Gesundheit : Der Ultra-Bassist im Regenwald ist ein echter Feinschmecker

Roland H. Knauer

Die wahren Herrscher und Drahtzieher leben meist im Verborgenen - und das gilt auch in der Natur. Nehmen wir zum Beispiel den Waldelefanten. Kaum ein Mensch hat ihn bisher zu Gesicht bekommen, und wenn, dann erspäht man allenfalls für einen kurzen Augenblick ein Stück graue Haut oder einen dunklen Stoßzahn, bevor der Koloss laut trompetend wieder im Halbdunkel des Regenwaldes verschwindet. Kein Wunder, wenn auch die Zoologen noch recht wenig über den scheuen Herrscher des Regenwaldes wissen. Erst in den letzten Jahren lüfteten sie mit Hilfe moderner Methoden einige Geheimnisse um Loxodonta africana cyclotis, wie sie den Waldelefanten wissenschaftlich nennen.

Dabei hagelt es faustdicke Überraschungen. Bereits vor 3,6 Millionen Jahren begannen sich der Waldelefant und sein größerer Bruder, der Steppenelefant, auseinander zu entwickeln, ermittelten der Wissenschaftler Nicholas Georgiadis aus Kenia und sein Kollege Alan Templeton, sie untersuchten das Erbgut der großen Tiere. Fast so weit wie Mensch und Gorilla oder Schimpanse sind die beiden Elefanten mittlerweile voneinander entfernt. Demnach handelt es sich - im Gegensatz zu bisherigen Annahmen - um zwei unterschiedliche Arten.

Sie differieren jedoch weniger im Aussehen, auch wenn der Waldelefant mit 2,50 Metern Schulterhöhe kleiner als sein Bruder in der Savanne ist und ihm kleinere, dafür aber härtere Stoßzähne wachsen. Viel gravierender unterscheiden sich die Lebens- und Verhaltensweisen. Frisst der Savannenelefant vor allem Gras, schmecken dem Waldelefanten besonders Blätter, Zweige, Rinde und Früchte. "Seine Ernährung ähnelt mehr dem Gorilla als dem Savannen-Elefanten," resümiert Lee White, Wissenschaftler bei der amerikanischen Wildlife Conservation Society (WCS).

150 Lieblingsspeisen

Ein wahrer Feinschmecker sei der Waldelefant obendrein, meint Elefantenexperte Günter Merz, der beim deutschen World Wide Fund for Nature (WWF) in Frankfurt am Main die Schutzmaßnahmen im Bereich der tropischen Wälder koordiniert. Gezielt sucht der Dickhäuter sich aus der schier unermesslichen Fülle von Pflanzenarten seine rund 150 Lieblingsspeisen aus. Der Grund für diese Vorlieben: Die ausgesuchten Arten enthalten besonders viel Eiweiß, Fett und Kalzium. So liegt der Eiweißgehalt der häufig gefressenen Arten bei 18 Prozent, während die verschmähten Arten nur zehn Prozent Eiweiß enthalten.

50 Kilometer bis zum Supermarkt

Als besondere Delikatesse schätzt der Waldelefant Steinfrüchte, wie sie zum Beispiel der Makore-Baum (Tieghemella heckelii) trägt. Angelockt vom Geruch der Früchte wandert der Elefant bis zu fünfzig Kilometer weit gezielt auf diese Bäume zu, um sich den Magen mit Leckerbissen vollzustopfen, hat Günter Merz im Rahmen seiner Doktorarbeit an der Elfenbeinküste beobachtet. Auch der Baum profitiert vom feinen Geruchssinn des Dickhäuters. Seine Samen passieren die Därme nämlich unversehrt und plumpsen mit dem Kot auf die Pfade, die der Elefant in den Regenwald trampelt. Keimt der Samen, versorgt der Dung den jungen Baum gleich mit Nährstoffen. Entlang der Elefantenpfade wachsen daher oft Makore-Bäume. Verschwinden die Dickhäuter, sterben auch die Makore-Bäume aus. Denn ihr Samen keimt offensichtlich nur nach einer Passage durch den Elefantenmagen.

