universitätsprofessoren, das zweifelhafte Verdienst, eine völlig neue Variante ins Spiel gebracht zu haben. Der DHV-Beratungsservice „genius" bietet Schülern gegen 350 Euro plus Mehrwertsteuer eine nach eigenen Angaben neu- und einzigartige Entscheidungshilfe, welches Studienfach an welcher Hochschule am besten zum Ratsuchenden passt. Vermittelt werden soll dies durch ausgewählte Experten in den Räumlichkeiten des DHV. Der bayerische Wissenschaftsminister Zehetmair hat dies einen verspäteten Aprilscherz genannt; andere wollen gegebenenfalls eine dienstrechtliche Prüfung der Nebentätigkeit in Betracht kommender Hochschullehrer vornehmen.

Man kann das Vorhaben auch schlicht als Skandal bezeichnen. Statt solche Beratungen an Ort und Stelle, nämlich an den Hochschulen im Rahmen der Studienberatung vorzunehmen, wird Schülern und ihren Eltern ein Beratungshonorar abgeknöpft, einschließlich der Kosten für die Anreise nach Bonn. Die Beratung am Ort sei womöglich nicht frei von Interessen, die eigene Hochschule zu favorisieren? Und das ist anders, wenn der Ratgeber in Bonn als Consultant auftritt! Von Möglichkeiten für Schüler, die nicht über die erforderlichen Mittel verfügen, ist keine Rede.

Im Übrigen: Woher wissen denn die Ratgeber, welches Studienfach an welcher Hochschule am besten passt? Bisher hat der Hochschulverband jedenfalls nicht erkennen lassen, dass er Rankinglisten traut und im Besitz entsprechender Erkenntnisse ist.

Der Autor war Universitätspräsident, Präsident der Rektorenkonferenz und parteiloser Senator für Wissenschaft und Forschung in Berlin.

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