Gesundheit : Der tödliche Biss

Die Tollwut ist auf dem Vormarsch. Überträger des Virus sind meist Hunde – neuerdings auch Vampirfledermäuse

Herrmann Feldmeier

Das Tollwut- oder Lyssavirus zählt zu den gefährlichsten Krankheitserregern. Er zerstört bestimmte Hirnareale bei den befallenen Tieren oder Menschen. Wenn zwei Wochen bis 12 Monate nach einem Biss erste Krankheitszeichen sichtbar werden, kommt jede Therapie zu spät. Zudem ist das Lyssavirus sehr anpassungsfähig, kann es sich doch in so unterschiedlichen Tieren wie Kuh, Waschbär, Polarfuchs oder Fledermaus vermehren.

Die Lyssaviren unterscheiden sich je nach geographischer Region und Tierspezies in bestimmten Abschnitten ihrer Erbinformation. So lässt sich mit molekularbiologischen Untersuchungen bei einem an Tollwut verstorbenen Menschen feststellen, woher der Erreger stammt. Die Infektionskette geht in Mitteleuropa typischerweise von einem tollwütigen Fuchs aus und setzt sich über Hund oder Katze bis zum Menschen fort.

Die Erregervielfalt erweist sich als äußerst günstig für die Weiterverbreitung des Virus. Wird das Tier sehr schnell tollwütig und stirbt schon wenige Tage, nachdem sich das typisch aggressive Verhalten mit Zuschnappen und Beißen einstellt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass der Erreger durch Speichel auf ein anderes Lebewesen übertragen werden kann.

Entwickeln sich die Symptome dagegen langsam, so sind sie für andere Tiere wie für Menschen schwierig zu erkennen. Damit steigt die Chance, dass sich der Erreger durch einen Biss beziehungsweise durch Speichel weiterverbreiten kann. In diesem Sinne sehen die Virusforscher die verschiedenen Varianten des Lyssavirus als optimale Anpassung an die betreffende Tierart.

Während in Mitteleuropa der Fuchs das eigentliche Erregerreservoir darstellt, sind es in Afrika und Asien herrenlose Hunde, in Nordamerika Waschbären und Insekten verzehrende Fledermäuse, auf Grönland und in Alaska Polarfüchse und in tropischen Gefilden früchtefressende Fledermäuse. Das größte Risiko für den Menschen stellen aber eindeutig herrenlose Hunde dar. Alleine Indien meldet etwa 10000 Tollwuttote als Folge von Hundebissen pro Jahr.

Es wurde schon länger vermutet, dass auch Vampirfledermäuse Tollwut auf den Menschen übertragen können. Dafür gibt es nun seit diesem Frühjahr erstmals Beweise aus dem Amazonastiefland. Im Mai berichteten die brasilianischen Gesundheitsbehörden, dass im Bundesstaat Pará innerhalb weniger Wochen 22 Menschen an Tollwut gestorben seien, nachdem sie von Vampirfledermäusen gebissen wurden.

Eine derartige Häufung von Tollwutfällen hat es bisher weder in Brasilien noch in anderen südamerikanischen Ländern gegeben. Nach Angaben des brasilianischen Gesundheitsministeriums sind in den Landgemeinden Portel und Viseu auf der Insel Marajo beziehungsweise nahe der Grenze mit dem Bundesstaat Maranhaõ in den vergangenen 12 Monaten etwa Tausend Personen nachts von den fliegenden Vampiren „angezapft“ worden. Nur durch Massenimpfung seien weitere Todesfälle verhindert worden. Eine ähnliche Epidemie wird aus dem Distrikt Baja Baujó im kolumbianischen Teil des Amazonastieflands und aus angrenzenden Gebieten in Venezuela berichtet.

Warum sich die eher scheuen Tiere in den über Tausend Kilometer auseinander liegenden Orten neuerdings nachts auch auf Menschen stürzen, ist unbekannt. Vampirfledermäuse aus der Unterfamilie „Desmodontinae“ holen sich ihre Blutration normalerweise bei großen Vögeln (auch bei Hühnern) und gelegentlich bei Kühen.

Experten des staatlichen Epidemieforschungszentrums von Brasilien vermuten, dass großflächige Abholzungen die Vampirfledermäuse aus ihrem ursprünglichen Habitat verdrängt haben könnten. Da die Wildtiere, von denen sie normalerweise Blut saugen, verschwunden sind, wenden sich die Fledermäuse nun den Warmblütern zu, die in großer Zahl vorhanden sind: den Menschen. Da es in den abgelegenen Amazonasgemeinden keine festen Häuser gibt, sondern die Holzhütten mit Palmstroh gedeckt sind und Moskitonetze wenig benutzt werden, finden die nur etwa neun Zentimeter großen Vampire zudem mühelos Zugang zu den schlafenden Menschen.

Einer anderen Hypothese zufolge laufen derzeit in zahlreichen Fledermauspopulationen des Amazonastieflands Tollwutepidemien ab, die aber in der unbewohnten Wildnis unbemerkt bleiben. Die beißwütigen Vampire wären dann ihrerseits Opfer von Artgenossen, die normalerweise Insekten oder Früchte verzehren, und die das Lyssavirus zu tollwütigen Monstern gemacht hat.

Doch nicht nur im fernen Amazonien ist die Tollwut auf dem Vormarsch. Auch in Osteuropa nehmen die Fälle zu. Laut Weltgesundheitsorganisation stieg im Jahr 2003 die Zahl tollwütiger Tiere verglichen mit den Durchschnittswerten der letzten zehn Jahre in Rumänien um 105 Prozent, in Russland um 179, in Litauen um 310, in Lettland um 333 und in Estland sogar um 509 Prozent. Die Zunahme betraf in ähnlicher Weise Tollwut bei Wild- und bei Haustieren. Im Jahr 2003 wurden in den fünf Ländern insgesamt 5847 Tollwutfälle gemeldet. Die Gründe für den dramatischen Anstieg sind unklar.

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