Fast dreißig Prozent aller Regenwald-Riesen verbreitet der Elefant mit diesem Trick. Mindestens fünfzig Baumarten in Zentralafrika sind sogar ausschließlich darauf angewiesen: Wenn sie nicht vorher durch den Darm eines Dickhäuters gewandert sind, keimen sie gar nicht, erzählt WCS-Mitarbeiter Lee White. Das wohl spektakulärste Beispiel dafür ist der Omphalocarbum-Baum. Seine Früchte sind nicht nur so groß wie ein Männerkopf, sie sind auch so hart wie ein menschlicher Dickschädel. Nur der Elefant knackt diese harte Nuß, indem er sie einfach mit seinem Stoßzahn durchbohrt. Der Dickhäuter sorgt so aber nicht nur für die Erhaltung der Pflanzenvielfalt im Regenwald, er mehrt gleichzeitig den materiellen Reichtum Afrikas. Denn viele der im Dung der Dickhäuter keimenden Bäume gehören zu den wertvollsten Hölzern des Kontinents.

Auch das Sozialverhalten des Waldelefanten ist ganz anders als bei seinem Bruder in der Savanne. Zwei, drei, allenfalls sechs Tiere streifen zusammen durch den Regenwald. In der Savanne dagegen schließen sich die Dickhäuter zu Gruppen zusammen, die zwischen acht und über hundert Tiere umfassen. Ihr Lebensraum zwingt den Waldelefanten diese relative Einsamkeit auf. Unter einem Baum im Regenwald finden nun einmal nicht mehr als zwei oder drei Tiere Platz.

Trotzdem scheinen die Tiere das Leben in großen Gruppen nicht ganz aufgegeben zu haben. Offensichtlich verständigen sich Waldelefanten über große Entfernungen mit ultratiefen Tönen, die mit fünf Hertz weit unterhalb des menschlichen Hörvermögens liegen. Die einzelnen Kleingruppen koordinieren mit Hilfe dieser Ultrabässe ihre Wanderungen, um gemeinsam an einem bestimmten Treffpunkt einzutreffen, berichtet Andrea Turkalo, die seit neun Jahren im Südwesten der Zentralafrikanischen Republik das Sozialverhalten der Waldelefanten beobachtet. Genau wie ihre Kollegen in der Savanne trauern die Dickhäuter im Regenwald um tote Artgenossen. Immer öfter zeigen sie in den letzten Jahren dieses Verhalten, berichtet Andrea Turkalo. Der Grund: Auch im Regenwald stellen Wilderer den Dickhäutern nach. Allenfalls zweihunderttausend Waldelefanten streifen noch durch Afrikas Urwald, schätzt WWF-Projekt-Koordinator Günter Merz.

Allein in den achtziger Jahren hat sich die Zahl der Tiere vermutlich halbiert. Nicht nur Wilderei, sondern vor allem das immer tiefere Vordringen von Holzfällern und Diamantensuchern, Viehzüchtern und Ackerbauern in den Regenwald beschleunigt diese dramatische Entwicklung.

Der WWF-Deutschland hat sich daher entschlossen, gemeinsam mit den Regierungen von Gabun, Zaire, der Elfenbeinküste, der Republik Kongo, Kamerun und der Zentralafrikanischen Republik möglichst große Areale des afrikanischen Regenwaldes als Rückzugsgebiet für den Waldelefanten zu schützen. Touristen sollen zum Beispiel im Süden der Zentrafrikanischen Republik die nötigen Devisen für ein aufwendiges Naturschutz-Programm bringen; auch die Einheimischen profitieren von diesen Einnahmen. In den Gebieten zwischen den Reservaten soll der Wald nachhaltig genutzt werden, fordert Günter Merz vom WWF-Deutschland.

In Teilen der Region könne so Tropenholz geschlagen werden, das sich mit einem grünen Ökosiegel in Europa und Amerika gut verkaufen lassen dürfte. Gleichzeitig fühlt sich der Waldelefant in diesen nachhaltig genutzten Gebieten wohl und verbreitet über seinen Kot die gleichen wertvollen Bäume, die eben gefällt wurden. Mit dem Schutz des Waldelefanten erhalten die Naturschützer also langfristig eine sprudelnde Einnahmequelle und haben ganz nebenbei praktisch ein Perpetuum mobile im Naturschutz geschaffen.

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