Gesundheit : Der Traum des Vaters

Yolanda King, die Tochter von Martin Luther King, kämpft für die Menschenrechte. Jetzt besucht sie Berlin

Caroline Fetscher

Jedes Wort, jede Silbe, jede vibrierende Pause ließ die Hörer von Martin Luther King jr. erleben, was er dachte, was er wollte und fühlte. Jeder dritte Montag im Januar ist in den USA „Martin-Luther-King-Day“. Wenn einer eine Ikone ist in den USA, dann King. „I have a dream“ – eine schlichte, nahezu kindliche Aussage, die nichts und alles bedeuten kann, riss damals die Mauern des Rassenhasses ein. Wenn der Redner King, geboren 1929, diesen Satz ausrief, öffnete sich, wie die Tonaufnahmen es bis heute überliefern, der innere Raum bis zum Zittern. Seine Rede sprengte alte Denkverbote und versetzte den Dream in die Gegenwart. Mit diesem Timbre spricht ein Mann des gerechten Umsturzes, ein Revolutionär.

Für seine Frau, Coretta Scott King, als Gesangsstudentin eine schwarze College-Pionierin wie der Theologe, hatte dieser Mann wenig Zeit. Noch weniger für seine vier Kinder. 1955, in dem Jahr, als ihr Vater in Boston seinen Doktortitel in Systematischer Theologie erhielt, wurde in Montgomery Alabama sein erstes Kind geboren. Yolanda Denise, die am Montagabend im Konzerthaus am Gendarmenmarkt zum ersten Mal in Berlin auftritt, war ein zwölf Jahre altes Mädchen, als ihr Vater, der berüchtigte und berühmte predigende Bürgerrechtler und Pastorensohn am14. April 1968 in Memphis, Tennessee ermordet wurde, weil das Echo seiner Worte gegen den Rassismus einer ehemaligen Sklavenhaltergesellschaft prallte und unüberhörbar geworden war. 1957, 1961 und 1963 waren Yolandas Geschwister zur Welt gekommen. 1968 gründete die trauernde, zugleich engagierte und ehrgeizige Witwe Coretta das King-Center in Atlanta, jährlich von 650000 Gästen besucht.

Noch nie hatten es die Töchter des Königs leicht. Ihr Geburtsrecht macht sie zur Prinzessin. Aber wer, muss sich ein Kind wie Yolanda fragen, wer bin ich wirklich? Und wer war er? 1964 hatte Martin Luther King den Friedensnobelpreis erhalten, Leute in aller Welt liebten ihn, zugleich hassten ihn Hunderttausende. Schließlich ermordete ihn einer. Die Prinzessin würde ihn nie wiedersehen, sie musste sich ihr symbolisches System zusammenbauen, wie sie irgend konnte. Die Mutter hatte das Singen studiert, der Vater das Predigen. Was für Chancen blieben Yolanda Denise King zwischen Trauma, Vaterehre und Trauer? Die resolute, inzwischen etwas füllig werdende Frau bahnte sich ihren Weg zu einer Theaterschule in New York, zu Produktionen am Broadway und in den Achtzigern, Neunzigern zu einigen Filmen. Unter anderem spielte sie Dr. Betty Shabazz, die Ehefrau von Malcolm X, in dem Film „Death of a Prophet“ mit Morgan Freeman. Doch ein Star wurde sie nicht.

Gleichwohl sind Coretta King und ihre Tochter mit der Creme de la Creme Amerikas befreundet, unter anderem mit Außenministerin Condoleezza Rice. Heute ist die King-Tochter der „Ikone MLK“ eine Art humanitäre Wanderpredigerin. Sie nennt sich „motivational speaker“, jemand, der Andere durch sein Sprechen motiviert, emotionalisiert. In Kalifornien unterhält sie eine Agentur, die ihre Auftritte vermittelt: Higher Ground Productions, in Anspielung auf die höhere, visionäre und humane Ebene, welche die Menschheit erklimmen soll. Wie eine ganze Menge weiterer Menschenrechtler und Berufsaktivisten der Postmoderne tingelt Yolanda King auf hohem Niveau von Ort zu Ort, von Campus zu Campus und Podium zu Podium.

Sie erzählt, lacht, droht, doziert und dokumentiert ihre Menschenrechtsanliegen mit der Passion einer trainierten Schauspielerin. Sie spricht über den Weltfrieden und die Toleranz, die Liebe und den Sinn der Philanthropie, das Vergeben und Verzeihen, die Weiblichkeit als Prinzip des Friedens und Mann und Frau als ideale Union. Und sie zitiert, wie sollte es bei dieser Berufswahl anders sein, ihren Vater. Sein Erbe, seine Reden.

Auf den Kassetten, Videos und DVDs, die Yolanda Kings Performances präsentieren, hört man mitunter ein paar Augenblicke lang seine Stimme, eingeblendet aus dem Off. Dann schreckt man auf, erstaunt, zutiefst berührt. Schockiert. Canyons, Welten liegen zwischen damals und heute, zwischen dem Vater und seinen Sprösslingen. Was ist der Unterschied? Man wagt kaum, ihn zu benennen. Man denkt an John Lennons Sohn Sean, ein tüchtiger, zarter Halm von einem Jungen im Popbusiness. Oder an den Motorräder – besonders Harley Davidsons – sammelnden Sohn von Che Guevara auf Kuba, ein Mann, dessen fester Händedruck sofort scheu macht, weil man an seinem Blick bemerkt, dass er weiß, dass das Gegenüber weiß, dass er weiß, dass er Ches Sohn ist. Sozusagen berufsmäßig. Und dass er das immer sein wird. Ohne dass man es will, bleibt eine Peinlichkeit von der Begegnung übrig, vor der man flüchten möchte.

Yolanda Kings Unternehmungen auf der großen, weiten, bösen, guten Welt, die sie als Waise und Erbin, als verstörtes Mädchen und frühe Prinzessin aufwachsen ließ, schaden keinem Menschen und können im Prinzip nur Richtiges produzieren. Als erwachsene King-Tochter zieht sie durch die Lande, zu Gast bei indischen, feministischen Guru-Ladies wie bei US-Colleges mit hohem Anteil schwarzer Studenten, um Bürgerinnen und Bürger an das Wirken eines großen Bürgerrechtlers zu erinnern, der ihr Vater war. Sie war keine drei Wochen alt, als die Rassenunruhen in Alabama ausbrachen, weil eine schwarze Frau, Rosa Parks, ihren Sitzplatz im Bus nicht für einen Weißen räumen wollte. Inzwischen hat Yolanda King die Rolle von Rosa Parks auf vielen Bühnen gespielt. Sie identifiziert sich mit der Entrechteten. Soweit sie kann. Soweit ihre Generation das noch kann. Jetzt wird Berlin Gelegenheit haben, die Frau kennen zu lernen, die als Tochter lebt, leben will. Und womöglich leben muss.

Montag, 7. März, 19 Uhr, Kleiner Saal des Konzerthauses, Gendarmenmarkt 2. Der Eintritt ist frei.

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