Gesundheit : Der Todesstreifen: Langsam wächst Gras über die Sache

Julia Thurau

Naturschutz ist wichtig. So wichtig, dass zahlreiche Naturschutzgebiete gesamtstaatliche Bedeutung erlangt haben, wie es im Fachjargon heißt. So wichtig, dass Landwirte Geld bekommen, wenn sie ihre Felder nicht mehr bestellen, und dass manche im Eifer der Renaturierung offenbar nicht bemerken, dass die letzte natürliche Wildnis Deutschlands ausverkauft wird: das Grüne Band.

Was das ist? Im euphorischen Wortlaut der Wendezeit das Tafelsilber der Einheit, eine Perlenkette von größtem Wert, ein Kleinod Mitteleuropas. Nüchtern betrachtet das Gebiet zwischen der ehemaligen deutsch-deutschen Staatsgrenze und dem befestigten Kolonnenweg, auf dem noch vor elf Jahren die Fahrzeuge der NVA patrouillierten und jedem Einhalt geboten, der sich auch nur der Grenzanlage näherte. Ein Gebiet, vermint, menschenleer. Was für den Menschen der Todesstreifen, war für viele seltene Tiere und Pflanzen ein letztes Rückzugsgebiet. Spinnen, Ameisen und Käfer eroberten den Kolonnenweg. Nicht weit davon suchten Füchse und Dachse zwischen den Betonhohlplatten des Kfz-Sperrgrabens Unterschlupf. Die Brachflächen des Minenstreifens sind Standorte unterschiedlicher Vegetationstypen, Feucht- und Nasswiesen Refugien so seltener Pflanzen wie Bachnelkenwurz und Moor-Klee.

1378 Kilometer Wildnis

Dann kam die Wende. Die Grenzen öffneten sich und nach der Minenräumung 1990 betraten erstmals seit 40 Jahren wieder Menschen das bis dahin vergessene Areal. Vor ihnen lagen 1378 Kilometer echte Wildnis. Von der Ostsee über die Elbe und den Harz bis zu den Mittelgebirgen Nordbayerns. Verzahnt mit zahlreichen mehrere Kilometer tiefen Biotopen der früheren Sperrzone im Osten. Zoologen und Botaniker zählten allein im Bereich der Landesgrenzen von Thüringen, Bayern und Sachsen 131 verschiedene Vogelarten (davon 59 der Roten Liste), 40 Libellenarten (darunter 26 der Roten Liste) und über 600 Pflanzenarten, von denen 120 als stark gefährdet gelten. Kein Wunder, dass sich Spitzenpolitiker von Bund und Ländern früh für den Schutz des Gebietes einsetzten. 1995 zeichnete der amtierende Bundespräsident Roman Herzog den ehemaligen Grenzstreifen sogar als modellhaftes Naturschutzprojekt aus. Trotzdem stehen heute gerade mal 20 Prozent des Bandes tatsächlich unter Naturschutz.

Ein Grund: Nach der Wende warfen nicht nur Natur- und Umweltschützer ein Auge auf das frühere Niemandsland. Landwirte erweiterten zum Teil illegal ihre Äcker und pflügten wertvolle Naturflächen um. Ehemalige Besitzer machten Ansprüche auf das Land geltend. Zwar ging der größte Teil der Flächen nach der Wiedervereinigung in den Besitz des Bundes über und wird nun durch die Bundesvermögensämter (BVA) verwaltet, doch ermöglicht seit 1996 das Mauergrundstücksgesetz den vergünstigten Rückkauf durch die Alteigentümer. Erst wenn die Besitzverhältnisse geklärt sind, können Maßnahmen des Naturschutzes greifen.

Jetzt droht dem Grünen Band Gefahr von befreundeter Seite. Die Bundesrepublik Deutschland - immerhin Eigentümerin von rund 90 Prozent des Grünen Bandes - will ihren Besitz im ehemaligen Grenzstreifen verkaufen. Für die zahlreichen Projekte entlang des Grünen Bandes wäre das das Aus. "Wir können das so nicht akzeptieren", betont Karl-Friedrich Thöne vom Ministerium für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt in Erfurt. Thüringen hat mit 737 Kilometern (53 Prozent) den Löwenanteil am ehemaligen Grenzstreifen und fühlt sich für dessen Erhaltung besonders verantwortlich.

Gemeinsam mit den Nachbarländern Bayern und Hessen protestierte Thüringen in einem Schreiben an Bundesfinanzminister Hans Eichel und Bundesumweltminister Jürgen Trittin gegen den Ausverkauf des Naturerbes. Sie forderten Eichel auf, die Flächen unentgeltlich an Thüringen abzutreten.

Einzel- oder Grundsatzentscheidung?

Das Bundesumweltministerium verweist auf Nachfrage auf ein bereits im Juni 1999 vereinbartes Konsultationsverfahren. Demnach werde bei jeder Fläche im Einzelnen über die künftige Nutzung entschieden. Land- und forstwirtschaftlich nicht nutzbare Flächen könnten sogar den Ländern überlassen werden.

Im Thüringer Ministerium weiß man davon allerdings nichts. "Ohnehin würde das nicht viel helfen", sagt Karl-Friedrich Thöne, er fordert eine Grundsatzentscheidung. Für Thüringen ist das Grüne Band weit mehr als ein wertvolles Naturerbe, es habe auch eine wichtige historische Bedeutung, ja, Mahnmalcharakter, betont Thöne. Thüringen hat bereits 1998 ein Leitbild entwickelt. Darin hat zwar die Natur weiterhin Vorrang, doch berücksichtigt es neben der historischem Bedeutung des Bandes ebenso die Interessen der dort lebenden Menschen. "Auch ehemalige Eigentümer und Nutzer sollen die Maßnahmen zur Gestaltung und Entwicklung nicht als zweite Enteignung verstehen."

Ein politisches Leitbild ist wertlos, wenn es nicht in die Tat umgesetzt wird. Insgesamt 28 lokale Projekte sind in Thüringen bereits erfolgreich ins Rollen kommen. Weitere sind geplant. Da werden Pflegepläne erarbeitet, Erlebnispfade angelegt oder Lösungen zur landwirtschaftlichen Nutzung gesucht. Selbst Museen und Naturerlebniszentren werden aufgebaut. Durch die geplanten Flächenverkäufe aber wird den Aktivisten vor Ort der Boden unter den Füßen weggezogen. Schon jetzt sind die Leute unsicher, was mit dem Land, um das sie sich gerade kümmern geschehen wird, bedauert Thöne. Werden die Flächen des Bundes verkauft, geht mehr als ein in Europa einmaliger Verbund von Offenlandbiotopen für immer verloren.

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