Gesundheit : Der Therapeut Horst-Eberhard Richter auf der Jahrestagung der Erziehungs- und Familienberatungsstellen

Gerlinde Uverzagt

"Mir ist es wieder richtig warm ums Herz geworden", raunt die Schöneberger Familientherapeutin Gisela Kaiser ihrer Nachbarin zu. Die Mitarbeiter der Berliner Erziehungs- und Familienberatungsstellen scheinen das ähnlich zu empfinden: Beifall braust auf, als der Psychiater Horst-Eberhard Richter seinen Vortrag "Lernziel Solidarität heute" beendet.

Im Thema Familie und Erziehung ist er seit mehr als vier Jahrzehnten zu Hause: von 1952 bis 1962 leitete Richter die Beratungs- und Forschungsstelle für seelische Störungen im Kindesalter am Weddinger Kinderkrankenhaus. Wie verborgene Rollenzuschreibungen der Eltern an ihre Kinder, die auf ihren eigenen unbewältigten Lebensproblemen beruhen, die Entstehung von Neurosen begünstigen können, fasste er in seinem auflagenstarken Buch "Eltern, Kind und Neurose" zusammen. Er hat damit ganze Erziehergenerationen geprägt. Um Solidarität, und Mitleid geht es Richter. Von der Zeit nach 1968 spricht er, als eine ganze Generation sich vom Rebellentum ab- und den sozialen Bereichen zugewandt habe. "Damals hatten wir ein Gewimmel von freiwilligen Helfern, die sich Obdachlosen, gestrandeten Jugendlichen, Alten und Behinderten widmeten." Kritik und Selbstkritik, Nachdenklichkeit bestimmten das gesellschaftliche Klima. Erziehungsberatungsstellen und Psychotherapien seien damals so gefragt gewesen wie nie vorher. Die staatliche Beteiligung in Gestalt der "Humanisierung der Arbeitswelt, Mitbestimmung und Liberalisierung des Strafvollzuges" habe der gesellschaftlichen Solidarisierungswelle auch eine politische Stimme gegeben, die in Willy Brandts Appell "Mehr Demokratie wagen" Ausdruck fand. Seit Mitte der 70er sieht Richter eine Kehrtwende: der Verlust des Gemeinschaftsgefühls, das Bestreben, Abstand zu gewinnen, steigende Ichbezogenheit und eine enorme Zunahme der egozentrischen Selbstdarstellung in den letzten zehn Jahren - so umreißt er "die soziale Abkühlung" und stellt fest: "Die Reformkräfte der Ära Brandt haben sich verflüchtigt."

Als Ursachen nennt Richter die steigende Härte im kapitalistischen Wettbewerb, die allwaltende Verinnerlichung ökonomischer Prinzipien. Der flexible neue Kapitalismus forme die Menschen nach seinem Bilde um: Der Unberechenbarkeit äußerer Umstände entspreche die innere Verunsicherung, sagte Richter. Die Gesamtheit der Veränderungen bringe für den Einzelnen eine verminderte Verlässlichkeit, gelockerte Bindungen und eine stärkere Ich-Bezogenheit mit sich. "Die Angst vor dem Schwinden der alten Gewissheiten begehrt auf im Ersatzglauben, dass der Mensch als Prothesengott allwissend und allmächtig ist."

Der Irrtum der Allmacht bringe "eine Kultur von unreifen und genialen Adoleszenten hervor, die mit Genen und Atomen spielen," sagt Richter. Der Machbarkeitsmythos schließe die Missachtung des Leidens ein; das Leid werde als Feind betrachtet. Die technologische und wirtschaftliche Rastlosigkeit unserer Tage leugnet Werte wie Mitleid und menschliche Nähe. "Um die Voranstürmenden nicht aufzuhalten, fangen die Hinterherhinkenden an, sich für ihr Scheitern zu schämen." An der Ersparnis von Mitleid Fortschritt festzumachen, das sieht der Psychoanalytiker als Bedrohung: "Selektion ist die größte Gefahr für Gesellschaften, denn sie fallen immer der Verrohung anheim."

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