Gesundheit : Der Tod kam mit der Post

Woher stammten die mit Milzbrand verseuchten Briefe? Die einjährige Suche in den USA brachte Erstaunliches zutage

Hermann Feldmeier

Der 22. September 2001 hat das Zeug, ein Schreckensdatum in der Geschichte der Infektionsmedizin zu werden. Milzbrand, eine ausgesprochen seltene Erkrankung, von der typischerweise nur Personen betroffen sind, die beruflich mit Tierhäuten oder -fellen zu tun haben, trat aus heiterem Himmel bei Büroangestellten in großen nordamerikanischen Städten auf. Die Verunsicherung in der Bevölkerung wie bei medizinischen Experten war enorm. Vor allem wohl deshalb, weil die Krankheitsfälle unerklärlich schienen und „natürliche“ Infektionen mit dem Bacillus anthracis, dem Milzbranderreger, so gut wie ausgeschlossen waren. Es dauerte drei Wochen, bis allen Beteiligten klar wurde, dass das gehäufte Auftreten der gefürchteten Infektion kein Produkt des Zufalls war, sondern dass jemand Milzbranderreger gezielt als terroristische Waffen einsetzte.

Nach akribischen Recherchen haben die an den Untersuchungen beteiligten Epidemiologen nun Bilanz gezogen und eine detaillierte Analyse der infektionsmedizinischen Daten vorgelegt. Die Ergebnisse füllen eine ganze Ausgabe der Fachzeitschrift „Emerging Infectious Diseases" (EID, 2002, Band 8, Heft 10) und beinhalten ziemlich alles, was Infektiologen und Terrorismusexperten schon immer über Anthrax in Erfahrung bringen wollten, aber hofften, niemals wissen zu müssen.

Insgesamt 22 Fälle von mit Bioterrorismus assoziiertem Milzbrand traten zwischen dem 22. September und dem 14. November des vergangenen Jahres auf. Elf Personen kamen mit dem Schrecken, sprich mit einem glimpflich verlaufenen Hautmilzbrand davon; fünf der elf Fälle von Lungenmilzbrand verliefen tödlich. Die Inkubationszeit – die Dauer vom Moment des vermuteten Kontakts mit Anthrax–Sporen bei zum Auftreten der ersten Symptome – lag zwischen vier und sechs Tagen: zu kurz, um durch eine präventive Gabe von Antibiotika möglicherweise weitere mit Anthrax-Sporen derselben Infektionsquelle infizierte Personen wirksam zu schützen.

Das Alter der Betroffenen reichte von sieben Monaten bis 94 Jahre. Zunächst ohne erkennbares Muster waren auch die geografische Verteilung der Anthrax-Fälle, der Anteil von Männern und Frauen und die Hautfarbe: Zuerst erkrankten zwei Frauen in New York, dann ein Mann in New Jersey. Es folgten im Wechsel Männer und Frauen in Florida, Pennsylvania, Virginia, Maryland und Connecticut und zwischendurch erneute Fälle in New York – so als hätte ein Computerprogramm wahllos Individuen aus den großen Städten der Oststaaten als mikrobiologische Zielscheiben ausgesucht.

Erst als sich die medizinischen Detektive die Berufe der Erkrankten genauer ansahen, wurde so etwas wie ein epidemiologisches Bild deutlich: 14 der 22 Patienten hatten in irgendeiner Weise mit Briefen zu tun, entweder als Angestellte der amerikanischen Post oder privater Kurierdienste oder durch eine Tätigkeit in der Poststelle von Unternehmen.

Da waren zuerst einmal jene Menschen, die die Briefe mit den Anthrax-Bazillen geöffnet hatten. Da sich die winzigen Sporen sofort in der Raumluft verteilten, kontaminierten sich aber auch Personen, die sich zufällig im Raum aufhielten, als der betreffende Brief geöffnet wurde. Diese trugen die Erreger, beispielsweise auf ihrer Kleidung, in andere Räume oder verschleppten sie sogar bis nach Hause. Nur so ist der Hautmilzbrand eines sieben Monate alten Mädchens aus New York zu erklären, dessen Mutter bei dem Fernsehsender NBC tätig war, als dort ein verseuchter Brief eingeliefert wurde.

Sporen, die als Aerosol in die Luft entwichen waren, landeten aber auch auf anderen Briefen und gelangten so in die Hauspost. Oder sie setzten sich auf Papiervorräten fest, die anschließend im Haus verteilt wurden. So wird verständlich, dass in dem Verlagshaus in Florida, in dem nachweislich zwei Anthrax-Briefe in der Poststelle geöffnet wurden, alle 24 Fotokopierer des Unternehmens mit Anthrax-Sporen verseucht waren. Die Kopierer wiederum verteilten die Keime auf bislang unbelastetes Papier und erzeugten ein Papierstaub-Sporen-Gemisch, das als Aerosol erneut in die Luft entwich und in 84 Räumen des dreistöckigen Gebäudes zu einer Kontamination mit Anthrax führte.

In vier Fällen ließ sich auch der Weg zurückverfolgen, den die Post von der Aufgabe bis zum Empfänger genommen hatte. Dabei wurde eine weitere „Route“ entdeckt, über die Anthrax-Sporen zu einem Gesundheitsrisiko werden können: Die Vibrationen der Sortiermaschinen, durch die die amerikanische Post täglich Millionen von Briefsendungen schleust, wirken ähnlich wie ein Teppichklopfer. Anthrax-Staub dringt aus dem Briefumschlag, gerät in die Luft und schlägt sich auf Maschinenteilen nieder. Mitarbeiter, die in solchen Räumen tätig waren, waren dem entsprechend ebenfalls einem Infektionsrisiko ausgesetzt. Zwölf der 22 erkrankten Personen infizierten sich auf diese Weise.

In Einzelfällen wurden die Anthrax-Sporen von rotierenden Maschinenteilen auch auf nachfolgende Briefsendungen übertragen. Diese Kreuz-Kontamination verursachte den Tod einer 94 Jahre alten Frau aus Connecticut. Die Rentnerin starb neun Tage, nachdem sie einen Brief eines Familienangehörigen geöffnet hatte – tragischerweise der einzige Brief, den sie seit Monaten bekommen hatte (siehe Kasten).

Die 22 Erkrankungen lassen sich schematisch in zwei Gruppen teilen: Von neun Fällen, die Ende September auftraten, ging die Mehrzahl glimpflich aus, da die Patienten „nur“ an einem Hautmilzbrand erkrankten. Die zweite Häufung Anfang Oktober führte zu deutlich schwereren Krankheitsverläufen und hätte wahrscheinlich noch mehr Todesfälle nach sich gezogen, wenn nicht auf Grund der ersten Anschlagsserie Verwaltungsangestellte und firmeninterne Sicherheitsdienste bereits ein Augenmerk auf verdächtige Briefsendungen gehabt hätten.

Daraus wird die Vermutung abgeleitet, dass es sich bei den Erregern der zweiten Serie um eine noch gefährlichere Präparation von Anthrax-Sporen handelte. Nach Angaben des FBI war die Größe der Partikel in den Septemberbriefen anders als in den Oktoberbriefen. Der Absender der tödlichen B-Waffen hatte seine Technik „verfeinert".

Die bioterroristischen Anschläge in den USA im Herbst 2001 haben zum ersten Mal in der Geschichte der B-Waffen-Forschung klargemacht, welches zerstörerische Potenzial der Bacillus anthracis hat, wenn der Keim in Form von Sporen über den Postweg versandt wird. Die 22 Fälle zeigen, dass auch Personen, die sich weit ab der inkriminierten Briefe aufhalten, vor einem tödlich verlaufenden Milzbrand nicht gefeit sind.

Während die Epidemiologie der Anthrax-Erkrankungen weitgehend aufgeklärt werden konnte, endete die kriminalistische Spurensuche in der Sackgasse. Klar ist, dass die Mehrzahl der Anthrax-Briefe in zwei Serien um den 18. September und den 9. Oktober in oder in der Nähe von Trenton im Bundesstaat New Jersey aufgegeben wurde. Doch wer die tödliche Fracht in den Briefkasten geworfen hat, bleibt bislang eines der größten Rätsel der Kriminalgeschichte.

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