Gesundheit : Der Tod der Märtyrer

Der Konflikt im Nahen Osten war nicht immer religiös motiviert

Sibylle Salewski

In den Medien gehören Selbstmordattentate und der islamische Fundamentalismus zusammen. Der Islam erscheint als die größte Bedrohung für den Frieden, ja sogar für die Zivilisation an sich. Doch der Westen überschätzt die Rolle der Religion, darin waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion „Religion zwischen Gewalt und Versöhnung“ am Zentrum Moderner Orient in der vergangenen Woche einig. „Religion ist nicht die primäre Ursache gewalttätiger Konflikte“, sagte Thomas Scheffler, Politikwissenschaftler an der Freien Universität. Wenn dem so sein sollte, welche Rolle spielt sie?

„Wenn soziale und politische Konflikte religiös werden, steigt die Zahl der Opfer“ , so der Bremer Religionswissenschaftler Hans Kippenberg. Religiöse Überzeugungen der Konfliktparteien fachen die Gewalt an. Religion stehe aber meist nicht am Anfang eines Konflikts sondern komme erst später ins Spiel, so Kippenbergs These. So wie im Konflikt zwischen Israel und Palästina: Erst ab Mitte der 70er Jahre hätten die Konfliktparteien religiöse Deutungsmuster ins Spiel gebracht. Die Auseinandersetzungen wurden zum Religionskrieg.

Nach dem Motto „Land gegen Frieden“ waren die besetzten Gebiete für die israelische Regierung zunächst ein politisches Pfand. Nach dem Yom-Kippur-Krieg von 1973 aber gewann die Siedlerbewegung an Macht. Gott habe Israel bestraft, weil die Regierung die besetzten Gebiete als Tauschobjekte betrachtet hätte, hieß es. Dabei seien sie doch Teil „Eretz Israels“, des Landes, das Gott den Juden zu besiedeln auferlegt habe.

Auf palästinensischer Seite vollzog sich eine parallele Entwicklung. Nicht mehr die PLO, die als säkulare Widerstandsbewegung gegründete Palästinensische Befreiungsorganisation, galt vielen Palästinensern als Hoffnungsträger. Seit dem Ausbruch der ersten Intifada dominiert die islamistische Hamas. Deren Anhänger beanspruchen das Land als „Waqf“, als jenes Land, das die Muslime in der Eroberungszeit im 7. Jahrhundert den späteren Generationen bis zum Tag der Auferstehung übertragen haben.

Der Moses Palästinas

Aber nicht erst mit der Gründung der Hamas 1987 lässt sich die immer stärker werdende religiöse Deutung des Konflikts auf palästinensischer Seite beobachten. Schon in den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts gab es eine palästinensische Märtyrerkultur. Damals spielten religiöse Motive aber noch keine wichtige Rolle. „Erst der 1942 geborene Dichter Mahmoud Darwisch hat in seinen Gedichten den palästinensischen Märtyrer als Messias geschaffen“, erklärte Angelika Neuwirth, Professorin für Arabistik an der Freien Universität. Er habe einen „palästinensischen Moses“ erschaffen, einen Befreier des palästinensischen Volkes. Die Beziehung des Märtyrers zu seinem Heimatland beschreibe Darwisch als eine im Diesseits unerfüllte Liebe, so Neuwirth: Die Vereinigung mit der geliebten Heimat wird erst im Märtyrertod vollzogen. Darwischs Dichtung sei der Versuch, den jüdischen Schriften etwas entgegenzusetzen. Er habe den Palästinensern „die Schrift zum Land“ geliefert.

Sogar die Israel-Politik der USA, argumentierte Hans Kippenberg, sei religiös motiviert. Für die fundamentalistischen Christen in den USA gehöre die jüdische Besiedlung Israels zu den biblischen Prophezeiungen. Sie zu erfüllen ermögliche erst die Wiederkunft Jesu am Beginn des tausendjährigen Reiches. „Die US-Politik, gerade unter George W. Bush, macht sich religiöse Szenarien zu Eigen, statt theologische Interpretationen zu minimieren“, so Kippenberg.

Und die Versöhnung? Die Teilnehmer waren sich uneins. „Religion gewinnt ihre Energie aus der Bewältigung von Leiden“, so Thomas Scheffler. „Sie kann nicht Frieden stiften, aber nachdem ein Konflikt beigelegt ist, kann sie versöhnen.“ Scheffler verwies auf die Situation im Libanon nach dem Ende des Bürgerkriegs. Vor allem religiöse Organisationen kümmern sich dort um die Bewältigung der Kriegserfahrung, eine Wahrheitskommission, wie sie etwa in Südafrika eingesetzt wurde, gibt es nicht.

Der Religionswissenschaftler Kippenberg blieb skeptisch: Entscheidend für die Versöhnung sei nicht die Religion: „Recht ist das Medium, in dem begangenes Unrecht bewältigt werden muss.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar